France, Germany · 150 Days · 33 Moments · September 2017

Französische Seifenblasen


2 February 2018

e i n r e i s e t a g e b u c h « à la prochaine fois » Es ist schwer mich von allen zu verabschieden. Jedem ein „Bis zum nächsten, ungewissen nächsten, Mal“ zuzuwerfen. Die gesamte letzte Woche habe ich genau damit verbracht. Letzte Worte, letzte Kaffees, letzte Sportstunden, letzte gemeinsame Abende. Und zum Schluss immer zwei Küsschen, eins rechts und eins links. Und ich kehre dem leben hier den Rücken zu. Dennoch, wo ich jetzt hier wieder unter der riesigen Kuppel des Bahnhofs sitze überwiegt das Gefühl der Leichtigkeit, denke ich. Ich klappe mein Reisetagebuch zu und es gefüllt mit viel mehr als ich erwartet hätte. Die kunterbunten Erfahrungen, die glitzernde Sprache und die kalten und warmen Gefühle, gesammelt in diesem Buch. Ich bin stolz. Ich bin stolz auf alles, was hinter mir liegt und fühle mich nach diesen fünf französischen Monaten nur noch stärker, wenn ich aufblicke. Die helle Bahnhofskuppel Limoges über mir.

27 January 2018

n a c h t Es war einmal ein Mädchen, das lebte in einem fremden Land. Mit ihren Gedanken, aber war sie schon wieder ganz zu hause, denn sie vermisste alles von dort so schrecklich. Eines nachts jedoch ging sie in die Bibliothek, die ausnahmsweise länger geöffnet hatte und dort erlebte sie etwas, mit dem sie nie gerechnet hätte. Sie nahm sich Fotobände, saß an der dunklen, verregneten Fensterscheibe und versank plötzlich im Paris der 40er Jahre. Sie hörte einer Maupassant-Lesung zu, lauschte dem Lied der der Worte und verstand dabei gleichzeitig ihren Sinn. Sie sah Menschen einen alten Volksreim über den Mond singen. Und genau in diesem Moment verliebte sie sich in diese andere Kultur. Sie wollte immer noch nach hause, aber sie würde auch immer mit einem kleinen Teil ihres Herzens Frankreich lieben.
m i c r o s c o p i e c o n f o c a l e // bilder von meiner zellkultur und ein paar wortfetzen aus einem abgedunkelten raum mit einem riesigen mikroskop und grünem lichtschimmer So rund ist eigentlich kein zellkern. aber es ist schön nicht? auch wenn wir nicht wissen, was es ist, ist es schön. In gelb und grün markiert sind die signalwege, wie die zellen miteinander kommunizieren. sie erzählen sich gegenseitig kleine geschichten. Siehst du wie sich alles tief dunkelblau im kern zusammenballt. das ist die dna. siehst du die dna?

25 January 2018

l e b e n i m b l u t Vollkommen überwältigt hat mich dieser Abend. Tanzende Füße, schwingende Hüften zur Musik und von Zeit zu Zeit Thais Gesicht, das in der Menge auftaucht und mir zugrinst. Sie hatte mich letzten Samstag eingeladen. Zum Soirée Brésilienne. Und jetzt, wo ich sie hier auf der Tanzfläche wippen sehe, kann ich mir auch gut vorstellen, dass genau dieses Blut pulsierend durch ihre Adern fließt. Thais its eine Verkörperung der Lebensliebe, macht ihr Studium in Frankreich, ist hier angekommen. Und dennoch lebt sie erst ganz auf, wenn es zu solchen Abenden ihrer Kultur kommt. Sie lacht und tanzt und singt und lacht. Die Brasilianer tanzen anders. Sie kennen die Schritte für ein paar dutzend Lieder, tanzen sie ausgelassen und feiern das Leben. wann immer jemand Energie sucht, sollte er nach Südamerika fahren - und diese Erkenntnis ist mir in einem kleinen Keller im Herzen Limoges gekommen...

18 January 2018

d e r k l e i n e f o r s c h e r Ich hebe mein Auge vom Okular und sehe auf. Wir stehen in einem dunklen, kleinen Raum mit Milroskopen und Zentrifugatoren und einer Abzugshaube. Monsieur Vedrenne, zwei weitere Forscher und ich. Ich befinde mich in der ersten Woche meines Praktikums, streife in einem riesigen, weißen, wehenden Mantel, meiner runden Brille auf der Nase und einem Reagenzglas mit Proteinen in der Brusttasche durch die Gänge der medizinischen Fakultät. Schaue in alle Bereiche ein wenig hinein. Heute ist es gut. Sie erklären mir eine neue Art von Zellen, die sie entwickelt haben, sprechen begeistert von Erfolgen und ich kann sie sehen, die Zellen, unter dem Mikroskop, wie sie leben. Ich lege mein Auge wieder auf das Okular und blicke in ein Universum.

17 January 2018

e i n b r i e f a n m e i n z i m m e r Für dich muss es seltsam sein. So viele Gesichter hast du schon gesehen. Alle paar Monate lebt ein neuer Mensch hinter deiner Türschwelle und du musst dich immer anpassen. Vor mir war Franzi hier, davor die Britin. Und jetzt bin ich da und niste mich ein. Behänge dich mit meinen Blumenschnüren, verbreite täglich einen Kaffeeduft, klacke laut auf der Schreibmaschine. Ich hoffe dich stören die Schuhe im Eingang nicht und dass ich manche Kisten noch nicht ausgepackt habe, nur muss ich auch erstmal wieder ankommen. Eigentlich schreibe ich dir auch nur um zu sagen, dass ich sehr froh bin, in die ein Regugium gefunden zu haben. Und noch etwas, die goldenen Sonnenflecken gegen 5 Uhr jeden Nachmittag stehen dir ausgezeichnet.

22 December 2017

h e i m k e h r Dieses Gefühl ist unbeschreiblich, fliegt davon, wenn man es zu fassen versucht. Ich stand am Bahnhof, um 5 Uhr morgens, und fühlte mich frei. Meine Familie, Stadt und Freunde nach so langem wieder zu sehen, gibt mir einen Teil meiner selbst zurück. Einen riesigen Teil, der davor immer da war und hier leise, still und heimlich verschwand. Ich komme nach hause. Kann wieder durch Museen streifen, Ringbahnfahren, Swingtanzen, Spielabende machen, mit Salka klettern, ins Theater, in die U-Bahn, in die Badewanne. Ich kann mich geborgen fühlen. Von all diesen Armen, die ich so lange vermisst habe. Ich kann Gespräche führen, die ich so lange gebraucht habe. Ich kann einfach. nach hause kommen.

1 December 2017

m é c h a n t   i n v i s i b l e  Gestern befand ich mich in einem hart erbitterten Kampf. Während sich Hélène beim Chor befand, kämpften Tanja  und ich gegen die „unsichtbaren Bösewichte“ im ganzen Haus. Meist ist meine Arbeit als Kindermädchen abends ein wenig anstrengend, man muss über jede Dusche diskutieren, die meisten Spiele verlieren und darf die kleinen Wutausbrüche nicht persönlich nehmen. Aber heute war es gut. Heute war es aufregend. Während die Nudeln im Topf kochten, schmiedete ich mit Tanja Pläne, dass nur die riesige Jacke von Kostja sie vor den Monstern retten konnte, hob sie auf den Arm um die drei fliegenden Bösewichte in die Flucht zu schlagen und gab ihr einen Gummischlumpf, damit alle vor ihrer blauen Zunge zurückschreckten.  Den ganzen Abend war ich umgeben von unsichtbaren Geschichten und lies mich mitreißen.  Selbst der Schneeregen wurde eingebaut, war das zu hause der Geister, und so musste ich heute morgen sehr lächeln als ich das ganze weiß vorm Fenster sah

29 November 2017

a n e k d o t e Es war ein ganz normaler Mittwoch. Franzi und ich hatten beide später, verbrachten den Morgen mit Briefe schreiben und skypen, gingen einkaufen und fingen schon an den Couscous, Kürbis und Humus für den Abend vorzubereiten. Normalerweise komme ich erst gegen 9 nach hause, was viel zu spät ist um noch anzufangen zu kochen. Als Antoine die Küche betrat. Er sah sich um, Franzi und ich eifrig am Gemüseschnippeln, die riesige Salatschüssel direkt vor uns. Er blickte auf seine Uhr. Und er fing an zu grinsen „Also das nenne ich wirklich efficacité allemande...Es ist Punkt 12 und das Essen für den Abend steht vorbereitet auf dem Tisch“. Wir mussten sehr lachen. Ich glaube manchmal scheinen wir allen hier viel zu sehr organisiert mit unesren Plastikdosen, in die wir jeden Abend den Mittagssalat des Folgetages füllen und unsern Ausflügen am Wochenende „Aufbruch 8.30 Uhr um eine große Wanderung zu schaffen“ während das ganze Haus noch schläft ...eben efficacité allemande ^^

25 November 2017

e l f e n t a l //oder die Geschichte, wie ich kalte Füße bekam. Jeden Monat hatten wir bis jetzt einen größeren Ausflug gemacht. Mal in andere Städte, mal zu Freunden, mal einfach raus. So setzten wir uns auch im Dezember mit dem Rücken an die warme Heizung und planten wegzufahren. Diesmal nicht so weit. Vielleicht einfach mit Antoines Auto in den nahegelegenen Nationalpark Limousin. Vielleicht für eine kleine Tageswanderung. Ein wenig frische Luft und Wälder würden uns guttun. (Wie mit Franzi meist immer) gesagt-getan. An einem frühen Samstagmorgen verließen wir das Haus mit einer Dose warmer Brötchen unter dem Arm und fuhren mit den Klängen unser gemeinsamen Lieder durch eine vernebelte Landschaft. Als wir ankamen, begrüßte uns ein dunkler Wald und ein noch geheimnisvollerer See. Das Mysterium daran war, dass jegliches Wasser fehlte. Nur feuchter Sand und von Zeit zu Zeit ein paar Pfützen. Wir nutzen diesen Umstand um zu einer kleinen Insel zu wandern. Bis es passierte.
Franzi wollte vorausgehen, schauen, ob man an dem Steg auf den Wanderpfad kam und ich stand wartend in der Morastlandschaft. Ungeduldig wie eh und je betrachtete ich das kleine Rinnsal vor mir im Morast. Anschließend erzählte mir Franzi, tränen in den Augen vor Lachen, nur noch, wie sie mich hatte Anlauf nehmen sehen. Je schneller man rennt desto schneller kommt man über die schlammigen Stellen. Nicht ganz. Denn desto mehr Gewicht übt man auch aus. Zum Schluss stand ich also da bis zu den Knien in kaltem schlammigen Boden. Franzi lag lachend auf dem Steg. Es war 10 uhr morgens und unsere Wanderung im verwunschenen Elfental hatte grade erst begonnen.

2 November 2017

s p r a c h e Grade bin ich umgeben von Wörtern und Sätzen und Ausrufen. Ich sitze in einer französischen Geräuschkulisse meines Physikunterrichts. Vous êtes d´accord - au caret - ça fait exposant six - vous avez multiplier? Ich bin fertig mit meinen Aufgaben und sitze lauschend da, genieße die Melodien. In den letzten Wochen hat sich das Denken in der Sprache unbemerkt gewandelt. Unabhängig des Sprechtempos verstehe ich die Personen. Ich kann sprechen auch ohne über meine Worte nachzudenken und verbessere mich selbst im Nachhinein. Mein Resultat dieser Woche ist: Sprachen lernen ist nicht schwer. Vielleicht ist es zu Beginn viel harte Arbeit, sieht man doch zunächst nur dieses unbekannte Konstrukt vor sich, aber beschäftigt man sich ein wenig mit der Grammatik und den Wörtern ist es möglich. Ein wenig Basiswissen und ein Sprung ins kalte Wasser. Das ist es, was Sprachen lernen ausmacht. Der Mut sich einer Sprache voll auszusetzen, sich von ihr zu umgeben und einlullen zu lassen.

1 November 2017

m a r r o n i Wenn man mit Franzosen das Haus verlassen möchte, sollte man sich von Anfang an darauf einstellen, dass es eine ganze Weile dauern kann. Aus einer Zwölf-Uhr-Los-Fahren-Wanderung wird dann leicht mal 14.30 Uhr. Geht nun auch noch 17 Uhr die Sonne unter, nach der Zeitumstellung am Wochenende, findet man sich im finsteren Wald wieder mit einer Gruppe von Freunden, die wie Wölfe heulen und es erwacht die leichte Angst, nicht mehr zurück ins warme Haus zu kommen. Dennoch, diese späten Stunden Wanderung hatten auch ihre Vorteile. Tauchten alles in goldenes Licht. Die gestohlen Äpfel der Plantage. Die dunkelbraun-gemaserten Esskastanien versteckt zwischen braunem Laub. Und das Huckepackwettrennen. Ließen uns so spät nach hause kommen, das nur noch Zeit war zum gemeinsamen Kochen und Zimt-Apfeltarte-Backen. Führten zu einem gemeinsamen Amelie Abend auf dem Sofa mit einer riesigen Schüssel Marroni auf den Knien.

28 October 2017

p a r i s Bilder überfluten mich, wenn ich zurück an Paris denke. Bilder von einer Stadt, die in ihren alten Häusern, gepflegten Gärten und zugewachsenen Mauern so lebendig erscheint als würde es kein Heute und kein Morgen geben. Flohmärkte mit drei Meter hohen golden Spiegeln, kaltes Herbstlicht, das sich in den Scheiben des Louvres bricht, warme holzvertäfelte Bibliotheken, in denen die Luft zu stehen scheint, riesige Gewächshäuser bis zum Rand gefüllt mit Pflanzen, die auf französisch so magisch klingen. Die Seerosen von Monet, in deren Farben man versinkt, die hohen Bögen in der Notre Dame Kathedrale, die sich abends mit Weihrauch und den Gesängen der Messe füllen und die nächtlichen Métrofahrten mit einem Kopfhörer und Keaton Henson im Ohr und den Kopf an Ricos Schulter.

22 October 2017

w ä r m e Dieses Haus strahlte eine unglaubliche Wärme aus. Als wir um die Ecke bogen und er zu mir sagte, das wäre nun ihr Haus fühlte ich mich wie zurückversetzt in eins meiner Kinderbücher mit dem alten Gartentor und dem aus dem Schornstein aufsteigenden Rauch. Die Tür öffnete sich und Claire begrüßte mich aus der Küche, das Essen sei noch nicht ganz fertig, aber dafür gäbe es einen wundervollen Nachtisch. Von oben kamen die beiden Mädchen die Treppe hinuntergepoltert. Wir aßen im Wintergarten und sprachen über Weltkriege und fremde Länder, machten einen Spaziergang durch den anliegenden Wald, zündeten den Kamin an tranken eine heiße Schokolade und hörten Manet Cello spielen. Draußen wechselte der Himmel zwischen Gewitter und Sonnenschein. Und drinnen wärmte mir der Kamin und die Atmosphäre in dieser Familie den Rücken. Es ist das Haus meiner ein-bis-zwei-mal-im-Monat-sehen Gastfamilie hier, ein wertvollen Schatz, den ich gefunden habe und ein wenig Wärme im kommenden Winter.

14 October 2017

e i n r e z e p t f ü r d a s g e f ü h l v o n f r e i h e i t. (1) Man nehme einen Freitagabend, an dem die Gedanken schon beim Soirée des nächsten Tages sind und füge eine Frage von Antoine hinzu "Hättet ihr beiden Lust das Wochenende mit zu meinem Bruder ans Meer zu fahren?". Mische beides gut zusammen mit einer Priser Spontanität und einer ordentlichen Portion Verrücktheit, alle anderen Pläne über den Haufen zu werfen. Lasse alles eine Nacht lang im Kühlschrank aufgehen, Vorfreude entstehen und steige am nachfolgenden Nachmittag in ein Auto gefüllt mit warmen Oktobersonnenstrahlen, 4 WG-Mitbewohnernern und französischer Rapmusik. An diesem Punkt des Rezeptes hält man kurz inne und fühlt den Wind an den Fußspitzen und das Lächeln auf den Lippen. Genießt es voll und ganz.
(2) Wenn sich alles langsam violett färbt und die Wolken am Himmel zu kleinen Tupfern werden, gebe man noch eine kleine Studentenwohnung in Bordeaux hinzu und zwei Männer, Pierre und Emil, die vom Balkon das Auto mit französischen Ausrufen begrüßen. Nach einer weiteren Nacht, diesmal bei sommerlichen Terrassentemperaturen und einer Geräuschkulisse von der Bordeauxer Innenstadt, ist das Gefühl schon so gefüllt mit Glück, dass man es noch kaum in den Händen halten kann. Die Gesprächsfetzen in der Innenstadt, das Lachen von Aziz, noch gespickt mit dem Aufwachen auf einer sonnenbeschienen Matratze und der Duft von Kaffee und frischen Croissants haben dieses spontan geformte Gefühl fast zum platzen gebracht.
(3) Letzte Schritte sind eine kurze Autofahrt mit Buch in den Fingern und den immer stärker werdenden Geruch von Salzluft hinzuzukippen und ein paar frische Baguettes und Käse zu kaufen. Wenn alles nach guten 1 1/2 Stunden aus dem Fahrzeug steigt fehlen nur noch wenige Minuten bis die Zehenspitzen den kalten Atlantik zum ersten Mal fühlen, bis die Dünen hinuntergerannt werden und bis Wellen über dem Kopf zusammenschlagen, die größer sind als man selbst. Am Ende des Tages steht man einfach nur noch da, vollkommen überwältigt von alledem - der Sonne, den eisigen Wellen, den neuen Wörtern, dem Gefühl von Geborgenheit, bei Menschen, die man erst seit wenigen Wochen kennt und dem Lachen, das nicht aus der Kehle zu verschwinden scheint - und der einzige Beweis, dass dieses Gefühl existiert hat ist eine Hand voll Muscheln.

7 October 2017

e i n a b e n t e u r Hier zu leben heißt irgendwie auch, nicht zu Hause zu sein. Ein Fakt, der zunächst offensichtlich erscheint, aber wirklich realisieren tut man ihn erst nach einer gewissen Zeit. Hier zu leben heißt, keine neuen Erinnerungen mit euch, keine Freitagabende mit meiner Familie und auch keine Wanderurlaube im Herbst. Details, die einem doch mehr fehlen, als man es sich selbst eingesteht. Dennoch, man darf in ihnen nicht versinken, muss die Ärmel hochkrempeln und hier in den Tag starten. Aus vollem Herzen. Es ist Samstag. Morgens, nach einem Kaffee im Garten, nahmen wir unsere Fahrräder und fuhren los. Hinein die Landschaft rundum Limoges. Wir folgten der Landstraße bergauf und bergab, bogen irgendwann auf einen geheimen Pfad ab und fanden einen See. Die gefärbten Blätter, die Felswand, das feuchte Gras, die Blätter Minze, die wir fanden und später zu Tee zubereiteten - es hatte sich am Ende des Tages doch sehr gelohnt aus meinem Erinnerungsgarten auszubrechen.

29 September 2017

n u i t d e s c h e r c h e u r s Ich schätze es lag an ein paar kleinen Zufällen, dass ich heute hier war, an einem Ort, der nicht besser zu mir hätte passen können. Gestern, in der Abendsonne, saß ich auf unserer Terrasse als zwei Brüder durch die Tür traten, ein paar Wortfetzen, eine Einladung zum Abendbrot, ein überraschender Soirée mit vielen Spielen und lachenden Gesichtern - all das führte irgendwie dazu, dass ich mitbekam, dass heute die lange Nacht der Forscher in Limoges stattfand.
Direkt vor der Kathedrale, neben den roten Bäumen und einem Gemisch aus Blättern und Sonnenflecken auf dem Boden war eine Handvoll Stände aufgebaut. Ich habe heute unglaublich viele Menschen kennengelernt. Von Virologen, über Crypthographen, Pharmakologen, und Mathematiker. Ich habe heute unglaublich viele Worte gehört über Regenbogenhautmuster, Blitze, durchsichtige Gehirne und Pflanzen. Ich habe heute unglaublich oft die Augen weit aufgerissen überrascht von der Vielfalt, begeistert von einem Thema und konzentriert um all die fremden Wörter in mir aufzunehmen. Aber ich schätze der Satz, der mich heute aus dem tiefsten Inneren heraus glücklich machte kam von einem Astronomen. Nach Sterngeschichten und Ferngläsern, fragte ich, wie er zu der Begeisterung zum All gekommen sei und er sah mich an und sagte „Sind es nicht eigentlich Begegnungen mit Menschen, die kleinste Sandkörner ins rollen bringen?“

23 September 2017

o f f e n e a u t o f e n s t e r vielleicht ist es besser für diesen Artikel Hintergrundmusik zu haben. Nun hier „Nowhere to go - Hurricane Love“. Wir wohnten an diesem Wochenende nicht in Toulouse sondern etwas außerhalb. Bei Freunden meiner Eltern -genossen also auch ein richtiges französisch Frühstück mit Croissants und Kaffee in der Morgensonne- Von diesem kleinen Ort benötigt man ungefähr eine halbe Stunde mit dem Auto in die Stadt. Eine halbe Stunde durch eine Hügellandschaft, vorbei an Feldern und durch kleine Wäldchen hindurch. Man konnte bei offenem Fenster den Kopf in den Wind legen und sich die Haare fortpusten lassen. Sich auf dem Hinweg sogar noch einmal von den letzten Sommersonnenstrahlen kitzeln lassen und auf dem Rückweg versuchen den Punkt zu finden, an dem das Blau des Himmels zu Rot wird. Ich hoffe das Lied läuft immer noch im Hintergrund auf laut gedreht und ihr könnt jetzt mit geschlossenen Augen den Wind um euch herum hören.

22 September 2017

t o u l o u s e Am Bahnhof steht ein Klavier. Menschen stellen ihre Koffer ab, unterbrechen ihren Weg und beginnen zu spielen. Franzi und ich sitzen an eine Säule gelehnt und lauschen einem alten Mann. Gefühlte Töne umspielen das Klavier. Ich habe lang schon nicht mehr so eine schöne Melodie gehört. Tags darauf fuhren wir nach Toulouse hinein. Es wird rote Stadt genannt, für mich ist es die Stadt der Platanen. Überall diese abbröckelnde Rinde. Und die französischen Fensterchen. Toulouse ist riesig im Vergleich zu Limoges. So viele Menschen bin ich schon gar nicht mehr gewöhnt. Wir besuchen Instrumentengeschäfte, Buchhandlungen und eine Kunstausstellung zu Impressionisten. Ich muss gestehen mein Kopf ist leicht überfordert mit der großen Stadt und den ganzen neuen Ideen und der fehlenden Zeit um sie alle in die Tat umzusetzen, aber ich schätze, wannimmer es mich beginnt zu überrennen sollte ich versuchen an die Melodie des ersten Abends zu denken. Und die Ruhe mitten im Getümmel.

16 September 2017

d e r f l u s s Ein schrillender Ton. Ein Blick auf die Uhr. Ein Blick aus dem Fenster. Es war viel zu früh für diesem Samstagmorgen, viel zu dunkel, viel zu kalt und viel zu früh. Dennoch stand ich auf. Ein Tee in der Küche. Ein warmer Pulli. Mein Longboard unter dem Arm. Heute Morgen wollten Franzi und ich den Fluss erkunden - sie joggend und ich mit dem Longboard. Nebel hing über den Bäumen. Die Luft war schneidet an der Nase. Die Brücke lag ausgestorben vor uns. Wir fuhren am Fluss entlang und in dem Moment war ich sehr glücklich. Glücklich, in so einem kleinen Nest gelandet zu sein. Glücklich, jemanden an meiner Seite zu haben. Und glücklich darüber, dass der Herbst kam. Wir kehrten zurück mit kalten Nasen und einer Handvoll gepflückter Blumen. An einer Leine in meinem Zimmer hängen sie jetzt kopfüber, erinnern mich an diesen kalten Morgen im September und geben mir das Gefühl in Limoges anzukommen.

15 September 2017

k a l t e l u f t Es wird Herbst in Limoges. Die Abende werden kühler die Morgende nebliger. Der Regen trommelt öfter gegen Fenster und langsam, ganz langsam, verfärben sich die Blätter rot. Ich denke ich mag es, zu dieser Jahreszeit hier zu sein. Wir essen unser Abendbrot immer noch im Garten, sind nur eben eingehüllt in mehrere Jacken und einen warmen Schal. So sitzen wir in den letzten blauen Stunden des Tages beisammen. Gestern holte Lila noch ein Spiel aus dem Keller. Ein Spiel mit zahlenbeschrifteten Holzklötzen, die man ins Gras stellt und nach bestimmten Regeln abwirft. Wir waren Team ´Étrangers` gegen Team ´Françaises`und verloren zweimal haushoch … trotz der Niederlagen und dem kühlen Wetter breitete sich ein warmes Gefühl in meinem Bauch aus, wie wird dort alle so in Socken und Latschen im Garten standen, die Finger tief in den Ärmeln versteckt und von Zeit zu Zeit laut aufjubelnd.

12 September 2017

d ü f t e Ich stehe in einem kleinen Gastraum gefüllt mit leiser Jazzmusik, einer wärmenden Atmosphäre und einem riesigen Regal voll schwarzer Dosen. Es ist ein kleines Teehaus in der Rue Cruche d'Or im Centre Ville von Limoges. Der ältere Herr vor mir öffnet eine der schwarzen Dosen. Der Deckel klappt auf und wir beide halten unsere Nasen hinein - ça c´est „Le perle de la lune“ un thé anglais - ein süßlicher Duft breitet sich aus, ein wenig blumig und trotzdem im Nachhinein frisch.Ich sehe den Mond vor mir. Es ist gefühlt der dreißigste Tee, den er öffnet und trotzdem nimmt jeder mich auf eine neue Reise, erweckt Bilder in meinem Kopf und lässt mich die Augen schließen, überwältigt von der Vielfalt eines Geruchs und dem passenden Namen dazu. Eigentlich bin ich nur hier um eine kleine Arbeit fürs Wochenende zu finden. Er nannte es einarbeiten, als ich 15 Uhr herkam. Aber nach seinen Erklärungen nimmt der Dampf der heißen Tasse in meinen Händen ganz andere Formen an. Ich muss lächeln.

10 September 2017

der soirée Ein paar Bilder des gestrigen Abends tauchen in meinem Kopf auf während ich hier sitze und male. Es waren viele Gäste in unserem Haus. Viele französische Stimmen. Viele neue Gesichter. Unsere WG Feier. Auf jeden Fall ein Erlebnis, das ich nicht vergessen werde. So viel Französisch, wie gestern habe ich noch nie zusammenhängend gesprochen und so viele neuen Geschichten und Gedanken auf einem Fleck auch schon lange nicht mehr gehört. Die Zeichnungen zeigen vier Personen, die ich nicht vergessen möchte.
Einen Mann, der fasziniert von der Natur ist, die uns umgibt, der einen Adler aus weitester Ferne mit bloßem Auge erkennt, der durch ganz Frankreich reist um seine Leidenschaft mit Kindern zu teilen. Mit riesigen Wanderschuhen stand er in der Küche und tippte sich an die Schläfen als ich ihn fragte, ob er auch Fotos oder Zeichnungen der Tiere und Pflanzen anfertige, "Nein, Nein, das ist alles hier drin". Und seine Augen leuchteten
Lea, unsere Mitbewohnerin. Wir saßen gemeinsam auf dem Sofa draußen im Garten um uns herum ein Höllenlärm und andere Stimmen, die ich ausblenden müsste um sie zu verstehen. Sie erzählte von vielem. Ihren drei Schwestern. Ihrer Liebe zur Thermodynamik in der Schule. Und einem ihrer damaligen Lieblingsbüchern, eine Reihe über das 20. Jhd aus der Perspektiver verschiedener Familien. Das Gespräch floß so vor sich hin und endete schließlich beim Politikunterricht an Schulen. In dem Moment bemerkte ich, wo ich hier eigentlich war. Meilenweit entfernt von daheim. Mit jemand völlig fremden in einem anderen Land mit anderen Hintergründen und Bildungswegen und unterhielt mich über dieselben Probleme, so als wäre sie jemand aus meinem Jahrgang.
Das Ende des Abends bestand aus zwei jungen Männern, die sich sehr in der Art unterschieden, wie sie mit mir redeten. Der eine fast weggedreht, abgelenkt von dem Geschehen um uns herum und nur von Zeit zu Zeit voll im Gespräch aufgehend zu Themen wie Sprachenlernen und Perspektivwechsel - er war jemand der mit Menschen arbeitete, einen anderen Weg gegangen war als vorgeschrieben, aber trotzdem zufrieden mit allem, was er hatte (zumindest soweit ich mir das erlauben darf zu beurteilen).
Der andere, meist zu mir zugewandt, wie ein Wasserfall Fragen stellend, was an diesem Punkt des Abends schon etwas schwierig für mein französisch-umgestelltes Gehirn war, ich glaube meine Verben waren nur noch im Infinitv um diese Uhrzeit....dennoch war es ein wunderbares Gespräch über wissenschaftliche Bücher und Faszination für historische Persönlichkeiten und Arbeitsmethoden. Mit anderen Worten eine Quelle neuer Ideen in einem Thema, das ich liebe. Vollkommen erschöpft der anderen Satzstrukturen, aber begeistert von der Offenheit und Vielfalt schlief ich gestern spät ein. und wachte heute mit einer Katze im Hals auf, wie die Franzosen es sagen würden "j'ai eu un chat dans ma gorge"

8 September 2017

Heute gab es Pasta. Erst einmal ein wenig zu den Küchenregeln. 1. Öl, Herd und Aufräumen werden geteilt - so, wie jeder es grade braucht. Dementsprechend ist unsere Cuisine meist chaotisch und krümelig. Aber es ist ein gemütliches Schmuddlig, in dem man sehr gut mitten mang sitzen, seinen Kaffee trinken und lesen kann. 2. wir haben eine Tafel mit der Überschrift "QUI FAIT QUOI QUAND" - wer macht was wann- denn die unausgesprochene bestehende Regel ist, dass jeden Abend jemand anderes kocht. Was in einer sehr interessanten Mischung aus marokkanischem Essen, experimentierfreudigen Burgerrezepten oder simplen Nudeln mit Pesto (wie heute Abend) endet. Franzi und ich kochten heute für die anderen. Wenn man fertig ist ruft man ganz laut durchs Haus 'à table!' und schon rennen alle die Kellertreppe hinunter an unseren großen Tisch im Garten. Ich denke ich mag diese neue Art von Küchenkultur. Es ist, wie in einer riesigen kunterbunten Familie zu leben.

6 September 2017

D´accord, von Friedili inspiriert, werde ich nun also doch hiermit anfangen und kleine schöne Momente festhalten. Nun also der erste Artikel zu Swantjes-französischem-Seifenblasen-Blog. Momentan sitze ich im Garten unseres Hauses, die letzten Sonnenstrahlen streifen mein Gesicht und ein warmer Kaffee steht vor mir. Aus der Küche dringen Geschirrklappern und französische Rapmusik, Benjamin und Lila kochen. Das Leben ist hier komplett anders, nicht nur die Sprache, auch die Essenszeiten und meine Tagesabläufe . Aber ein gutes „Anders“ mit Momente, in denen ich die weichen Federn eines unserer Hühner streichle, die Straßen zwischen den gelb-braunen Häusern im ersten Gang langsam hochradle oder mit Franzi und der kleinen Madame Micheline die Kathedralen Limoges entdecke. Momentan sind es noch sehr viele neue Eindrücke und es fällt mir schwer ein rundes Bild dieses Lebens hier zu Zeigen, aber vielleicht, entsteht das mit der Zeit…