Switzerland · 8 Days · 38 Moments · July 2018

Olten-Bellinzona (via Gotthardpass)


28 July 2018

Nach 6 h (!) komme ich richtig müde in Bellinzona an. Nach überraschend kurzen 8 Tagen unterwegs kehre ich müde aber zufrieden in 2 ½ h mit der Bahn wieder an den Ausgangsort zurück.
Nach einem kräftigenden Frühstück wandere ich stundenlang entlang des Ticino. Diese Flachetappe macht ihrem Namen endlich Ehre. Keine Steigung, keine Neigung, einfach flach. Andererseits: Das wohl Abwechslungsreichste war der Wechsel vom rechten auf das linke Ufer.

27 July 2018

Ein letzter Marsch durch die Kastanienwälder von Personico, dann in der Nachmittagshitze, aber bei sehr heftigem, kühlendem Gegenwind dem Ticino entlang bis Biasca. Ich bin froh ums (sauteure) Hotel, aber ich habe ja gegenüber der Planung ein paar Nächte gespart 😉. Hoffentlich tragen mich meine geschundenen Füsse morgen noch nach Bellinzona.
Das Wasser fasziniert weiter ... Frisches, kaltes Wasser vom Bach oder vom Brunnen. Einfach herrlich!
Aber vielleicht ist es wie beim Kinderkriegen (?🤔?). Die schönen Erlebnisse und Ausblicke lassen die Anstrengung mit der Zeit verblassen.
Was jetzt kam, beschreibt die Webseite absolut beschönigend als „von hier an gehts bergan“. Es hiess nun stundenlang über 100% Steigung hinaufwandern (oder besser Treppensteigen) bei nur wenig Geländegewinn. Ich habe das Höhenprofil schon angeschaut, aber mir wenig dabei gedacht, sonst hätte ich zweimal überlegt, ob ich nicht einfach dem Fluss entlang wandern sollte. Als dann auf halber Höhe noch eine ‚halbe‘ Sperrung angekündigt wurde, war ich drauf und dran umzukehren. Wegen Holzarbeiten war der Weg eigentlich gesperrt, per Telefon könnte man allerdings eine Unterwanderung der Holz-Seilbahn erfragen. Als das Telefon dann niemand abnahm, beurteilte ich die Sicherheit selbst 🧐 und querte das Tal (der Rückruf erfolgte mehr als eine Stunde später!). Zugegeben der Weiler Faidàl liegt wunderschön über der Leventina (912 müM!), die Rustici sind aber alles Ferienwohnungen. Trotzdem, hier hinauf zu kommen ist kein Schleck, auch auf der anderen Seite nicht.
Dann ging ich durch Kastanienwälder, in denen ich mich tatsächlich verirrte, hinunter nach dem sehenswerten Giornico, wo ich mir ein kleines Frühstück kaufte. Unterwegs komme ich an der verlassenen Kirche San Pellegrono vorbei und erschrecke äsende Rehe. Kaum habe ich mich zum Frühstück am Brunnen gesetzt, werde ich von zwei zutraulichen (vermutlichen) Brüdern umringt; sie setzen sich freundlich zu mir.
Heute war es nicht besser als gestern: über 1000 m hinauf, und am Schluss war ich 400 m tiefer! Vom Campingplatz ging’s also wieder an den Ticino runter, diesem entlang und dann steil hinauf nach Chironico. Die Sonne war noch nicht ganz über dem Berg, so dass es angenehm zum Wandern war. Das Dorf ist sehenswert und gehört heute wie einige andere seit 2012 zur Gemeinde Faido. Die typischen Rustici werden hier meist noch ursprünglich genutzt. Immer wieder stehen heute kleine, hübsche Kapellen am Weg, zT auch mit modernen Fresken.

26 July 2018

Kurz vor dem Einschlafen.
Ich mache etwas vorwärts und laufe bis zum Camping etwas ausserhalb von Faido. Die Auswertung zeigt endlich, warum die sogenannt flachen Etappen härter sind als die Bergetappen. Einerseits plant man etwas längere Etappen (weil ‚man‘ meint es sei ja ringer, andererseits ist es NICHT ringer. Der zurückgelegte Höhenunterschied, insbesondere der Anstieg kann durchaus dem einer Bergetappe entsprechen. Nur geht es noch um Gleiches und mehr hinunter 🤨. Also wie heute: linke Talseite hoch und wieder runter, queren, rechte Talseite hoch und wieder runter, queren, oder auch mal gleiche Talseite hoch und runter und hoch und runter usf. Bilanz: 1400 m tiefer als am Morgen, dabei aber trotzdem 1000 Höhenmeter gestiegen!!! Fazit: meinen Beinen geht es gut, aber sie sind hundemüde 😀.
Faido-Stazione versprüht einen seltsamen Charme mit lauter zerbröckelnden Hotels und Villen. Belebt wird aber das Ganze von seltsamen Tieren 😳. Übrigens: noch selten war ich so froh um die vielen Brunnen in den Dörfern und Städten, die einem das Wichtigste auf so einer Wanderung spenden: KALTES WASSER🙏🏻.
Was die Reuss kann, kann der Ticino natürlich auch.
Nun geht es dem Ticino entlang, zwar immer akustisch untermalt von der nahen Autobahn, aber mitten in der Natur. In Ambri wird aus Wasser Strom für die SBB. Und für Quinto lohnt es sich sogar die Autobahn zu verlassen. Das Dorf ist sehr schön und etwas oberhalb gibt es einen versteckten, hübschen Wasserfall.
Was den Urnern die Schöllenen, ist den Tessinern die Tremola. Ich kreuze sie mehrmals, ebenso die neue Strasse, bis ich nach genau 2h in Airolo angekommen bin. Unterwegs habe ich erst noch Gegenverkehr.
Morgenstund hat Gold im Mund. Gestern habe ich mit dem Feldstecher vergeblich die Gegend nach Munggen abgesucht und nichts gesehen, nur gehört. Heute hocken sie friedlich auf der Strasse und tun verwundert, wer denn um diese Zeit in ihrem Revier herumwandert. Ist ja auch erst 8 Uhr. Übrigens: Autos scheinen sie auch nicht richtig zu stören.

25 July 2018

Und dann bin ich am Höhepunkt meiner Wanderung. Je höher/länger es ging, desto leichter ging es. Ich bin selbst etwas verblüfft. Die linke Ferse hält sich zurück und macht ordentlich mit, der Rucksack scheint fast leichter als am Anfang (gemäss Physik sollte er wohl noch etwa gleich schwer sein, da immer noch das Gleiche drin ist), ich fühle mich nicht müde und es macht immer noch Spass - oder sogar mehr als am Anfang. Morgen beginnt quasi die Kür.
Blumen und Blumenwiesen entlang der Gotthardreuss.
Nun ging’s nur noch der Gotthardreuss entlang, zT über den alten Säumerpfad, über den Gamsboden, den Blumenhüttenboden, den Mätteliboden bis zum Brüggboden. Es gab tausend Aus- und Einblicke auf die Reuss, einer schöner als der andere. Wer nur die Strasse kennt, weiss von all dem NIX!
Das unvermittelte Auftauchen der alten Gotthardpost in Andermatt war zudem unmissverständliches Zeichen, dass ich heute auf die Passhöhe muss. In Hospental mahnte mich die moderne Variante ein zweites Mal. Also schloss ich die Etappe auf die Passhöhe gleich an. Im Albergo reserviere ich schon mal ein Zimmer.
Ich komme überraschend früh in Andermatt an. Mich hält aber nicht viel, so verlasse Sawiris-Town bald wieder und bin flugs im hübschen, gemütlichen Hospental.
Allerdings meint man den Teufel doch im Moment leise lachen zu hören. Es wird hier höllisch gebaut, Fussgänger werden verwirrlich umgeleitet, die Fahrbahn ist einspurig, so dass Velofahrer über die Abschrankung flüchten, es ist lärmig und chaotisch. Aber ich kann sowohl den Wanderern wie den Velofahrern weiterhelfen 😉 - nachdem ich selbst etwas Zeit gebraucht habe, um zu verstehen, was mit all den Schildern gemeint ist.
Die Reuss in der Schöllenen. Schön : beeindruckend.
Der weitere Weg (durch die Schöllenen) wird von Schweizer Ingenieurs- und Baukunst geprägt, beginnend im frühen Mittelalter bis heute. Und Wanderer und Velofahrer kommen nicht zu kurz, da werden perfekte Wanderwege und Velofahrbahnen hingelegt. Ich lerne: 1. Schweizer Perfektion 2. Schweizer Sicherheit 3. Schweizer Verstand und Know-how Nie gedacht, dass ich soviel über das Wesen der 🇨🇭 kennenlerne auf dieser Wanderung.
Nach einem guten Frühstück mache ich mich auf den Weg nach Andermatt. Ich passiere die versteckt liegende Kapelle St. Josef und eine nie angefahrene Bus-Haltestelle. Der erste Abschnitt bis Göschenen bringt mich aber zum erstem Mal zum Keuchen. Es geht hoch und runter, mal über die Autobahn, mal unter der Strasse durch, aber va unerwartet steil hoch 😓. Und ich bemerke, dass hier nicht nur Strom aus Wasser produziert wird.

24 July 2018

Wassemer Impressionen (oder s Chileli vo Wasse einmal anders)
Ja, und dann ab Amsteg geht’s obsi. Aber die Natur entschädigt grosszügig für die Mühe. Und weil das ‚Chileli vo Wasse‘ schon bald sichtbar wird (wenn auch aus der Ferne), ist alles halb so wild.
Wer es noch nicht glaubt: das Reusstal ist vom Verkehr geprägt, akustisch sowieso, technisch, wirtschaftlich. Und manchmal hat es nur mehr wenig Platz für alle Wege. Aber es gibt ja drei Dimensionen. Und das Verrückte: die Reuss hat ihre Schönheit und Wildheit nicht (ganz) verloren.
Der kleine Campingplatz war gerammelt voll, und ich dachte, ich stehe früh auf, aber um 7 waren die meisten Durchgangsholländer schon wieder weg 😳. Die Beine haben sich - wegen Voltaren und Bepanthen oder weil sie‘s nun schon etwas gewöhnt sind - gut erholt, auch wenn die Ferse sich ab und zu meldet. Ob ich die Etappe von 30 km heute oder in zwei Teilen mache, wollte ich erst in Amsteg entscheiden. Von Altdorf an durchs flache Reusstal ging’s aber wie geschmiert. In Amsteg reservierte ich vorsichtshalber ein Zimmer in Wassen - was prompt auch nicht auf Anhieb gelang. Der Weg ist schön, die Reuss kühlt glücklicherweise die schon warme Luft. Fast kitschig liegen die Dörfer in der Morgensonne. Und die Zwerge grüssen freundlich im Zwergenwald (mit Extragruss an Ursula).

23 July 2018

Flüeler Impressionen
Dann geht es wieder über und unter Strassen durch, über Flugplätze und der Emme entlang, begleitet von unzähligen Holzstatuen. Ich bin so zügig in Luzern, das voller Touristen ist, dass ich beschliesse schleunigst das nächste Schiff nach Flüelen zu nehmen. Damit habe ich gemacht, was ich eigentlich erst morgen machen wollte. Nach kurzer Wanderung campiere ich anfangs Altdorf auf dem letzten Campingplatz diesseits des Gotthardtunnels.
Ich bin früh auf und marschiere eine Stunde früher los als bisher. Es ist sehr angenehm zum Wandern durchs Luzerner Hinterland, wie man sich’s vorstellt. Einzig auf Raubvogelattacken war ich nicht vorbereitet. Ich habe sie gesehen und gehört, bin aber ohne Schaden davongekommen.

22 July 2018

ohne Worte
Impressionen zwischen Sursee und Sempach (Schwan/Cygnus olor, Mauereidechse/Podarcis muralis, Seerose/Nymphaea, Kapitol)
Ab Sursee, oder sogar noch etwas vorher, wird es aber brutal, va für die linke Ferse. Praktisch der gesamte Wanderweg besteht aus asphaltierten Strassen, und von Wald keine Spur. Meine guten Schuhe können leider den Unterschied zwischen Waldboden, Mergelstrasse und Teerstrasse nicht ausgleichen. Ganz malträtiert komme ich über Eich und Kirchbühl in Sempach auf dem Zeltplatz an. Erst der Schwumm im See und die heisse Dusche bringen etwas Linderung. Ich bin gespannt auf morgen.
Pünktlich um 8 geht es wieder los, zuerst mal hinauf über den Santeberg und die Chätzigerhöchi. Der angekündigte Regen bleibt nicht nur aus, sondern es herrscht eitel Sonnenschein. Zum Glück führt der Weg vorerst mal meist durch den Wald, hoch über dem Wauwilermoos, an schönen, kaum bewachten Höfen vorbei. Es ging erstaunlich gut, obwohl sich meine linke Ferse schon gestern unangenehm bemerkbar machte.

21 July 2018

Dagmarseller Impressionen
Ich überhole mehrfach langsamere Wanderer, die auch mit einer Unterkunft unterwegs sind, werde ab und zu kritisch beäugt, tanke Wasser und mache an Orten halt, wo ich sonst kaum verweilen würde . A propos Reiden: Noch selten ein soo sauberes, bis zur Sterilität aufgeräumtes und gepützeltes Dorf gesehen; hier könnte man glatt vom Boden essen ohne jegliche Infektionsgefahr! Aber: bei meiner Mittagsrast bei der Kirche finde ich völlig unerwartet, aber zum richtigen Zeitpunkt etwas versteckt ein WC, das nicht nur blitzblank, sondern (!!!) auch offen ist. Danke Reiden! Unterwegs gibt es weiterhin Lehrreiches zu sehen, zB über den Dachaufbau von Bauernhäusern oder die verschiedenen sich ähnelnden Kirchen. Tatsächlich bekam ich im Lauf des Tages nur zwei kleine Regenspritzer ab bei angenehmen Temperaturen: ideales Wanderwetter. In Dagmarsellen finde ich nach 6 h und 22 km einen Nuss-Stengel wie auch ein Zimmer zum Übernachten.
Der Ankündigung von Regen glaube ich natürlich nicht und ziehe Punkt 8 frohgemut von zu Hause los. Das Gepäck ist mit 12 kg auf das Nötigste reduziert, mit Zelt aber ohne Kochutensilien und Nahrung. Es geht zuerst über bekannte, dann immer unbekanntere Wege Richtung Süden. Immer schön dem Wanderweg 7 nach, durch prächtige, artenreiche (und informative) Plenterwälder, auf und über Strassen, durch Siedlungen aller Art oder an ihnen vorbei. Mittelland eben.