Iceland, Greenland · 2 Days · 11 Moments · July 2017

Grönland, Juli 2017: Im Eisbärenland.


10 July 2017

Eine unserer ersten Tätigkeiten besteht dann schließlich auch darin, erst einmal das Gewehr zusammenzusetzen. Ich streite nicht ab, dass die latente Bärengefahr mich mehr als einmal dazu gebracht hat, mich nervös umzuschauen - und die Flinte ist stets in Reichweite (selbst jetzt im Zelt liegt sie zwischen Uli und mir). Wir lassen den Abend mit einem sehr langen Blick über das nahe Eis ausklingen (weit hinein in den südlichen Fjord, ganz in der Nähe einer überwucherten aber erstaunlich gut erhaltenen Eskimo-Ruine, die - ebenfalls mit fantastischer Aussicht - über dem Ufer thront), bis es uns schließlich zu kalt wird und wir uns ins Zelt zurückziehen (während am Tage sechs trotz Sonnenscheins recht kalte Grad Celsius herrschten, zeigt das Thermometer nun am Abend gerade einmal ein Grad). Hell ist es allerdings selbst jetzt gegen 22:00 Uhr noch, erst in anderthalb Stunden soll die Sonne untergehen.
Erstaunlich schnell ist unser Gepäck auf die beiden Kajaks verteilt und verstaut - und ebenso erstaunt nehmen wir zur Kenntnis wieviel Platz wir gar noch hätten. Da hält uns dann nicht viel mehr als das obligatorische Stapellaufbier (noch aus Island mitgebracht) davon ab, in See zu stechen - was wir gegen 16:00 schließlich auch in die Tat umsetzen. Wir wollen zunächst an Tinitequilaq vorbei auf dem kürzesten Weg in den Sermiliq-Fjord gelangen, müssen aber bald feststellen, dass das Eis dort ausgesprochen dicht ist und ein Durchkommen ohne Gefahr zu laufen zwischen diesen Eismassen aufgerieben zu werden, unmöglich ist. Also kehren wir um und versuchen unser Glück auf einer südlicheren, weniger engen Passage. So gelangen wir immerhin an die kleine Insel Sarpaq, wo wir gegen 17:30 Uhr nach etwa 2-3 km anlanden und ein Camp errichten können - mit fantastischer (und nach wie vor eisreicher) Aussicht.
Dann kann es endlich losgehen. Wir tragen die beiden Kajaks, die Uli und ich ausgesucht haben den kurzen Weg zum kleinen Hafen hinunter, wo wir sie zusammen mit unserem Gepäck auf ein Boot verladen (während nebenan eine weitere Gruppe Paddler damit beschäftigt ist, Faltboote vorzubereiten). Gegen halb zwei am Nachmittag legen wir schließlich ab und Luka, ein junger Grönländer aus der Gegend (der, wie er uns später erzählt, früher selbst häufig mit dem Schlitten von Tasiilaq aus dorthin unterwegs war) bringt uns zusammen mit seinem kleinen Bruder schließlich nach Tiniteqilaq etwa 40 km nordwestlich, wo wir wenig mehr als eine Stunde später bei Sonnenschein anlanden, alles ausladen und unser Wassertaxi verabschieden.
Im örtlichen Pilersuisoq vervollständigen wir schließlich unsere (Koch-)Benzin und Bargeldvorräte (man kann tatsächlich beim Kassierer Kronen ‚abheben‘). Gudruns Ehemann überreicht uns noch eine robuste russische Flinte und geht mit uns die verschiedenen Munitionstypen durch (5x laut, 5x Schrot, 5x tödlich), drückt uns auch noch eine Leuchtfackel und extra starkes Pfefferspray in die Hand (letzteres soll einst gar einen Dorfbewohner nach heldenhaftem (oder ziemlich dämlichem) Selbstversuch ins Krankenhaus gebracht haben, gegen Eisbären aber effektiver als das Gewehr sein). Gudrun wärmt derweil noch einmal die Geschichte vom Eisbären auf, der sich vor zwei Wochen hier ins Dorf verirrt hat, versichert uns aber zugleich, dass eigentlich keine Gefahr besteht („They’re just curious.“).
Die beiden Isländer sind etwas neben der Spur (Gudrun erwähnt eine ausgedehnte Konfirmationsfeier am Vorabend) und ihr Haus scheint so etwas wie der Anlaufpunkt der isländischen Diaspora zu sein, denn bald taucht die Crew unseres Fliegers auf, um einen Kaffee zu trinken und zu plaudern. Das verschafft mir immerhin die Gelegenheit, den Piloten kurz über die eindrucksvolle Landung auf der hiesigen Schotterpiste in dichtem Nebel auszufragen - eindrucksvoll freilich nur für mich, er kann daran nichts aufregendes finden.
Endlich in der eigentlichen Siedlung Kulusuk angekommen (ein kleines, und wäre es nicht um den nahen Flughafen und die dort ankommenden (Tages-)Touristen (von denen es viele allerdings offenbar vorzuziehen scheinen, mit dem Hubschrauber direkt ins nicht weit entfernte Tasiilaq weiterzufliegen), auch recht unscheinbares, man möchte fast schreiben ‚langweiliges‘ Dörfchen), machen wir mit ein wenig einheimischer Hilfe Gudruns Haus ausfindig. Zu erkennen ist es freilich auch an den zahlreichen Kajaks, die bereits daneben aufgereiht sind - überhaupt sind viele Kajaks und Gruppen, die Kajaks vorbereiten und bepacken hier im Ort präsent (was uns ein klein wenig alarmiert, sehen wir doch schon vor unserem geistigen Auge vor Paddlern überquellenden potentielle Camp Sites). Als schließlich auch Gudrun eintrifft, besprechen wir die letzten Details, doch es dauert ein wenig bis wir tatsächlich sämtliche Ausrüstungsgegenstände zusammengestellt haben.
Mit nur geringer Verspätung landen wir am Vormittag (Ortszeit, etwa zur selben Zeit zu der wir in Reykjavik (Ortszeit) losgezogen sind) in Kulusuk. Bald werden wir dort von Gudrun und ihrem Mann abgeholt (den beiden Isländern, von denen wir unsere Kajaks leihen). Das heißt, eigentlich holen sie nur unser Gepäck ab, denn wir müssen die 2-3 Kilometer hinüber ins Dorf zu Fuß zurücklegen, im Quad-Anhänger-Gespann ist einfach nicht genug Platz. Doch gelingt es bereits diesem kurzen Marsch durch die karge Felsenlandschaft (hier und da liegt gar Schnee!), das vertraute Grönland-Gefühl zu wecken.
Island entläßt uns mit strahlendem Sonnenschein, aber frischem Wind (der die warme Nacht im Hotelzimmer Lügen straft). Nach kurzem Frühstück (Baguette und Wiener hatten wir gestern noch im Supermarkt eingekauft, Instantkaffee stand im Zimmer bereit) beginnt der Weg nach Grönland etwas holprig. Wir steigen zwar in den richtigen Bus - allerdings die falsche Richtung. Bald korrigiert, erreichen wir (richtiger Bus, richtige Richtung) unser Ziel (den ZOB, der auf Isländisch „BSI“ heißt), müssen bis zum Terminal aber noch einmal einen längerem Fußmarsch zurücklegen (nur um festzustellen, dass der Bus durchaus auch direkt dorthin gefahren wäre). Sei’s drum; wir haben noch genug Zeit, den überschaubaren zu Flughafen zu erkunden. Eine Wechselstube gibt es hier zwar nicht (noch fehlen uns nämlich 250,- DKK zu den 2.500, die der einheimische Jäger für den Bootstransfer nach nach Tiniteqilaq verlangen wird), dafür aber verkauft der kleine ‚Duty Free’ vor Ort Whiskey und Bier zu moderaten Preisen.
Nun sitzen wir also im Flieger von Reykjavik nach Ostgrönland und obwohl es sich um eine vergleichsweise kleinere Maschine handelt (eine Dash-Turboprop), oder vielleicht auch eher: weil, ist jeder Platz besetzt. Schon das (sympathisch kleine und schlichte) Terminal von Reykjaviks innerstädtischem Flughafen hat das Bild, das sich hier bietet deutlich angekündigt: diese Verbindung wird vor allem touristisch genutzt, die mitfliegenden Grönländer lassen sich an einer Hand abzählen. Dass der Tourismus auch im Osten Grönlands derart stark ausgeprägt ist, überrascht mich dann, zugegeben, doch etwas. Unmittelbar vor uns jedenfalls hat eine Reisegruppe beachtlicher Größe eingecheckt: Deutsche, deren Gepäck verdächtig nach Paddeltour aussah (was sich später in mitgehörten Gesprächsfetzen im winzigen Wartebereich am Gate bestätigen sollte). Und sie scheinen nicht die einzigen zu sein - hoffen wir, dass es nicht all zu eng auf dem Sermilik wird.

9 July 2017

Der Flughafenbus setzt uns direkt vor dem Hotel im Laugardalur ab, vergleichsweise zentral in Reykjavik (auch wenn die Straße nicht unbedingt diesen Eindruck macht; sieht ein bißchen nach Industriegebiet aus). War das Wetter in Berlin schon am Morgen sommerlich warm, sind knapp 14°C in Reykjavik durchaus frisch (was für die Isländer offenkundig Sommerhitze zu bedeuten scheint - jedenfalls gemessen an Shorts und Schulterfreiheit, die uns auf unserem Spaziergang zum nahen Supermarkt begegnen). Mit Broiler und Bier können wir dort ein kleines Abendessen besorgen, das wir auch gleich vor Ort in einer abgelegen-ruhigen Ecke des Supermarktparkplatzes verspeisen, bevor wir schließlich in unsere Unterkunft zurückkehren. Es bleibt lange hell. Sehr lange. Auch daran werden wir uns in den nächsten Tagen gewöhnen müssen. Die Tatsache allerdings, dass die Duschen riechen als würde das heiße Wasser direkt aus der Hölle herausgepumpt, ist und bleibt wohl Reykjavik vorbehalten.
Die letzte Nacht im heimischen Bett war eine vergleichsweise unruhige, denn angesichts der grönländischen Eisbärenbegegnungen, die ich am Abend noch im nachgelesen habe, bin ich dann doch ein klein wenig nervös. Nach dem morgendlichen Frühstück und Abschied von der Familie (die Trennung vom Bams und Kerstin stimmt mich etwas wehmütig), schultere ich mein Gepäck und mache mich auf den Weg nach Schönefeld. Dort erwartet mich bereits Uli und bald können wir einchecken. Den Flug nach Island verschlafe ich weitestgehend; werde erst wach als wir allmählich zur Landung ansetzen und am Horizont die zweigipfelige Silhouette des Snaefellsjökull glitzert. Ja, der Snaefells. Den sollten auch später bei der Busfahrt hinein nach Reykjavik noch deutlich vor Augen haben. So gut ist die Sicht, dass ich nun tatsächlich mit eigenen Augen sehen kann, was ich stets für ein Gerücht hielt: dass nämlich der Snaefells in der Tat an guten Tagen auch von der Hauptstadt auszumachen ist.