102 Days · 88 Moments · January 2019

Hubhusa 2.0


15 April 2019

Die Zahl der am Haus vorbei schlendernden Menschen verzehnfacht sich heute. Waren es in den letzten Tagen maximal ein oder zwei Dorfbewohner, die mit Hund und Spazierstock zufällig hier entlang liefen, tuckern heute munter Mopeds, Autos und Fahrradfahrer die Wege rauf und runter. Ich nicke, winke und lächle. Songs des Tages: The Interrupters „Jenny Drinks“ und Social Distortion “Reach for the sky”
Plan Amsterdam. Die Sonne leuchtet, das erste zarte Grün zeigt sich an den Bäumen vor dem Haus „The Jolly Amsterdam“. Im Gebäude selbst herrscht noch immer zwielichtiger Dämmerschein. Mit Vollschutzanzug, Gesichtsmaske und Kamera bewaffnet erkunde ich die obere Etage bis unters Dach. Trotz ein paar Sonnenstrahlen, die sich ihren Weg durch lockere Ziegel bahnen, sieht das Gebälk im Dachstuhl ganz gut aus. Ein Steinchen plumpst zu Boden, Erleichterung macht sich breit. Nicht ganz so rosig sieht es in den jahrelang ungelüfteten Zimmern aus. Die Hoffnung auf einen ebenso heißen Sommer wie im letzten Jahr steigt. Meinem Verstand, der mittlerweile sehr gut gelernt hat, sich nicht mehr allzu sehr einzumischen, entfährt dennoch bei jeder Tür, die ich öffne, ein „Oh Gott, das ist verrückt!“ Doch das Herz hüpft vor Freude, der Bauch lacht sich krumm… Nur noch vorwärts, kein Zurück!

9 April 2019

Aber es erzählt mir viele Geschichten aus vergangenen Zeiten, von durch zechten Nächten, lauen Sommerabenden auf der Veranda und Spaziergängen in den Weinbergen hinter dem Anbau. Es ist alt geworden. Im Oberstübchen zieht der Wind hindurch, die Zimmer sind etwas feucht... In manchen Räumen kann man ohne die Arbeit von Bühnenbildnern sofort Gruselfilme in natürlichen Kulissen drehen... Ah, welch gute Idee! Doch viel faszinierender als das Zurückliegende sind die unzähligen Zukunftsvisionen... Es bleibt also spannend. Fortsetzung folgt... Songs des Tages: STICKSTOFF „Bucket Drum“ und Kodo "O-Daiko"
Meine Sachen aus dem Atelier sind bereits dort gelandet – ursprünglich nur zum Unterstand für eine Woche, bevor es weiter nach Amsterdam gehen sollte. Das Zimmer in der holländischen Metropole ist nun gekündigt. Eingebung, Fügung, inneres Wissen – ich weiß es nicht. Eine sehr spontane Entscheidung. Aber es fühlt sich unerklärlich richtig an. Und das Schönste im Leben ist doch, sich immer wieder selbst zu überraschen. Außerdem ist das Glück auf meiner Seite. Habe mir heute drei Rubbellose gekauft, von denen jedes einzelne gewonnen hat, was an sich schon ein Wunder ist. Aus hundert Prozent Einsatz wurden über zweihundert Prozent Auszahlung. Verdopplung werte ich als sehr gutes Omen. Es läuft also schon jetzt! Top! Wir, das Haus und ich, trinken erst einmal einen Kaffee aus der Thermoskanne zusammen, denn es hat im Moment weder Wasser noch Strom für mich...
Amsterdam muß warten. Hubhusa verabschiedet mich am Tag meines Auszugs mit einem malerischen Sonnenuntergang. Die Wände im Atelier sind nun kahl, die Kisten randvoll. Die Sonne scheint aus vollem Bauch, so dass die Melancholie schnell das Weite sucht. Fleißigste Helfer schleppen, laden ein, laden aus. Tausend Dank! Das Abenteuer „Alte Heimat“ geht in die zweite Runde. Wer hätte das geahnt? Ich nicht! Witzigerweise pünktlich zum Frühlingsbeginn zieht es mich zurück in das Tal an die Unstrut. Hat der Winter in Obhausen mich gelehrt, was für wunderbar skurrile Dinge es hier überall zu entdecken gibt, wird die nun folgende Zeit wohl eine Abenteuerreise ohne Gleichen für mich bereit halten. Ein altes großes Haus hat die Arme weit nach mir ausgebreitet und freut sich über meine Rückkehr. Fast zwanzig Jahre ist es her, dass es hier die letzten Partys und Konzerte gab...

3 April 2019

Im ersten Augenblick denke ich, dass es tausende kleine Fliegen sind, die da mit jedem meiner Schritte davon krabbeln, bei genauerem Hinschauen erkenne ich aber unzählige Springspinnen, die ich mit jeder Bewegung aufscheuche. Sie sind so flink und winzig, dass ich kaum eine davon mit meiner Kamera erwische. Diese Krabbelei wäre eine super Vorlage für die Brutstätte eines Horrorfilms im Makromodus, denke ich und fühle mich dabei ertappt, zu viele komische Filme in meinem Leben gesehen zu haben. Da ich so beschäftigt mit den Spinnen bin, erschrecke ich mich, als Mister Reineke unmittelbar an mir vorbei huscht. Vielleicht war es auch eine Miss, die ihre Jungen im Fuchsbau beschützt. Das kann ich auf die Schnelle nicht erkennen. Fasziniert von der Idee eines hübschen Fuchsfotos, hocke ich geduldig noch eine ganze Weile vor dem Erdloch, in der Hoffnung, dass er oder sie sich noch einmal zeigt - doch scheinbar ist es unter der Erde gemütlicher. Song des Tages: Farin Urlaub "Abschiedslied"
Als mein Bedürfnis, mich in die Büsche zu schlagen, nicht mehr auszuhalten ist - es gab heute eindeutig zu viel Kaffee - hocke ich mich kurzerhand an den Feldrand, ohne mich hinter Sträuchern zu verstecken - kommt ja eh keiner. Just in diesem Moment fährt natürlich das einzige Auto dieses Nachmittags an mir vorbei. Dufte! Ich überlege kurz, ob ich winken soll, entscheide mich aber für Augen zu und Kopf nach unten. Das Hupen sagt mir, dass mich diese Strategie nicht unsichtbar gemacht hat. Egal, wird ja kein weiteres Auto kommen. Es folgen zwei Mopeds. Danach ist es wieder stundenlang ruhig... In einem der drei sehr alten Weidenbäume, die geheimnisvoll am Bachlauf stehen, hat sich der Leibhaftige als Schafskopf verkörpert, im Baum neben ihm ein Fabelwesen mit Schlangenauge. Eine Bachstelze, die ich sonst nur auf dem Boden hüpfend oder fliegend kenne, tanzt auf einem Ast auf und ab. Zu meinen Füßen laufe ich durch Arachnophobialand. So etwas habe ich noch nicht gesehen...
Tag der tanzenden Tiere. Tata! Es ist Frühling - vorbei die lange Winterszeit, die wie im Rausch verflog. Verrückt. Die letzten Tage in Obhausen begleitet mich ein Potpourri aus Regen, Sonnenschein und krähenden Hähnen. Von Wehmut gepackt, streife ich noch einmal über die Felder. Ein Enterich beginnt vor meiner Linse erst die Federn, dann das Tanzbein zu schwingen, als wolle er mir eine Ladung Leichtigkeit ins Gemüt zaubern, bevor er durch hohes Gras davon watschelt. Auf dem Feldweg ist es ruhig wie immer. Weit und breit kein Mensch, kein Hund. Nur Vögel und Käfer kreuzen meinen Weg. Und was für welche! Little Aliens from Outer Space in schillerndem Metallicblau.

25 March 2019

Wie man den Anlasser bei einem alten, eckigen Opel Kadett wechselt, nachdem man ihn geräuschvoll bei voller Fahrt verlor, weiß ich noch. Auch an das tagelange Durchstöbern von Schrottplätzen nach Ersatzteilen erinnere ich mich rege. Es war Fluch und Segen zugleich, in jungen Jahren alte Autos zu fahren. Atemberaubend, das immer wiederkehrende Abenteuer mit qualmender Motorhaube im Stau zu stehen oder ohne Tankdeckel auskommen zu müssen, weil dieser anderen Festivalbesuchern so gut gefiel, dass sie ihn als Erinnerung mitnahmen. Wenn ich so zurück denke, haben mir meine Autos immer wieder einzigartige Erlebnisse beschert, mich oft zum Lachen, manchmal auch zum Fluchen gebracht. Doch was gab es Schöneres, als die große Freiheit, endlich Autofahren zu dürfen!? Am Wochenende nicht der Fahrer sein zu müssen, war vielleicht noch besser... Songs des Tages: Motörhead „Ace Of Spades“ und Willie Nelson & Johnny Cash „Ghost Riders in the Sky“
Steampunk in Döcklitz Man könnte es auch banal eine Werkstatt nennen, dies wäre aber aufgrund der faszinierenden kleinen Welten, die sich durch das Kameraauge zu erkennen geben, zu prunklos. Die Kutsche schwebt über dem Boden, durch die geöffnete Motorhaube leuchtet die Decke. Der fehlende Antriebsblock hat ein großes Loch hinterlassen. Ich bin beeindruckt. Es geht um Kopfdichtungen, wirre Anordnungen von Strippen, Schrauben, Rädchen und allerhand anderen rätselhaften Dingen. Dass das Ganze irgendwann wieder über Straßen rollen soll, erscheint mir im Moment noch fantastischer als die Tatsache, dass der Mensch irgendwann angefangen hat, sich diese fahrbaren Untersätze auszudenken und zu materialisieren. Es ist ein bisschen wie in der Bastelstube vom Weihnachtsmann, nur das diesem der rauschende Bart fehlt. Wallendes Haar, Mütze und Brille sitzen aber am richtigen Fleck...

22 March 2019

https://hubhusa-2-0.webnode.com/hubhusa-2-0/ Hier liest es sich besser zusammenhängend und sieht auch schöner aus... 😉
Ein brauner Wolf reißt mich aus meinen Träumen. Er entpuppt sich als riesiger Hund, der bei meinem Anblick abrupt inne hält. Ohren werden aufgestellt, das Fell auf dem Rücken zu einem Kamm geformt. Dann setzt er laut bellend zum Sprint an. Ich bin das Ziel. Na prima! „Der tut nüscht!“, höre ich einen Mann rufen. Wie sehr ich diesen Satz doch liebe, vor allem wenn besagter Hund an mir hoch springt, während Herrchen noch meterweit entfernt ist. Aber da ich Hunde an sich sehr doll mag, bleibe ich, so cool es in diesem Schreckmoment geht, starr stehen. Hund beschnuppert mich, ich begrüße ihn. Alles gut. „Sehense, der will wirklich nur spielen.“ Herrchen hat uns endlich erreicht, grinst und geht wortlos weiter. Mein Weg führt mich entlang wunderbarer Wege zurück nach Obhausen. Das große Herz aus Pfütze weist mir den Weg. Songs des Tages: Shelter “Beyond Planet Earth“ und „When 20 Summers Pass“
Heute ist es die Sonne, die vom Himmel strahlt. Noch einmal begebe ich mich in dieses hübsche Tälchen. Zu Fuß ist es ein Klacks dorthin, wenn man auf Anhieb den richtigen Feldweg trifft. Natürlich verbummle ich mich beim Fotografieren, beobachte ausgiebig rote Feuerkäfer, entdecke riesige Wurmlöcher, in denen entweder die Lindwürmer hausen oder sich Portale zu anderen Dimensionen verstecken. Selbst die blaue Tonne, die hier einsam in der Gegend herumsteht, könnte rein theoretisch ein verstecktes Tor zu einer anderen Zeit sein. Wer weiß das schon. Auf den Feldern herrscht indes reger Betrieb. Traktoren tuckern unentwegt im Sauseschritt an mir vorbei...
Wurmlöcher im Tieftal. Dank örtlicher Insider lerne ich das Tieftal von Weidenbach kennen. Ein kleiner magischer Ort. Es riecht bereits nach Sommerfrische, auch wenn die Blätter der Bäume den Weg ans Licht noch nicht gefunden haben. Der Vollmond strahlt vom Himmel, während sich Hase und Fuchs irgendwo heimlich Gute Nacht sagen. Die Überreste eines Rehs liegen stilvoll im Gras. Früher fuhren Wagemutige mit Zweirädern die Hänge auf und ab, heute lädt stille Idylle zum Träumen ein. Knorrige Äste sind mit gelben Flechten behangen, Greifvögel ziehen lautlos ihre Runden...

18 March 2019

Langsam dämmert es mir. Schnell die Treppen hinunter gewirbelt, Taschenlampe am Handy eingeschaltet und der Kandidat erhält hundert Punkte. Schlüssel steckt im Zündschloss, alle Türen samt Kofferraum verriegelt. Super. Läuft. Es ist zu spät für Kurzschlußhandlungen, außerdem habe ich Hunger. Ein kleiner Nachtspaziergang durch Obhausen hat noch keinem geschadet. Alles andere wird sich finden... Songs des Tages: Die Goldenen Zitronen "Nützliche Katastrophen" und The Interrupters "Take back the power"
Es fühlt sich merkwürdig an, unter einer Autobahn entlang zu laufen, kommt in meiner Welt nicht so häufig vor. Architektonisch ist das Ganze aus dieser Perspektive allerdings sehr beeindruckend. Auch die mir bereits bekannten Bahnschienen führen ihren Weg durch das kleine Weidatal fort. Frühblüher recken sich zur Sonne, die ab und an mal durch die Wolken lugt, Amseln und Spatzen trällern um die Wette. Wie schön, denke ich, als der Regenschauer wie aus dem Nichts auf mich hernieder prasselt. Egal. Der Regenschirm ruht sich im Kofferraum aus. Das Atelier ist heute bis in die späten Abendstunden mein Freund. Die Kisten füllen sich, die Leinwände ebenso. Als das Knurren im Magen nicht mehr zu ignorieren ist, beschließe ich die Segel zu streichen. Alles wird gefunden, einzig der Autoschlüssel fehlt. Ich leere jede Tasche zweimal aus, drehe jedes Blatt dreimal um, suche im Mülleimer, auf dem Klo und an Orten, an denen ich niemals nicht einen Schlüssel ablegen würde, aber man weiß ja nie...
Von Schlüsseln und Brücken. Ein seltsamer Montag. Der Wind streift nach wie vor ziellos um die Häuserecken. Scheint, als wisse er nicht, wohin er soll. Schaut mal hier und guckt mal da, macht ein bisschen Radau, um am Ende in aller Stille zu verschwinden. Hinzu kommen die Brücken, die heute meine Wege kreuzen. Die Autobahnbrücke unterquere ich zu Fuß, die Zugtrasse mit dem Auto. Und Ha! Auch von Esperstedt nach Kuckenburg ist es per pedes ein Katzensprung. Diese Erkenntnis ereilt mich kurz nachdem ich mein Auto in Esperstedt am Ende einer Sackgasse parke. Der Weg über die offiziellen Verkehrsrouten brachte mir die Illusion, Esperstedt wäre von Obhausen und Kuckenburg sehr weit entfernt. Doch mein kleiner Spaziergang belehrt mich eines Besseren. Interessant finde ich die Tatsache, dass mich das Eulenschild vom Weiterfahren abhält, was ich natürlich gern und bereitwillig tue, hundert Meter vorwärts aber das Rauschen unzähliger Autos die Naturschutzidylle zerhackt...

12 March 2019

Von Amsterdam nach Hubhusa 2.0 Das Leben ist oft ganz wunderbar schräg. Da fährt man nach Amsterdam, um dort an die Heimat erinnert zu werden. Trifft Menschen aus fernen Ländern, die einen selbst ins eigene zurück bringen... In Obhausen stürmt es. Die gelben Tonnen vor dem Atelier haben große Freude daran, immer wieder von mir aufgestellt und eingeräumt zu werden, nachdem sie ihren Inhalt großzügig über Hof und Parkplatz verteilen. Das große Bild unter meinem Arm wird zum Segel und katapultiert mich schwankend am Auto vorbei. Der Wind hat wahrlich Kraft. Die letzten Tage waren aufregend, voller Inspiration, neuen Wegen und verlangen nach baldigen Entscheidungen. Oft braucht es den Umweg über die Ferne, um das Naheliegende zu erkennen. Den Sturm, der alles aufwirbelt, um Klarheit zu schaffen. Eine Billardkugel, die an alle Banden stößt, kreuz und quer über den grünen Samt rauscht und am Ende den sicheren Weg in ihr Ziel findet... Fortsetzung folgt. Song des Tages: EA80 -Auf Wiedersehen

5 March 2019

Der Tag an sich ist nach hinten hinaus ein voller Erfolg. Die ersten Besichtigungstermine stehen, zweimal im falschen Zug gesessen und trotzdem angekommen, und unfreiwillig einen Action-Rupper-Film im Hostel geguckt. Mal sehen, was der Abend noch bringt... Songs des Tages : Etiquette Mona "Amsterdam" und Johnny Cash "Hurt"
Im Vorgarten eines schicken kleinen Hauses liegt eine ebenso schicke Dame auf allen Vieren. Ich muss das Bild kurz einordnen, bevor ich los renne. Sie ist gestürzt, hat eine Stufe übersehen, kommt nicht mehr alleine hoch. Nach einem Schwall Niederländisch begreift sie, dass ich nur Englisch verstehe. Sie lässt mich ihr Gesicht, den Rücken und ihre Sachen begutachten. Alles gut, keine Schrammen, einzig die Nase hat etwas abbekommen. Sie ist wirklich eine sehr schicke, ältere Lady. Ihr Fuß schmerzt. Humpelnd geleite ich sie zu ihrem Fahrrad, mit dem sie sich mutig von dannen bewegt. Ich bin beeindruckt. Da ich selbst etwas angeschlagen bin, probiere ich angepriesene Amsterdamer Kekse zum Kaffee. Ein Gedicht. Banksy und Co im Moco bescheren mir eine Gänsehaut, van Gogh und Freunde werde ich morgen beehren...
Von Obhausen nach Amsterdam Blaue Stunde am Morgen. Es dämmert. Es ist kurz nach sieben. Zwölf Stunden Busfahrt liegen hinter mir. Habe ich doch wieder einmal die Streckenführung völlig unbeachtet gelassen. Ein kleiner Bogen über Berlin, Hamburg, Bremen und Groningen verdoppeln die Fahrtzeit nach Amsterdam. Gut für den Rücken. Abhärtung. Das Hostel ist nach drei Stunden Fußmarsch schnell gefunden. Endlich das Gepäck loswerden und in Kunst und Kultur stürzen. Es ist wirklich keine Übertreibung, wenn ich hier erwähne, dass durch sämtliche Straßen herrliche Düfte ziehen. Der Amsterdamer ist ein entspannter Mensch, wie ich gleich feststelle.

25 February 2019

Es gibt Stege und Brücken, die über das Bächlein führen, einen Milan, der friedlich über das Dorf kreist und eine Autobahnbrücke am Ende der Straße. Zwei ältere Damen grüßen mich, als ich an ihnen vorbei laufe. Eine sitzt klassisch mit Kissen unter den Ellenbogen aus dem Fenster schauend im Haus, die andere steht mit Kopftuch und Fahrrad auf der Straße davor. "Kanntest du die junge Frau?" "Nee, die kenne ich nicht." Da ich noch keine drei Meter von ihnen entfernt bin, drehe ich mich kurzerhand um und stelle mich vor. Ein wenig muss ich schmunzeln, ihre perplexen Gesichter zu sehen. Wir plaudern kurz über dies und das. Nach meiner Verabschiedung warten sie dieses mal etwas länger, um das Gespräch über mich fort zu setzen. Einen kleinen Teil von Esperstedt kenne ich nun. Bei weitem aber nicht den gesamten Ort. Denn auch dieser ist überraschenderweise viel größer als erwartet. Jetzt geht es zurück nach Obhausen - Kamera und Schuhe wollen mal wieder geputzt werden...
Voller Enthusiasmus erklimme ich mit der Kamera in der Hand die Böschung. Ein fataler Fehler. Nach zwei Schritten rutsche ich ab und lande im Schlamm. Die Kamera ebenso. Alle Rettungsmaßnahmen werden eingeleitet, machen das Szenario aber nicht besser. Mit schmutziger Jacke, schlammverschmierten Schuhen und einem "Arghhhh" auf den Lippen, setze ich meinen Abenteuerausflug fort. Natürlich entdecke ich nun die kleine Treppe, die direkt zur Bank führt. Schöne Aussicht. Drei Pferde begrüßen mich neugierig auf einem Platz neben dem Dorfladen. Imposant, sie so nah vor meiner Linse zu haben. Sie wackeln mit ihren Nasenlöchern und nicken hin und wieder freundlich mit den Köpfen. Ich muss ihre Anfrage nach Knabbereien leider verneinen. Also ziehe ich weiter. Vor der Kirche liegt ein zerfallenes Haus, dessen Eingangstür das Einzige ist, was noch steht. Merkwürdig....
Iren aus Esperstedt. In die Gästewohnung nebenan sind neue Leute eingezogen. Nachdem ich ihnen gestern Abend ausgiebig zuhören durfte, treffe ich die Mutter der rennenden Kinder nun im Hausflur. Wir kommen sofort ins Gespräch. Es stellt sich heraus, dass sie auf ihrem jährlichen Heimatbesuch sind. Sie kommen aus Dublin. Ihre ursprüngliche Herkunft ist Esperstedt. Dieser Teil der eingemeindeten Ortschaften von Obhausen ist ein blinder Fleck auf meiner inneren Landkarte. Meine Erinnerung kann nirgends auch nur einen Hauch von Esperstedt finden. Kurz und gut, ich war noch nie in meinem Leben dort. Also, auf geht es! Das Abenteuer ruft. Esperstedt liegt in einem Tal. Steile Hänge zu beiden Seiten. Ein kleiner Bach zieht sich durch das Dorf, umrandet von Gärten, Wiesen, Spielplätzen und allerhand Bäumen. Mein erster Weg führt mich auf eine der Hangseiten hinauf. Eine kleine Bank lädt mich ein, auf ihr Platz zu nehmen und die Aussicht zu genießen...

24 February 2019

Thüringen mal anders. Man braucht keine Stunde, um von Obhausen das Thüringer Land zu erreichen. Es ist eine kleine Reise, die das Herz bewegt. Der Februar zeigt sich von seiner sommerlichen Seite. Temperaturen zweistellig, keine Wolke trübt den Himmel. Top! Wir sind ein illustrer Haufen langjähriger Freunde, die mit Gin, Mangoschnäppschen und italienischer Pizza originale Thüringer Spezialitäten kosten. Die Tage verschwinden in Windeseile ebenso schnell, wie sie auftauchen. Lachen, alte und neue Geschichten sowie gute Musik verkürzen uns die Nächte. Meine Kamera freut sich über verlassene Fabriken, leerstehende Häuser und diverse Flügelschläge der überall herumschwirrenden Tauben. Nun ist es spät. Die Erlebnisse hallen nach. Hubhusa hat mich wieder. Songs der Tage: Morrissey „Everyday is like sunday“ und Dividing Lines „Tell me a story“

17 February 2019

Die ersten Mücken tanzen in der Sonne, Asbest wird langsam von grünem Moos erobert. Mit geschlossenen Augen lasse ich mich von Klärchen wärmen und lausche dem Gurren der Tauben... Songs des Tages: Buena Vista Social Club „Chan Chan“ und Manu Chao „Bongo Bong“
Heute steige ich Treppen. Vielleicht bin ich auch am falschen Ort, wer weiß das schon. Im oberen Geschoss fliegen die Tauben ein und aus. Erst wünsche ich mir ein bisschen das kindliche Herumstromern mit meinen Freunden zurück, dann ein wenig das ausgelassene, jugendliche Abhängen mit ebendiesen. Alle anderen Erinnerungen bleiben heute in der Kiste. Der Prellbock ebenso...
Lost Place in QFT. Nach durchmachten Nächten empfiehlt es sich, bereits am frühen Morgen Frischluft und Sonnenschein zu genießen. Frühling im Februar ist toll. Mein Ziel ist ein verlassener Ort am Ortseingang von Querfurt - aus Döcklitz kommend. Die Tore stehen offen, durch die glaslosen Fenster strahlt die Sonne. Querfurts krassester Club lud hier für ein paar kurze Jahre zu Party und allerhand mehr ein. Allerdings kenne ich dieses Gelände ausschließlich im vernebelten Dunkel, so dass mir die Orientierung im Hellen etwas schwer fällt. Zudem ist es viele, viele Jahre her, dass junge Menschen hier ihre Coolness lässig zwischen Theke, Tanzfläche und Freigelände hin und her trugen. Das Deep End war im Keller, soweit meine Erinnerung...

14 February 2019

Das Bushäuschen lässt Bilder meiner eigenen Dorfkindheit aufblitzen. Als jahrelange Fahrschüler haben wir uns im Winter in ebenso einem Unterschlupf manchmal vor dem Bus versteckt, um der Schule ab und zu mal fern zu bleiben, im Sommer schmiedeten wir dort wilde Pläne, tauschten vergessene Hausaufgaben aus oder starteten von diesem Treffpunkt aus die kleinen Abenteuer, die man als Dorfkind mit seinen Freunden erlebt, bevor man sich pünktlich zum Abendessen am Küchentisch einzufinden hatte. Doch Döcklitz hat viel mehr zu bieten, als diese eine Straße, nur hebe ich mir die anderen Ortsteile für spätere Ausflüge auf. Gibt ja noch viel zu entdecken... Songs des Tages: EA 80 "Was ist geblieben" und Depeche Mode "But not tonight"
Ich wandere einen kleinen Feldweg hinter den Gärten von Döcklitz entlang. Die Vögel singen heute vom Frühling. Ein schwarzes Schaf erzählt mir von der Freude, aus der Reihe zu tanzen, während nebenan auf dem Acker die Spatzen spielen. Zwei auf einem Zweig sitzende Vögel entpuppen sich beim genaueren Hinschauen als verschrumpelte Früchte. Opfer der Zeit... Der Weg endet in einer Kurve, die direkt auf den Boulevard von Bad Schön D. führt. Dank Umgehungsstraße kann ich seelenruhig den Mittelstreifen fotografieren. Eine Katze wechselt die Bordsteine, um es sich in einer Grasruinenlandschaft gemütlich zu machen. Ein bisschen erinnert sie mich ja an Gollum mit Fell...
Sonne in Bad Schön Döcklitz. St. Cyriakus ist beeindruckend und irgendwie fehl am Platz. Sie kommt mir unheimlich alt vor. Umso erstaunter bin ich, dass die Kirche erst im 19. Jahrhundert gebaut wurde. Die Uhr hat keine Zeiger mehr. Vielleicht sind sie beim letzten Versuch einer Zeitreise zerstört worden. Die Drähte hängen noch. Auch ein bisschen Hogwarts schimmert zwischen den Backsteinen hervor. Seltsam ist zudem ihr Standort. Am Ende oder Anfang, je nachdem, wie man es betrachten will, des Ortes. Möglich, weil das Dorf schon stand, als die Kirche kam. Ein kleiner Bussard beobachtet mich die ganze Zeit von einem Baum aus. Er scheint sich zwischen all dem Geäst unentdeckt zu fühlen...

12 February 2019

Außerdem habe ich in den letzten Tagen so viele Geschichten über ehemalige Einwohner - mögen sie in Frieden ruhen - gehört, dass mir der Lauf des Lebens, der unweigerlich für uns alle mit gleichem Ergebnis – die Wahl besteht einzig zwischen Grube oder Urne - endet, wieder einmal mehr ins Bewusstsein rückt. Die Sonne schickt mir gerade die letzten Strahlen des Tages durch mein Fenster. Sie hatte heute ihre Not, freie Plätze zwischen den Wolken zu finden. Aber immerhin hat sie es nun, ein paar Minuten vor ihrem Untergang, geschafft. Das zählt. Songs des Tages: Oxo 86 „Für immer jung“ und Bruce Springsteen „Dancing in the Dark“
Die Rattenfänger von Obhausen. In Obhausen sind die Ratten los. So zumindest, steht es heute in der Tageszeitung. Die Kanalisation ist voll davon, wie einst im alten London. Ich sage ja, Obhausen hat etwas Rätselhaftes an sich. Schwarze Raben am Himmel, Kolonien von Ratten im Untergrund, tagelanger Nebel oder Sturm. Wenn das mal keine perfekte Kulisse für eine neue Geschichte á la Sherlock Holmes ist. Ich suche Wege, auf denen ich zu Fuß in die umliegenden Ortschaften gelangen kann. Meine abenteuerlichen Versuche mit dem Auto scheitern entweder in einer Schlammschlacht oder an derartigen Huckelpisten, so dass ich die Suche morgen Früh auf die Füße verlegen werde. Das Internet erzählt mir vorab einiges über Stadt- und Feldwege in der Umgebung. Allerdings auch Dinge, von denen ich nicht weiß, ob ich sie überhaupt wissen will. Aber gelesen ist nun mal gelesen...

10 February 2019

Er ignoriert sie einfach und beginnt mit mir zu plaudern, als wären wir alte Bekannte. Ich erfahre von den Todesfällen alter Leute, die ich ebenso wenig kenne, werde über diverse Dorfstreitigkeiten unterrichtet und erhalte einen Einblick in Verwandtschaftsbeziehungen von Menschen, deren Namen ich noch nie hörte. Die Mütze ist mittlerweile durchnässt, denn auch der Herr hat keinen Regenschirm dabei. Würde die Sonne vom Himmel herab scheinen, würde ich munter Fragen stellen oder hier und da einhaken. Da ich aber jedesmal einen erneuten Redeschwall befürchte und sowohl Schuhe als auch Jacke dem Regen nicht mehr lange standhalten, versuche ich mich mehrmals höflich zu verabschieden. Der fünfte Versuch glückt... Heißer Tee, gute Musik und trockene Kleidung sind manchmal eine wahre Wohltat. Songs des Tages: Agnostic Front "Never Walk Alone" und Rykers "You´ll never walk alone"
Unter Schafen. Der Sturm bringt den Regen. Es plätschert unentwegt vor sich hin. Doch was wäre ein Sonntag ohne Ausflug oder Besuch. Weit komme ich nicht. Die Schafe sind los. Zu ihren natürlichen Feinden gehören Bären und Wölfe, den Mensch lasse ich mal außen vor. Der Bär wird es wohl noch nicht ganz bis nach Obhausen geschafft haben, beim Wolf bin ich mir da nicht so sicher. Es blökt, es mäht, es wird lustig im Regen herum gesprungen. Die Kamera zücke ich dank fehlendem Regenschirm kaum. "Du hast wohl noch nie Schafe jesehn?" Ein älterer Herr steht plötzlich neben mir. Ich muss mich kurz sortieren und diesen Satz verarbeiten. Lachend antworte ich: "Na doch, ich kann sie sogar von Ziegen unterscheiden." Während ich das ausspreche, merke ich, wie absurd diese Unterhaltung ist. Scheinbar stand ich für seinen Geschmack etwas zu lange fasziniert am Wegesrand. Doch meine Antwort scheint ihm nicht komisch vorzukommen...

9 February 2019

Würde ich es nicht seltsam finden, im Nichts auf einem leeren Feld zu stehen und von einer derart unsichtbaren Kraft gepackt und zu Boden geworfen zu werden, wenn ich nicht wüsste, dass man dieser Energie einst den Namen „Sturm“ gab? Der Kutscher mit seinen zwei kleinen Ponys reißt mich aus meinen Gedanken. Ich freue mich, den Dreien ein zweites Mal zu begegnen. Witzigerweise wieder in einem ähnlichen Zusammenhang. Das letzte Mal traf ich sie, als ich die riesigen Windräder fotografierte. Wir nicken uns freundlich zu, eine Böe fegt mir die Mütze vom Kopf. Zeit für ein Käffchen im Atelier. Songs des Tages: Jimmy Eat World „The Middle“ und Me first and the Gimme Gimmes “Blowin in the wind”
Philosophischer Wind. Kann man Wind fotografieren? Es stürmt. Böen fegen über mich hinweg. Ich stemme mich gegen unsichtbare Wände, die sich immer wieder in Luft auflösen. Die Frage beschäftigt meinen Verstand. Es gefällt ihm, sich im Kreis zu drehen und an einem Thema festzubeißen. Alles, was nicht mein Verstand ist, weiß, dass ich nichts fotografieren kann, was Leben, Bewegung und Veränderung bedeutet. Jedes Bild - ein eingefrorener Moment. Ein Stopp der Motion, während diese munter weiterläuft. Jede Aufnahme wird sofort zu einer Erinnerung. Ein Stück manifestierte Vergangenheit. Mehr nicht. Ich kann den Wind nicht fotografieren. Wie schade. Hier und da einen seiner Effekte - den Baum, der sich biegt, die flatternde Fahne oder die wehenden langen Haare. Es sind immer „nur“ seine Wirkungen… Der Wind ist still, wenn es keine Widerstände gibt, auf die er trifft. Der Wind ist unsichtbar, wenn er nicht gerade Blätter auf den Straßen tanzen lässt oder ganze Bäume zu Fall bringt...

6 February 2019

Märchenhaft skurril, aber wunderschön. Zurück nach Obhausen laufe ich über die Kappstraße. Eine kleine Meise verabschiedet mich am Ende des Weges, die Goldkehlchen fegen derweil über die kahlen Felder. Ich drehe mich um und Kuckenburg ist wieder verschwunden. Versunken im Tal, wie einst Atlantis. Aber vielleicht ist das dann doch ein wenig zu weit hergeholt... Songs des Tages: Joy Division "Atmosphere" und David Bowie "Heroes"
Alte Tannenbäume, unter denen die ersten Schneeglöckchen hervorlugen, Efeu bewachsene Laternenmasten, von Moos begrüntes Kopfsteinpflaster, der plätschernde Bach - all das verstärkt die Idee, während einer grüneren Jahreszeit noch einmal hierher zu kommen. Ich sehe Orte, an denen sich im Sommer herrlich ein Bierchen trinken lässt, während die Sonne hinter den Hügeln verschwindet. Das Dorf begrüßt mich mit einem Schild, auf dem steht, dass ich aus dieser Richtung gar nicht hätte kommen dürfen. Aha. Um die Leute zu zählen, die mir begegnen, brauche ich heute keine ganze Hand. Ein Finger reicht. Eine Brücke, die mit Blumenkästen geschmückt ist, finde ich ebenso amüsant, wie das Friedhofsschild mit der Aufforderung, die Tür doch bitte leise zu schließen. Es scheint ein reges Kommen und Gehen bei zirka siebzig Einwohnern zu sein... Die Mitte des Dorfes wird von einem riesigen, unter Naturschutz stehenden Baum beherrscht. Hier ist es ein bisschen wie "nicht von dieser Welt"...
Umgestürzte Bäume, dichtes Geäst und ein Bachlauf, der immer wieder unter den Schienen entlang fließt, wecken Erinnerungen an unzählige Mosaikgeschichten mit den Digedags und Abrafaxen. Die hätten sich hier unheimlich wohl gefühlt. Büsche und Sträucher versuchen mich immer wieder störrisch festzuhalten, doch ich schlage mich tapfer weiter voran. Nach ein paar Kratzern sehe ich die ersten Häuser. Ha! Ich war das letzte Mal wirklich verdammt nah dran. Kuckenburg hat etwas Verwunschenes. Man sieht es von keiner vorbeiführenden Straße aus. Es liegt versteckt in einem kleinen Tal und wenn man nicht explizit dort hin will, warum auch immer, fährt man ahnungslos daran vorbei, ohne es gesehen zu haben. Für mich ist es eine völlig neue Erfahrung, auf Schienen laufend einen Bahnhof zu erreichen. Das zweite k fehlt. Die Umgebung ist traumhaft...
KKB. Neben Loriot beehrt mich auch Frau Obermaier mit einem Portrait in meiner Gastwohnung. Dies erweist sich ab und an als sehr inspirierend. Denn manchmal, an Tagen wie diesen, wenn der alles infrage stellende Gedanke "Hmm..?" an die Oberstübchentür klopft, antwortet mir Uschi frohgemut: "Weil´s fetzt!" Und ja, sie hat Recht, das Leben ist in der Tat aufregend und spannend, wenn man sich "nur" dafür entscheidet. Auf nach Kuckenburg! Mit der Sonne im Rücken und einer Schar flinker Goldkehlchen am Feldrand, starte ich Versuch Nummer Zwei. Kuckenburger und Obhäuser im Exil schrieben mir nach meinem letzten Wanderversuch, dass ich einfach nur den Bahngleisen hätte weiter folgen müssen, dann wäre ich sicher in Kuckenburg gelandet. Also beschließe ich heute, die Gleise einfach nicht zu verlassen. Das ist allerdings schwieriger als gedacht und entwickelt sich zu einer abenteuerlichen Klettertour. Zugewuchert ist kein Begriff mehr für das, was mich erwartet...

4 February 2019

Der Tag fliegt an mir vorbei oder ich durch ihn hindurch. Bin mir noch nicht ganz sicher, was eher zutrifft. Jedenfalls erstaunt mich das Gefühl der rasenden Zeit einmal mehr. Doch meinem geliebten Cossi will ich noch kurz Hallo sagen, auch wenn sich die Sonne schon dafür bereit macht, hinter den Horizont zu kriechen. Am See herrscht winterliche Idylle pur. Ein über mich hinwegfliegender Eisenvogel nimmt ein paar meiner Gedanken mit auf Reisen, ich kehre zurück nach Obhausen... Songs des Tages: Maroon "Annular Eclipse" und Beach Boys "I get around"
Montags in der Sonne. Manche Dinge lassen sich in Obhausen einfach nicht regeln. Der Kauf neuer Gitarrensaiten, die Mittagspause im Dönerladen des Vertrauens oder der Besuch des Flughafens beispielsweise. Dazu muss ich den "drei-Kirchen-und-fünf-Mühlen-Ort" wieder einmal kurzzeitig verlassen. Die Stadt zeigt sich bei strahlendem Sonnenschein von ihrer besten Seite. Straßenbahnen rattern an mir vorüber, Streuautos fahren an staunenden Kinderaugen vorbei. Ob in der Innenstadt oder im Vorort, die Parkplätze warten nur darauf, dass ich mein Auto fachgerecht hinein manövriere. Hier und da ein Bordstein, der eine kleine Beule in die Radfelge biegt, erscheint mir ebenso wenig tragisch, wie das verbogene Nummernschild, das mich nach meinem ersten Termin am morgen begrüßt. Dafür leuchtet die Sonne einfach viel zu schön und der heiße Kaffee wärmt lecker duftend meine kalten Hände...

2 February 2019

Noch ein paar Schritte weiter erwartet mich ein kleines Paradies. Zumindest wird es das im Frühling und Sommer sein. Heute macht der Nebel eher eine magische Kulisse à la Tim Burtons "Sleepy Hollow" daraus. Tal und Hügelchen werden von unzähligen Vögeln bevölkert. Der Specht klopft an den Baum, neugierige Meisen umschwirren mich aufgeregt. Hagebuttensträucher - ich werde nicht müde sie zu fotografieren - behaupten ihren Platz zwischen alten Obstbäumen und allerlei anderem Gesträuch. Etliche Wege verzweigen sich hier, aber egal welchen ich gehe, er endet immer wieder mitten auf einem Feld. Würde mich nicht wundern, wenn der kopflose Reiter jeden Moment an mir vorbei rauscht. Auf dem Rückweg entdecke ich mehrere Spuren im Schnee. Hüpfender Vogel, fahrradfahrender Abenteurer, Herrchen, Hund und ich - wir alle waren gemeinsam auf diesem Weg unterwegs, getrennt hat uns einzig die Zeit... Songs des Tages: Guns N´ Roses "Used to love her" und Topnovil "Lone Wolf"
Sleepy Hubhusa. Es ist neblig. Es wird nicht hell. Das Krächzen der Raben bringt etwas Geheimnisvolles über Obhausen. Ein zarter Schleier aus Schnee hat sich über Wiesen und Felder gelegt. Auf den Straßen hat er jedoch keine Chance. Da wird wild geschoben und geschaufelt. Mein Ziel ist ein kleiner Weg hinter der Kuhbrücke, den ich vor ein paar Tagen entdeckte. Ich bin gespannt, wo er mich hinführt. Am Bach entlang, drei Wegbiegungen weiter, hinter Kopfsteinpflaster am Ende des Dorfes, bin ich verzaubert. Was ist es, das mir hier solch ein schönes Gefühl beschert? Eine leise Stimme flüstert mir zu: "Es ist die Ursprünglichkeit..." Sowohl der Bachlauf, als auch die uralten Bäume sind nicht von Menschenhand verändert worden. Nichts wurde künstlich begradigt, mit Beton aufgefüllt oder von der Baumverstümmelungsmafia beschnitten. Alles darf sich an diesem Ort so entfalten, wie es will. Beschützt von der Eule auf dem Schild, das hier am Wegesrand steht...

1 February 2019

Auch ein Bussard besucht die Gärten am späten Nachmittag. Schnell die Kamera zücken, zum Fenster sprinten, über sich in den Weg stellende Kartons stolpern und am Ende ein wunderbar verschwommenes Bild erhaschen. Kunst in Aktion eben. Songs des Tages: Turbonegro "War on the Terraces" und The Misfits "Die, die my darling"
Einst in dunkler Mittnachtstund Drei Raben vor meinem Fenster saßen… In der Tat sind es nicht nur drei, sondern mindestens mehr als zehn. Seit den frühen Morgenstunden kreisen sie kreischend über den Gärten hinter dem Haus. Hin und wieder verschnaufen sie in den Wipfeln der Bäume. Wobei ich nicht wirklich weiß, ob man mit einem Schnabel schnaufen kann. Löcher hat er jedenfalls. Egdar Allan Poe hätte angesichts der vielen schwarzen Gesellen wohl mehr als ein Gedicht dazu geschrieben und auch nicht zehn Jahre dafür gebraucht. Witzigerweise trat sein „The Raven“ am 29. Januar, also vor genau drei Tagen, das erste Mal öffentlich in Erscheinung. Und so bringen die Raben vor meinem Fenster mit 174 jähriger Verspätung einen Hauch von Edgar nach Obhausen…

31 January 2019

Nun sehe ich auch den alten Esel, der die Mehlsäcke hier entlang schleppt und den Müllerjungen, einen Grashalm kauend, hinterher laufen. Hinter einer Biegung, am gefühlten Ende des Tals - der Weg hört einfach auf - finde ich die Sonne. Ein einziger Baum wird von ihr angestrahlt. Ich bekomme eine Gänsehaut bei diesem mystischen Anblick. Ein Hauch von Frühling macht sich breit, die Vögel beginnen zu zwitschern. Im Bach taut das Eis und die Dryaden tanzen im Sonnenlicht... Es wird Zeit, einen Kaffee zu trinken... Songs des Tages: Cat Stevens "If you want to sing out" und Sex Pistols "Holidays in the sun"
Mein Herz schlägt höher, als ich zwischen alten Weiden im Unterholz auf eine kleine Ruine stoße. Ich sehe Kinder, die tagsüber mit ihren Fahrrädern hierher kommen, um Buden zu bauen und Jugendliche, die in lauen Sommernächten samt Ghettoblaster ihre ersten Partys feiern. Was sind das für Trümmer? Diese Frage beantwortet mir ein Freund dank modernem Smartphonezeitalter in Windeseile. Es sind die Überbleibsel einer alten Mühle, die später tatsächlich als "Jugendclub" genutzt wurde. Außerdem erfahre ich, dass Obhausen früher fünf Mühlen hatte - drei Wassermühlen, eine Windmühle und eine elektrische Großmühle...
Heute ist Tonnentag. Es ist der gelbe. Es gibt auch den blauen Tonnentag und den braunen. Da ich das Gefühl habe, samt Bett und Decke ebenfalls im Müllauto zu landen, bin ich sehr zeitig wach. So zeitig, dass ich mich an einen Morgenspaziergang Richtung Kuckenburg wage. Kuckenburg finde ich nicht, dafür aber ein wunderschönes kleines Tal, in dem ich geduldig und frierend auf die Sonne warte, die es noch nicht über den einzigen Hügel weit und breit geschafft hat. Ich treffe blitzschnelle Rehe, die von mir ebenso überrascht sind, wie ich von ihnen und erkunde die völlig überwucherten Bahngleise, die nach Nirgendwo führen. Es ist ein bezaubernder Ort...

29 January 2019

Die Jungs sind ausgesprochen sympathisch und haben sich dieses Kleinod in jahrelanger Arbeit schick gemacht. Vom Kicker über Fitnessbereich, Grindzeugs, diverse Pipes und Motorboot ist alles zu finden, was das Skateparkherz begehrt. Über das Boot muss ich allerdings noch einmal nachdenken... Ich erfahre zudem, dass die Nachbarn der BMXer eher von der musikalischen Art sind. Das blau-weiße "Daumen hoch oder runter Profil" verrät mir, dass es in OBH scheinbar auch Proberäume und HC-Konzerte gibt. Es bleibt also spannend... Heute Morgen schlendere ich ein weiteres mal Richtung Bahnhofsruine, um mir ein paar Bilder bei bester Sicht zu machen. Einmal mehr überrascht mich dieses Örtchen Obhausen, dessen versteckte Vielschichtigkeit sich nach und nach entfaltet. Songs des Tages: The Papers "Ready to fly" und Underworld "Born Slippy"
OBH. Ahnte ich doch von Anfang an, dass mich die Bahnhofsumgebung noch einmal magisch anziehen würde, wusste ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht genau warum. Gestern Abend dann Begeisterung. Obhausen - OBH - hat eine Skatehalle. Wie cool ist das denn! Da schwelgt mein eingerostetes Skaterherz sofort in Erinnerungen und lässt mich an viele, viele blaue Flecken zurück denken. Mussten wir damals noch nach Leipzig fahren, um in den Genuss einer überdachten Halfpipe zu kommen, reisen die Städter heute nach Obhausen, um ihre BMX-Räder über die Rampen zu jagen. Der Weg ist dunkel, die Straßenlaternen hören irgendwann auf, am Bordstein zu stehen. Meine Nachtblindheit lässt mich die Eingangstür nicht gleich finden. Ich tappe im wahrsten Sinne des Wortes im Dunkeln. Doch mit den fachkundigen Hinweisen der BMXer, die gerade ihre Räder aus dem Auto laden, gelingt es mir schließlich in die Halle zu gelangen...

28 January 2019

Mein Forscherdrang ist wieder einmal angefacht und so lese ich in den Weiten der weltweiten Verbundenheit, dass Nikolaus ursprünglich aus der Türkei stammt und den wunderschönen Zunamen "von Myra" trägt, was mich wiederum musikalisch nach Leipzig schweifen lässt, wo dieser Name unter den Hardcore-Metal-Fans sicher ein Begriff ist. Alles ist mit allem irgendwie vernetzt und es ist niemals das "entweder - oder", das die Welt bereichert, sondern immer das "sowohl - als auch", was die "Fülle" offenbart. Ersteres schließt immer irgendetwas aus oder lehnt es ab, zweiteres lässt alles gelten, denn es ist ja sowieso bereits da. Und vielleicht geschehen bei St. Nikolai in Obhausen die gleichen Wunder, die Nikolaus von Myra zu Lebzeiten in seiner Heimat vollbrachte... Songs des Tages: Volbeat "Radiogirl" und The Boomtown Rats "I don´t like Mondays"
Montags im Regen - Zusammenhänge. Wenn es draußen regnet, malt man sich drinnen den Sonnenschein ins Bild. Außerdem befreit man seine Schuhe von Matsch und Schlamm, um sie anschließend auf die Heizung zum Trocknen zu stellen, nachdem man neben einer metertiefen Pfütze parkte, die man natürlich erst nach dem elanvollen Ausstieg aus dem Auto wahrnahm... Und beim Stiefel putzen denke ich automatisch an den Nikolaus. Liegt wohl auch am Wetter. Hier in Obhausen ist man dem Nikolaus sehr nah, ist er schließlich der Namenspatron der alten Ruine im Waidawinkel. Ja, ich war auch überrascht, dass es sich um den gleichen Nikolaus handelt, der am 6. Dezember die (sauberen) Schuhe füllt. Dieser Tag ist übrigens sein Todestag, worauf zu schließen wäre, dass der Tod durchaus sein Gutes hat, wenn er viel Süßes unter die Menschen bringt. Die Mexikaner verstehen dies ebenso und zaubern am "Día de Muertos" (Tag der Toten) Zuckerschädel und Süßfiguren in allen Varianten aufs Tablett.

25 January 2019

Poesie. Was haben Loriot und Obhausen gemeinsam? Die feine Inspiration für humoristisches Denken. Die Kamera blieb heut' zu Haus, sie wollte einfach nicht hinaus. "Es ist zu kalt", sprach sie zu mir, "höchstens in die Kneipe, auf ein Bier!" "Ach liebe kleine Kamera, hier auf dem Land ist das fatal. Es gibt zwar Hiddi, Dunkel, Blumenladen, Nagelstudio und auch 'nen Hundesportverein. Aber eine Kneipe!? Nein! Die muss man selbst in Querfurt suchen. Und in Obhausen gibt's nur Kuchen." Drum geht es morgen in die Stadt, bevor der Koller die Kamera packt... Habt alle eine schöne Zeit, die Fortsetzung, sie folgt sehr bald! Songs des Tages: Pixies "Where is my mind?" und Joe Strummer "Redemption Song"

24 January 2019

Ich erzähle ihr, dass ich Obhausen gerade neu entdecke oder besser gesagt, überhaupt erst kennen lerne und von dem hübsch dekorierten Eisenbahnhäuschen sehr angetan bin. Wir kommen ins Gespräch und ich erfahre, dass hier einst die Eisdiele von Obhausen war. Wow, denke ich, es gab hier auch mal ein Eiscafé. Vor meinem inneren Auge wird es augenblicklich Sommer und ich stelle mir vor, wie herrlich es doch gewesen sein muss, hier im Grünen, zwischen Bach und Teich und Gartenhäuschen, ein Eis zu schlecken.Wir reden noch eine Weile über dies und jenes, bevor ich mich verabschiede und weiter meines Weges ziehe... Songs des Tages: Antonio Vivaldi „Winter“ und Tiger Army „Rose of the Devil´s Garden“
Obhausen am Abend. Es ist die Zeit der rasselnden Rollläden. Im Dämmerschein schweben die Flocken vom Himmel auf Hubhusa herab, während die Häuser nach und nach ihre Augen schließen. Ich liebe es, wenn Schuhe klappern oder der Schnee unter den Füßen knirscht, so wie heute Abend. Der Bach plätschert unter einer dünnen Eisschicht, im Bäckerladen werden die letzten Brote verkauft. Hinter einem kleinen Teich, irgendwo im Ort, entdecke ich das Haus eines offensichtlichen Eisenbahnfans. Da ich im abendlichen Zwielicht mit Kamera in der Hand scheinbar etwas seltsam anmute, werde ich von einer Frau angesprochen, warum und vor allem was ich denn hier fotografieren würde...

22 January 2019

"Und wir haben in der Schule in Nemsdorf alle das Schwimmen gelernt. Die hatten nämlich damals schon ein Bad im Keller." Wie jetzt? Ein Schwimmbecken im Schulgebäude? In Nemsdorf? Ich bin überrascht und beeindruckt zugleich, passt es doch so gar nicht in meine Vorstellung einer Dorfschule. Wieder einmal schenkt mir das Leben die Erkenntnis der Unvoreingenommenheit gegenüber allen Begebenheiten. Auch von den Klassenräumen und dem herrlichen Gebäude schwärmt meine Tante. Ich lasse mir erklären, wo genau es sich befindet und stelle belustigt fest, dass ich am Sonntag bereits dort war. Sie erzählt vom Kartoffeln stoppeln auf den Feldern, von Tanzveranstaltungen in den Kulturhäusern der Umgebung und vom jahrelangen Hoffen, doch noch eines Tages in die "alte Heimat" zurück kehren zu dürfen. Es öffnet sich die Tür in eine Zeit, die noch immer in den Menschen lebt. Ich sehe das kleine frierende Mädchen, das nun als fast Achtzigjährige vor mir sitzt. Paradoxes Leben. Rancid "Time Bomb"
"Wir hatten nur eine Stunde, um das Haus zu verlassen, dann waren wir wochenlang unterwegs. Erst in Bayern, dann in Dresden und überall mussten wir wieder weg. In Querfurt wurden uns dann drei Dörfer genannt, zwischen denen wir wählen sollten. Barnstädt, Nemsdorf und Göhrendorf. Wir hatten ja keine Ahnung." Sie kam 1945 als Fünfjährige in Göhrendorf an. Zusammen mit ihrer Mutter, der Oma und zwei kleineren Geschwistern. Der Vater kommt nicht zurück, die Mutter schlägt sich mit Mitte zwanzig und drei kleinen Kindern allein durch. Im kältesten Winter dieser Jahre. Sowohl Onkel als auch Tante rollen das R und sprechen den schlesischen Dialekt, den ich als Kind bei meiner Großmutter und auch bei vielen anderen alten Leuten aus meinem Heimatdorf so faszinierend fand. Die beiden sind wohl unter den Letzten, die ihn in dieser Gegend noch sprechen...
Eine Tante aus Göhrendorf. Da führt mich die Fügung doch glatt mit einem Menschen zusammen, den ich schon mein ganzes Leben lang kenne und der in Göhrendorf aufgewachsen ist. Meine Tante aus dem Unstruttal. Bei Kaffee und Kuchen am Geburtstagstisch erfahre ich als erstes, dass die Grenze zwischen Nemsdorf und Göhrendorf an den Bahngleisen entlang läuft. Diese Info erhalte ich heute das zweite Mal. Ein Freund schrieb mir bereits am Morgen, an welcher Stelle sich die Ortschaften trennen. Das Leben antwortet wirklich immer auf seine Weise, zu seiner Zeit, denke ich verschmitzt.

20 January 2019

Ich verlaufe mich, wie soll es auch anders sein, und treffe so auf eine Vorgartenkatze. Was für eine krasse Statue, denke ich im ersten Moment. Umso mehr erschrecke ich mich, als die Figur ihren Kopf zu mir dreht und miaut. Ich nenne sie "Stiller Sitzdrops". Die Katzen sind hier alle enorm wohlgenährt. Am Feldrand, dort, wo sich die Krähen Geschichten erzählen, hüpft mein Herz vor Freude. Unendliche kleine Welten öffnen sich durch den Makromodus meiner Kamera. Ich habe keine Ahnung, was ich da alles fotografiere, aber ich bin begeistert. Und das zählt. Songs des Tages: Down to nothing "No leash" und The Cure "The Lovecats"
Es wird bunt. Es ist Sonntag. Mittendrin in Nemsdorf-Göhrendorf. Mal abgesehen davon, dass dieses Örtchen sich enorm in die Länge streckt, birgt auch jeder Seitenarm fernab der Hauptstrasse eine neue kleine Siedlung. Immer wieder denke ich, das kann doch nicht ein und dasselbe Dorf sein. Vielleicht liegt es auch an der wilden architektonischen Vielfalt der Häuser. Vom norwegischen Holzhaus, über rustikale Alpenvorlandbauten, sozialistischen Neubaublöcken bis hin zu super modernen Betonhäusern samt japanischen Vorgärten ist alles zu finden. Farbenfroh reihen sich hellblau, pink, tiefes orange, gelb, und, und, und aneinander. An anderer Stelle stehen Ruinen großer Bauerngehöfte neben schick sanierten Vierseitenhöfen...

19 January 2019

Eine Horde Spatzen begrüßt mich lauthals am Eingang, "Drops Silberrücken" lässt sich derweil am Straßenrand nieder. Ich schätze, ich habe weniger als ein Viertel des Ortes gesehen. Es werden also noch diverse Ausflüge folgen. Zurück im Auto weist mir an der letzten Kreuzung vor Obhausen ein Greifvogel majestätisch thronend den Weg. Es ist eindeutig ein Tag der Vögel. Songs des Tages: Dropkick Murphys "You`ll never walk alone" und The Trashman "Surfin Bird"
Eine wundersame Mauer mit silbernen Pfeilspitzen umrahmt etwas, das für mich wie ein Friedhof aussieht. Könnte aber auch eine Gefängnismauer sein. Allerdings verbergen sich dahinter Bänke, ein Karussell, Schaukel und Wippe. Sehr seltsam. Ich entdecke einen kleinen Gnom am Dachgiebel, der sich belustigt über die immer schneller verstreichende Zeit äußert. Wer mag hier wohl einst gewohnt, gelebt und hoffentlich auch geliebt haben? Bevor die Zehen vollends blau werden und die Finger abfallen, irgendwie kommen mir die Handschuhe immer erst dann in den Sinn, wenn sie weit genug von mir weg sind, beschließe ich, zurück zum Auto zu schlendern. Eine dicke Katze, ich nenne sie kurzerhand "Drops Silberrücken", das Foto ist dabei selbsterklärend, begleitet mich bis zum alten Trafohaus, das laut einem Schild "Tierfreundlich" umgestaltet wurde. Aha. Der Friedhof kreuzt zwischenzeitlich nun doch noch meinen Weg....
Ich bin berührt von zwei sich umarmenden Steinfiguren, auch wenn der einen bereits das Gesicht fehlt. Es wundert mich kurz, dass es keinen Friedhof an der Kirche gibt, aber dafür scheint mir der Hügel, auf dem sie steht, ohnehin zu klein. Beim Anblick eines Klettenbusches denke ich spontan an unzählige Schlachten auf dem Schulhof inklusive verfitzter Haare. Ein Lächeln schleicht sich in mein Gesicht. "Na, du sitzt wohl scheene in dor Sonne?", höre ich die rumplig-liebevolle Stimme eines Opis hinter einem Hoftor. "Ach nee, was soll das denn!? Erst schnullste dahin und nun setzte dich rein, du kleener Spinner!" Herrlich. Ich muss lachen und tippe auf einen Hund als Angeredeten, denn Opi bekommt keine Antwort zurück. Ein paar Schritte weiter bleibe ich für die nächste Stunde fasziniert "hängen". Ein mystisch anmutendes Haus hat seine Tore weit für mich geöffnet. Es ist das letzte an dieser Ortsausfahrt...
Nemsdorf oder Göhrendorf. Die Straße führt kilometerlang durch den Ort. Oder sind es zwei? Es erschließt sich mir nicht, wo Nemsdorf aufhört und Göhrendorf anfängt, am Ende geht es nahtlos in Barnstädt über, zumindest laut den Ortsschildern. Ich wende und will zurück zum Anfang. In einiger Entfernung vor mir fährt das Postauto. Ich bin amüsiert darüber, dass überall, wo der Postbote etwas im Briefkasten hinterlässt, augenblicklich jemand zur Stelle ist, der es wieder heraus holt. Ein Parkplatz an der Hauptstraße scheint mir ein guter Startpunkt für meine kleine Entdeckungsreise zu sein. Das Wetter ist herrlich. Die Sonne scheint. Nemsdorf ist anders als Obhausen. Ich kann das "Wieso, Weshalb, Warum" noch nicht wirklich in Worte fassen, aber irgendetwas ist anders. Ein Soldat sitzt unter alten Bäumen. In Stein gemeißelte Erinnerungen. Das Gebiet um die Kirche mag ich sehr. Altes Kopfsteinpflaster, viele kleine, knuffige Häuschen und eine wunderbare Energie machen sich hier bemerkbar.

17 January 2019

Meinen Freund, den Sommer, vermisse ich momentan sehr. Und leider bleibt in den nächsten Wochen auch keine Zeit, ihn in den entlegenen Gegenden der Erde zu besuchen. Ich hoffe, der Winter ist mir deshalb nicht böse, hat er doch auch seine schönen Seiten. Nur sind die hier, so ganz ohne Schnee und wenig Licht, irgendwie schwer zu finden. Da bin ich nun auf dem Land und trotzdem fehlt es an üppiger Natur. Obhausen ist umgeben von Feldwirtschaft. Und die Felder sind leer. Es ist ja Winter. Weit und breit gibt es keine zusammenhängenden Baumgebiete. Hier und da durfte mal eine Baumreihe an den Feldrändern stehen bleiben und an den Bächen gibt es die eine oder andere Weide. Eine Handvoll Fichten in Querfurt vielleicht noch. Das war es aber auch schon. Also mache ich mich auf zu Hermann. Sein Eck kenne ich noch aus Kindertagen und auch das Waldgebiet im Forst von Ziegelroda. Durchatmen, Dryaden begrüßen, die Schönheit im Januar entdecken... Iggy Pop "Passenger", Clawfinger "Do what I say"

16 January 2019

Land der einbeinigen Tripods. Eigentlich sind die Tripods hier ja eher Triwings auf einem Bein, dennoch erinnern sie mich sehr an die Science Fiction Serie aus den 80ern. Riesig, erhaben und irgendwie surreal formieren sie sich auf den kahlen Feldern. Hinzu kommt das rhythmische Sausen in einer derart tiefen Frequenz, dass ich Gänsehaut bekomme. Das Entenkostüm mag aber auch einmal mehr am eisigen Wind liegen, der die Flügel der Einbeiner in Wallungen bringt. Ich frage mich, was wohl die Menschen vor hundert Jahren zu all dem gesagt hätten. Just in diesem Moment rollt ein alter Mann auf einer Kutsche an mir vorbei, zwei kleine Ponys vorneweg. Ich muss lachen. Skurriles Leben. Songs des Tages: Ken Freeman „Summer Wind“ und Fliehende Stürme „Alles Falsch“

14 January 2019

Mir war nicht mehr bewusst, wie windig es hier permanent ist. Es klappert in der Nacht, es fegt am Tag. Damit wäre auch das Geheimnis der vielen Windräder gelüftet. Regen und Schnee fallen meist seitlich. Heute ist es der Schnee. Ausgiebige Fotosession im Freien wieder einmal abgewählt. Einzig ein Bild vom Hopfenfeld vor den Toren der Stadt Querfurt erfasse ich vom Auto aus. Sonst bleibt mir nur das Fenster zum Garten. Hitchcock hätte sich gefreut. Songs des Tages: Bob Dylan „Blowin´in the Wind“ und Frank Sinatra „Let it snow“
Wind, Wind, Sturm. Mal abgesehen davon, dass man den Plattenbewohner einfach lieb haben muss, wird mir langsam klar, warum er in seiner Art hin und wieder so muffelig ist. Ja, der einheimische, auf der Platte herangewachsene und vor allem männliche Plattenbewohner ist oft ein etwas bärbeißiger, wortkarger Mensch. Neue Einflüsse, andere Menschen und allgemeine Veränderungen beäugt er erst einmal skeptisch. Der Grund scheint mir im ewigen Wind verborgen zu sein. Musste er im Winter sein Gesicht mit einem dicken Schal vor dem eisigen Sturm vermummen, so dass er nicht mehr in der Lage war zu sprechen, hat das laue Lüftchen ihm im Sommer wahrscheinlich immer mal wieder die gute Laune weggeblasen. Sind Plattenbewohner aber unter sich, geht es mitunter sehr stürmisch zu.

13 January 2019

Stadt, Land, Ampel. Laut quietschende Reifen und ein Schleudergang. Der Transporter kommt fünf Zentimeter vor mir zum Stehen. Ich halte ebenfalls abrupt inne. Mein einziger Gedanke in diesem Moment "Hä!? Es war doch grün!?" Ein Blick zur Ampel verrät, dass es das auch immer noch ist. Der Fahrer schaut mich entsetzt an, ich ihn scheinbar ebenso. Da haben unsere Schutzengel ganze Arbeit geleistet. Danke. Der weiße Transporter fährt weiter seines Weges. Ich entscheide mich, nicht die Bahn zu nehmen, sondern zu laufen. Das Adrenalin will schließlich abgebaut werden. In Obhausen ist es ruhiger. Viel, viel ruhiger. Weder Straßenbahn noch Dauerverkehr stören beim Überqueren der Straßen, auch eine Ampel ist nirgends zu finden. Das Wetter hindert mich daran, den nächsten Ausflug in die Umgebung zu unternehmen. Und vielleicht auch ein bisschen die langen Nächte der letzten Tage... Doch gibt es noch viel zu entdecken auf meiner Reise durch scheinbar bekanntes Land... "Pet Sematary", HSB "Corium"

10 January 2019

Die Stadt hat mich wieder. Obhausen wird zum Kontrastprogramm und umgekehrt. Es gibt Sanddorn an der Häuserecke und kleine rote Beeren, die wie Wassertropfen an den Zweigen hängen. Ich entdecke einen Wuschelbaum, dessen „was auch immer das sein soll“ mich spontan an kleine Jetis erinnern. All diese Büsche und Sträucher müssen schon viele Jahre lang hier stehen, doch ich sehe sie heute zum ersten mal wirklich. Es ist verrückt, dass man häufig erst mit viel Abstand Dinge wahrnimmt, die schon immer da waren. Dieses Phänomen hat, zumindest für mich, kein anderer schöner beschrieben als Paulo Coelho in seinem Buch „Der Alchimist.“ Die überdimensioniert große Katze gleich ums Eck ist allerdings wirklich neu. Begeistert bin ich zudem von der völlig weißen Litfaßsäule und freue mich schon jetzt darauf, wie bunt sie wohl morgen sein wird. „Ich habe die schlechtesten Sprayer der Stadt engagiert...“ Songs des Tages: Against me „I was a Teenage Anarchist“ und Nils Frahm „Says“
Übers Ackerland hinaus... Krach gehört zum Leben wie die Stille, auch wenn man beides oft nicht hört. Am Morgen rufe ich ein freudiges „Oh wie schön, es hat geschneit!“ Zirka eine halbe Stunde später stehe ich vor meinem Auto. Hmmm. Die Fahrt lässt mein Herz höher schlagen. Weiße Felder vor tief blauem Himmel. Die blaue Stunde am Morgen. Leider habe ich keine Zeit anzuhalten. Also speichere ich einfach all die ungeknipsten Fotos in meinem Kopf ab. Vielleicht kommt die Menschheit ja irgendwann dahin, direkt aus den Köpfen Bilder auszudrucken. Wie ich das finden würde, kann ich spontan nicht sagen. Darüber muss ich nachdenken. Aber was ist, ist - was nicht ist, ist möglich. Hat schon Blixa Bargeld bemerkt...

9 January 2019

Doch weiß ich schon jetzt, dass mich dieser Ort ein weiteres Mal magisch anziehen wird… Songs des Tages: Westbam feat. Richard Butler „You need the drugs“ und Die Toten Hosen “Verschwende deine Zeit”
Ich mag Bahnhöfe, vor allem die verlassenen. Sie erzählen Geschichten von Abschied und Wiederkehr, von Endlichkeit und fernen Welten. Hier reist man durch die Zeit, sieht Menschen in alten Kutten und ledernen Koffern auf Züge warten, sieht, wie Halbstarke in der sommerlichen Abendsonne von ihren ersten Zigaretten und vom Dosenbier kosten, hungrig nach Lebendigkeit… Die ersten Schneeflocken landen auf meiner Mütze. Eine Katze, die sich scheinbar von meiner frühen Anwesenheit gestört fühlt, hüpft mit einem stürmischen Satz aufgescheucht davon. Wow, ist die schnell. Ich klettere auf die Schienen, tauche in unbeschwerte Verlorenheit ein. Anton Corbijn hätte hier seine wahre Freude. Da aus dem Schmerz in den Fingerkuppen allmählich Taubheit wird, Handschuhe sind im Winter eindeutig überbewertet, und der Schneefall die Linse meiner Kamera langsam aber sicher in Unschärfe taucht, ja, auch Kameratücher tragen eine Überbewertung in sich, breche ich meine Entdeckertour vorzeitig ab.
Vom Bäcker zum Bahnhof. Da stolpert einer, der es sehr gut weiß, darüber, dass der Bäcker auf hat, obwohl er geöffnet ist. Manchmal hat er auch geöffnet ohne geschlossen zu sein oder er ist geschlossen, wenn er zu hat und nicht offen ist. Sein und haben, ist und hat, auf und zu, geschlossen, offen, geöffnet - der grammatikalischen Varianten gibt es viele, hier in Obhausen sagt man schlicht weg: „Dor Bäckor hat off.“ Doch nun genug gebäckert. Auf zum Bahnhof! Ein vergessener Ort, der Sehnsucht, Heimweh und Melancholie vereint. Der eisige Wind am frühen Morgen trägt auch nicht gerade zu freudvollen Höhenflügen bei. Fehlt nur noch, dass ein Strohballen die Schienen entlang fegt. Doch es sind nur einzelne Halme, die vom Stoppelfeld herüber wehen. Meine Hände beginnen vor Kälte zu schmerzen. Wo hast du dich versteckt, Sommer?

8 January 2019

Ja, heute ist es soweit. Aller guten Dinge sind drei. Eine kleine, innerliche Zeitreise entführt mich beim Betreten des Ladens in meine Kindheit. Damals, als noch jedes Dorf seine eigene Backstube hatte, meine Oma ihre Kuchenbleche zum Dorfbäcker brachte und es lange Schlangen vor den Läden gab. Die Verkäuferin ist sehr sympathisch und lässt mich Fotos machen, so viele ich will. Auch hätte sie gern die Auslage für mich neu aufgefüllt und alles noch schöner herrichten wollen, damit ich feine Bilder machen kann. Aber ich verneine lachend, bin ich doch so schon sehr dankbar für ihre Freundlichkeit. Nun sitze ich, umgeben von Pinseln, Leinwänden und guter Musik, bei Kuchen und Kerzenschein. Man hat mir nicht zu viel versprochen, er schmeckt wirklich vorzüglich, der Kuchen. Songs des Tages: Faith No More "Digging the Grave" und H2O "Nothing to prove"
Dienstag. Es ist nass, es ist grau, der Bäcker hat auf. Am Anfang des Tages regnet es in Strömen. Ich werde vom rhythmischen Prasseln der Tropfen auf das Vordach wach. Der Wind lässt in unregelmäßigen Takten irgendwo einen Metalleimer scheppern, zumindest hört es sich so an. Der Kühlschrank springt just in diesem Moment an und beginnt merkwürdig zu zwitschern. Als ich diese Geräusche gestern Abend das erste Mal vernehme, wundere ich mich kurz über die nachtaktiven Vögel, die scheinbar in Obhausen überwintern, bis sich der Kühlschrank als Verursacher zu erkennen gibt. Wenn ich meine Augen noch ein wenig geschlossen halte, musizieren mir der Wind, der Regen und der Kühlschrank ein wohliges Erwachen in tropischer Umgebung herbei. Aber es ist nur ein kurzer Moment. Der erste LKW, der auf mein Bett zu rast, lässt alle Träume in sich zusammen fallen. Die Straße führt direkt an meinem Fenster vorbei... Fortsetzung folgt...

7 January 2019

Hubhusa 2.0 ganz ohne App.. 😉 https://hubhusa-2-0.webnode.com/hubhusa-2-0/
"Was ist der rote Faden?“, wurde ich gefragt. Mir kam der spontane Gedanke, dass besagter imaginärer Faden eher ein Knäuel aus buntem Strick ist, völlig verknotet, so dass es Geduld und vielleicht ein Schnäpschen braucht, um es zu entwirren. Aber was will man schon entwirren, wenn man nicht ansatzweise versteht, wozu? Muss man ja auch nicht. In der Gewissheit des Besten kann ja schließlich nichts schief gehen. Und das, was vermeintlich schief zu gehen scheint, stellt sich im Nachhinein oft als glücklicher Weg zum Allerbesten heraus, denn was Peter über Paul denkt und sagt, sagt mehr über Peter aus als über Paul... Aha und der rote Faden bleibt unsichtbar... Songs des Tages: Social Distortion „Story of my Life“ und Gogol Bordello “My Companjera”
Jenseits des Baches. Es sind vier. Klaustalgraben,  Weidenbach, Querne, Weida und diverse Nebenarme dieser Bächlein. Ich erkunde das Gebiet südlich der Weida. Und da sind sie plötzlich. Die Erinnerungen.  Kulturhaus, Disco, Karneval. Es gab in meinem Leben nie einen Anlass, Obhausen per pedes zu durchlaufen. Es wurde grundsätzlich gefahren. Erst zweirädrig, dann vierrädrig. Meist nachts, selten am Tag. Es sei denn, es war Sommer und man wollte gemeinsam zur Kiesgrube. Auch heute rauschen mehr Autos an mir vorbei, als Fußgänger. Und die wenigen Passanten, denen ich begegne, die sausen nicht, sondern halten sich an ihren Rollatoren und Gehstöcken fest.  Ein kleines Löwenmäulchen, das sich im Monat geirrt hat, lässt mich strahlen, ebenso wie das geheime Fenster und die leuchtend gelb-blaue Haustür.

6 January 2019

Ich finde nach und nach alle drei Kirchen. Eine davon ist eine Ruine. Sie fasziniert mich so, dass ich sie ausgiebig erkunde. Das „Betreten verboten“ Schild offenbart sich mir glücklicherweise erst, als ich weiter gehe.  Ich entdecke rote und lila Winterbeeren an blätterkahlen Büschen, einen Zaun mit goldenen Rhomben, mehr als hundert Jahre alte Graffitis und verwunschene Winkel, die mich schmunzeln lassen. Den Bach überquere ich komischerweise immer wieder. Mir schwant, es sind verschiedene… Fortsetzung folgt. Songs des Tages: Judas Priest „Breaking the law“ und Bambix "Leaking Fuel"
In der Nähe vom Gänsewinkel halte ich einen kurzen Plausch mit einem etwas betagten Hund am Gartenzaun. Auf den Fußweg darf er seine Haufen laut den unzähligen Aufklebern, die ich überall sehe, nicht machen. Dennoch lande ich zwei Häuserecken weiter mitten in einem davon. Es muss ein Bernhardiner oder eine Riesendogge gewesen sein. Anders kann ich mir die Masse nicht erklären. Soll ja Glück bringen... Fortsetzung folgt.
Obhausen ist größer als gedacht. So groß, dass ich doch glatt die Orientierung verliere und es schaffe, mich zu verlaufen. Ich begegne einer weißhaarigen Dame auf einem Fahrrad. Wir grüßen uns. Daran habe ich mich mittlerweile wieder gewöhnt, an das „Guten Tag, Hallo und Kopfnicken“ jedermann gegenüber, den man begegnet. Aber so viele Menschen sind das ja nicht. Die Häuser haben die Leute verschluckt. Hin und wieder wackelt mal eine Gardine, wenn man daran vorbei läuft, aber mehr ist heute von den Einheimischen nicht zu sehen. Außer der besagten Dame. Sie überholt mich und bleibt plötzlich abrupt stehen. „Ein gutes Neues noch!“, ruft sie in meine Richtung.  Ich schaue reflexartig hinter mich, um zu sehen, wen es da außer mir noch auf der einsamen Straße gibt. „Nee, nee, ich meine schon Sie, junges Fräulein! Da is keener mehr!“  Perplex stammle ich gute Neujahrswünsche zurück und muss lachen. Die Dame ebenso... Fortsetzung folgt.

5 January 2019

Hubhusa 2.0. Leider ist das Wetter zu ungestüm, um auf Entdeckertour zu gehen. Friesisch halt. Daher sitze ich im Moment im Atelier. Ich nenne es ab sofort “Hubhusa 2.0”. Bunte Blumenwiesen sprießen auf den Leinwänden gegen das fahle Januargrau an. Man muss sich seine Lichtblicke schon selbst zaubern, um sich den Spaß an der Freude zu erhalten. Oft ist es die Musik, die mir den Sommer, Festivalfröhlicheit und ein Lächeln ins Gesicht malt. Dann hüpft das kleine Herz augenblicklich höher… Songs des Tages: The Unseen “Paint it black” (die für mich beste Coverversion des Rolling Stones Hit) und Ludovico Einaudi “Nuvole Bianche” 😎
Obhausen. Nicht einmal dreitausend Einwohner, aber drei Kirchen, wie mir ein sehr guter Freund bei Kaffee und Keksen erzählte. Ich finde ja den ersten, über tausend Jahre alten Ortsnamen "Hubhusa im Friesenfeld" am besten. Er hat so etwas Leichtes, Freudiges. Erinnert mich an "Hula hoop". Wobei auch der hundert Jahre später folgende Name "Upphussun morcha" etwas für sich hat. Klingt nach Meer und Norden. Vielleicht ist auch deshalb die einzige Berühmtheit Obhausens, der Herr Heinze, ich kannte ihn allerdings bis vor ein paar Minuten nicht, in jugendlichen Jahren nach Hamburg ausgewandert, um mit Alsterpavillon, Kaffeehaus und Palmengarten am Jungfernstieg bekannt zu werden. Die Sehnsucht nach Meer und einer salzigen Brise um die Nase tragen manche Obhäuser auch heute noch in sich. Sie fühlen sich in Hamburg und an nordischen Küsten heimischer als hier im kleinen Upphussun. Da haben die Friesen vor mehr als tausend Jahren wohl die eine oder andere verdünnte Blutsspur hinterlassen...

4 January 2019

Obhausen. Es ist grau, es ist windig, der Bäcker hat zu. Geschlossen bis nächste Woche. Aha. Ich hatte bereits vor Weihnachten den ersten Versuch gestartet, bei diesem, mir wärmstens empfohlenem Bäcker, bei dem alles enorm lecker schmecken soll, außer den Brötchen, einzukaufen. Aber auch da hatte er geschlossen, denn es war Montag. Montags öffnen Bäckereien auf dem Land nicht. Meine Großstadtgewohnheiten werden sich hier schnell wandeln müssen. Aber ich weiß natürlich, dass ein Familienbetrieb viel dringender seine Auszeiten benötigt, als genormte Industriegroßbäckereien. Und ich bin sehr dankbar dafür, dass es diese kleinen Bäckerläden auf den Dörfern überhaupt noch gibt. Danke! Nächste Woche, am besten Dienstag, werde ich Versuch Nummer drei starten. Es ist bereits jetzt ein kleines, spannendes Abenteuer...
Im April soll es losgehen, die große Reise durch die Welt. So der Plan der Pläne. Ferne Länder, unendliche Weiten. Ziele, die keine Ziele sind. Heute Morgen habe ich begriffen, dass ich bereits auf meiner Reise bin. Es schon immer war. So, wie wir alle. Nur halten die meisten von uns sehr lange an einem Ort fest, um zu verweilen. Oft ein ganzes Erdenleben lang. Wir nennen es "zu Hause sein" oder "wohnen". Leider vergessen wir dann oft, diese vermeintliche Heimat wahrhaftig zu entdecken, weil wir denken, alles bereits zu kennen. Wir erblinden, ohne je richtig gesehen zu haben oder begegnen nur vergangenen Bildern, ohne die Veränderungen wahr haben zu wollen... Meine Reiseerlebnisse beginnen genau hier. In einer Umgebung, für die ich im Laufe der Jahre blind geworden bin. An Orten, von denen ich immer nur weg wollte. Doch nun bin ich hier. Für die nächsten drei Monate...