Vatican · 32 Days · 340 Moments · April 2016

Klaudia Bachinger

Cammino di Assisi


12 May 2016

Und tatsächlich habe ich mir nicht zuviel erwartet. Leila singt genial, ihre Band ist noch genialer - besonders der Chello-Spieler und der Schlagzeuger - und der Sound insgesamt erfrischend anders. Umso trauriger, dass es in Rom keine Musiksszene gibt. Nachdem Konzert sagen wir Leila kurz Hallo und ich lasse mein Album als Andenken signieren. Mit dem Scooter geht's zurück nach Tor Pignatara, unser Viertel, und ich falle zufrieden ins Bett. Grazie Roma. Grazie Emanuele. Alla prossima volta.
... wo man gut essen und fortgehen kann und welche Straßen man in der Nacht eher meiden sollte. Obwohl er kein Römer ist (er ist in den Abruzzen aufgewachsen), oder vielleicht gerade deshalb, liebt er seine Stadt und scheint jedes Eck zu kennen. Der Klub ist ein ehemaliges Teatro und ein echter Wahnsinn. In Wien oder Berlin wäre so eine Location gefüllt mit hippen Leuten. Hier in Roma, wo die meisten Leute grottenschlechten Italo-Pop hören und es quasi keine Alternativszene gibt, trifft man auf eine handvoll Musikinteressierter und zahlt nur 7€ Eintritt. Super und schade zugleich. Emanuele erklärt mir, dass die Szene so klein ist, dass sich alle kennen. Er und drei seiner Freunde haben aus Liebe zur Musik ein kleines Label gegründet und produzieren sieben talentierte junge Musiker. Eine davon, Leila, tritt heute auf.
Für meinen Abschied hält Rom einen sehr authentischen Abend für mich bereit. Als ich meinem Gastgeber Emanuele erzählt hab, dass ich mich gern an Orten abseits dem Tourismus herumtreib, meinte er ich solle ihn doch auf ein Konzert einer Freundin begleiten. Ich bin Feuer und Flamme und sag sofort zu. Emanuele hat einen super Musikgeschmack, soviel weiß ich, und war früher selber Musiker. Außerdem führte er mit zwei Freunden vier Jahre lang aus purer Leidenschaft zur Musik einen Klub in Rom. Wir machen uns also aus, dass wir uns zuhause treffen und dann gemeinsam hinfahren. Als ich nachhause komme, werde ich erstmal mit einem Spargel à la milanaise und Buffola-Mozzarella erwartet. Einmal mehr: 👍🏻 italienische Gastfreundschaft!! Und dann, und das ist beinahe ein Highlight meines gesamten Romaufenthalts, fahren wir mit dem Scooter quer durch die Stadt ins Teatro Quirinetta. Emanuele erklärt mir welche Viertel wie teuer sind (30m2 in Sant Angelo kosten 150.000€), ...
[The end of a road] ... die Hände schütteln und sich Pace, Frieden oder Peace wünschen. Und dann geh ich seit wahrscheinlich fünfzehn Jahren zur Kommunion. Einfach so. Obwohl ich aus der Kirche ausgetreten bin und mich als Agnostiker sehe, und ich stark gegen diese ganze Kirchen-Staat-Verschmelzung bin. Aber in dem Moment, in diesem Monstrum von einem Bau fühlt es sich irgendwie okay an an etwas Größeres zu glauben. Sich wie ein Schaf in einer Herde zu fühlen und sich einer nicht rational erfassbaren Energie zu ergeben. Ich setz mich wieder hin und bin dankbar hier zu sein, den Weg machen haben zu können und ab sofort einen neuen Abschnitt beginnen zu können. So this is the end of a road. And a new start... Um 18.30 Uhr werden alle Schäfchen aus dem Dom hinausgeschickt. Es hat aufgehört zu regnen. Ich geh ins nächste Café, bestell mir ein Bier und ruf meine Mama an 😎
... [the end of a road]. Langsam, nicht wissend wohin ich starren soll, geh ich durch den Dom. Gewiss steckt viel Blut in so einem Bau, aus künstlerischer Sicht lässt es einen aber niederknien. Zu meinem Glück - es ist zurück - beginnt gerade eine Messe und ich werde durch die Absperrung bis ganz nach vor gelassen. Dieser Teil wo die Messe abgehalten wird, ist vielleicht eine von zehn 'Kirchen', die in den gesamten Dom passen. Immer noch staune ich über die Größe und fühl mich wie eine Ameise. Und plötzlich als die Gruppe von Sängern beginnt Choräle zu singen und ich inmitten von hunderten Menschen aller Welt sitze, muss ich losweinen. Aus Erleichterung und aus Dankbarkeit. Dankbar heil angekommen zu sein und diese ganzen hunderten Kilometer geschafft zu haben. Vielleicht weine ich sogar aus Ehrfurcht vor denen, die diesen Ort geschaffen haben und vielleicht sogar vor etwas Göttlichem. Ich schluchze die gesamte Messe hindurch, auch als sich diese ganzen Menschen aus aller Welt ...
Arrivederci Roma !! I definitely will be back...

11 May 2016

My lovely host Emanuele cooked 'una cena delziosa' for me and took me - yes on a scooter !!! - to a really cool underground club where we saw a concert of his friend Leila. What a talented girl, what genius musicians and what a perfect roman night out before I leave.
The end of a road. Mein Glück von heute früh hat am Nachmittag leider nachgelassen und ich muss eine Stunde in der Schlange vor dem Security Check am St.Petersdom im Regen stehen. Dafür aber neben einer Gruppe von Össis, die eine super Reiseleiterin haben und uns mit Zahlen, Daten, Fakten und Anekdoten mit dem Vatikan unterhält. Ich lausche also der netten Deutschen, wie sie von der Größe des Doms berichtet und dass wir diese mit freiem Auge gar nicht fassen können, weil die Konstruktion eine so perfekte, harmonische ist. Tatsächlich sei der Altar im Dom aber 30m hoch, genauso wie der Basilisk am freien Platz, der natürlich viel höher wirkt. Fassen kann der ganze Dom 16.000 Menschen - stehend jedoch, weil es weder Bänke noch Sessel im Dom gibt. Eine Stunde Geschichten rund um den Dom und seine Meister später, stehe ich im Dom. Ich kann es schlicht nicht verstehen wie etwas so Schönes aus Menschenhand geschaffen werden konnte. ...
Saint Peters Church
So this is where priests do their shopping 😜
La Pinacoteca ist wahrscheinlich eines der tollsten Museen, die ich bis dato gesehen hab. Es werden hier alle Malstile der Antike bis zur Renaissance abgedeckt. Es beginnt mit Ikonen aus dem 14. und 15.Jhd., die mittels Temperarmalerei (Farben werden mit Eigelb angemischt) auf Holzplatten gemalt wurden. Schließlich kann man Fresken (Wandmalerei) aus dem 15.Jhd. bestaunen, Altarbilder von Perugino, Werke von Berlini und natürlich Raffaelo's Verklärung. Wenn man sich bewusst macht bzw. ein bisschen nachliest, wie diese Malereien entstanden sind, kann man einfach nur staunen. Auch wenn man keine Ahnung von Bildkunst hat. So gehts jedenfalls mir. Hab ich damals noch über Giovanni aus dem Museum in Caprese schmunzeln müssen, weil er besessen von den ital. Meistern war, so kann ich diese Verzauberung heute sehr gut nachvollziehen. Mich fasziniert weniger was die Herren gemalt haben - das war immer etwas Religiöses - als vielmehr wie sie es darstellen bzw. wie diese Genies gearbeitet haben.
One of the best museums if have ever seen... Vatican Pinacoteca
Für eine Kaffeepause setze ich mich in den schön angelegten Park und studiere meine Führer. Meine nächste Besichtigung wird die Pinakothek sein.
Das Highlight der Museen ist natürlich die Sixtinische Kapelle. Auch für mich. Ich habe Glück und finde sofort einen Platz gegenüber von Michelangelo's späteren Meisterwerk, dem Jüngsten Gericht. Eine gefühlte Stunde sitze ich in der Kapelle und starre abwechselnd auf die Fresken und mein Buch. Mich kann so etwas so derart fesseln, dass ich sogar die 'Silencio!' und 'No pictures please!' - Schreie der Wärter nicht mehr höre. Am liebsten würd ich mich auf den Boden legen und nach oben starren. Wie ich lese, musste Michelangelo die Farben für das Gewölbe-Fresko selber zahlen und verwendete daher so gut wie kein Blau (Lapis Lazuli war wahnsinnig teuer). Für den zweiten Auftrag zahlte der Papst die Materialien, dementsprechend überladen ist es mit Himmelblau. Eines der aufwendigsten Dinge um die Fresken zu malen, war übrigens der Bau des Gerüsts, welches die ideale Entfernung (entsprechend der Körpergröße des Künstlers mit nach oben gestrecktend Armen plus Länge des Pinsels) haben musste.
Wie sich herausstellt ist Mittwochvormittag der perfekte Zeitpunkt, um die Vatikanischen Museen und die Sixtinische Kapelle zu besuchen. Ich muss weder beim Sicherheitscheck, noch beim Ticketsschalter warten und bin pünktlich um 9.30 im Museum. 16€ Eintritt - leider habe ich meinen Pilgerpass nicht mit, damit wärs die Hälfte - ist durchaus okay für eines der größten Museen der Welt. Ähnlich wie beim Louvre bräuchte man bei einem Verweilen von 1 Minute pro Ausstellungsstück 12 Jahre für die Besichtigung des gesamten Museums. Irre. Das erste große Staunen kommt mir bei der Galerie der Landkarten. Ganz Italien wurde hier von einem Kartograf und Künstler namens Ignazio Danti auf 120m dargestellt. Wobei die Galerieachse die Trennung Italiens durch das Appenin-Gebirge darstellt, welches ich bei meinem Cammino durchwandert hab. Ich suche mir natürlich die Karte von Umbrien und schau mir meine Route an.
Sistine Chapel - simply stunning.
Amazing map gallery - one of the unsung heroes of the Vatican Museums!!
Nach einem gemeinsamen Café mit Emanuele mach ich mich auf den Weg Richtung Vatikan. Nicht zur Audienz - ich muss gestehen ich habe mich nicht mehr um Karten bemüht und Online gibt's keine mehr... - sondern zur Sixtinischen Kapelle und zum Museum. In meinem Führer steht nämlich, dass gerade weil der Papst eine Audienz gibt, weniger Leute in der Warteschlange fürs Museum stehen. Mal sehen.

10 May 2016

Trevi Erlebnis. Nach meinem ruhigen Spaziergang an der Appia Antica und einem gemütlichen Glas Wein mit Buch über die italienische Geschichte nach dem Römischen Reich, beschließe ich mich für den Abschluss des Abends in die Touristenhölle schlechthin - den Trevi-Brunnen - zu stürzen. Nicht hinein natürlich, nur in die Menge. Ich kaufe mir eine bisschen Antipasti und ein Bier und will mich dorthin setzen und Leute beobachten. Fehlanzeige. Als ich um die Ecke biege, stehen bereits Massen an Menschen rund um den Brunnen, machen Selfies, schmeißen Münzen und lassen sich von ihren Guides die Symbolik erklären. Ich muss fast laut lachen weil mir das so absurd vorkommt, mache ein paar Fotos und ziehe nach fünf Minuten weiter. Vor lauter Wirbel vergesse ich sogar darauf drei Münzen zu werfen. Cazzo! Ob ich trotzdem nach Rom zurückkommen werde? Anscheinend werden jeden Tag 3.000€ Münzen aus dem Brunnen gefischt. Das sind, wenn jeder 30 Cent reinwirft, pro Tag 10.000 Touristen.
Trevi - tourist hell. 3.000€ per day are being collected every day from the fountain. If everybody throws in 30 cents that would make 10.000 people per day. The restoration of the Trevi fountain (2.18m) is founded by the luxury fashion label Fendi.
...Ich stimme zu. Warum ist das wohl so, fragt er in den Raum. Dann erzählt er mir von seinen Erlebnissen in Österreich und von einem Schriftsteller, den er kenne, der brilliant über die Österreicher geschimpft habe. Thomas Bernhard, sagt ich. Ja, Bernhard genau!! Ein Genie. Er beginnt vor mir und dem Verkäufer, der natürlich keine Ahnung von Österreich geschweige denn österreichischen Schriftstellern hat, von Bernhard zu schwärmen und wie genial böse und satirisch er sich über das eigene Volk auslasse. Und was er schreibt ist wahr, nicht wahr? Warum er Bernhard kenne, frag ich ihn. Er sei Steinerianer, Anthroposoph, und interessiert an allem. Ich bin immer wieder erstaunt wieviele Bernhard-Fans es außerhalb Österreichs gibt! Wir plaudern noch ein bisschen und mit einem 'Buona Fortuna, Klaudia' verabschiedet sich Signore Walter von mir. Ein Gespräch auf Italienisch über Bernhard in einem Bio-Laden in Rom. Was für eine lustige Begegnung.
Der heutige Tag beginnt sehr entspannt mit einem gemeinsamen Café mit Emanuele. Wir sind uns einig, dass wie Rom lieben, aber die Touristen nerven. Ich sag ihm, dass ich heute ein bisschen flüchten will und die Appia Antica entlang spazieren will. Bellissima meint er. Und empfiehlt mir gleich noch einen Haufen anderer hidden places, wo man seine Ruhe finden kann. Außerdem lädt er mich für Morgen zu einem Konzert eines Freundes ein. Nach Dusche und Frühstück ziehe ich los Richtung Bus. Auf meinem Weg dorthin entdecke ich einen kleinen Kräuterladen. Ich stöbere eine bisschen und werde plötzlich von einem älteren sehr elegant in blauem Ledersakko und Hut gekleideten Herren angesprochen. Sie sind nicht von hier, erlauben Sie? Nein, ich bin erstaunt über seine elegante Ausdrucksweise. Normalerweise werde ich immer geduzt. Aus Österreich komme ich. Bellissima, la Austria! Eigentlich ist Österreich landschaftlich und kulturell der Schweiz sehr ähnlich, nur dass es leistbar ist. Nicht wahr?
Nach einem langen Tag herumstrawanzen und das Centro storico erkunden, habe ich genug von den Touris und freu mich auf ein nettes Abendessen. Mit Karlheinz und Reinhard, meinen Salzburger Pilgerfreunden, habe ich mich am Campo di Fiore verabredet. Ich freue mich die beiden vor ihrem Abflug noch einmal zu sehen. Weil im Campo aber noch wenig los ist, schlag ich vor ins nächste Viertel nach Trasvestere ('jenseits des Tibers') zu spazieren. Ein süßes Viertel mit engen Gasserln, Bars und Restaurants. Wir spazieren herum, schauen den vielen Straßenkünstlern zu und plaudern über die Erlebnisse der letzten Tage. Wir finden eine nette kleine Bar, wo wir uns auf einen klassischen Aperitivo einlassen. Ein Getränk und dazu ein Buffet mit Antipasti und Snacks. Bis um 2.00 Uhr nachts bin ich mit meinen Herren unterwegs und freue mich über die schöne Bekanntschaft. Letztendlich sind es wohl die Momente, die man mit netten Leuten verbringt, die einem nach so einem Weg in Erinnerung bleiben.

9 May 2016

Wandering through roman streets
Panoramic Pantheon
Pantheon
Der stille Ort. Es soll hier mal erwähnt werden, dass die Gastfreundschaft der Italiener - unähnlich der der Wiener - auch bei der Klofrage nicht endet. Ich bin es nach diesem Monat Natur gewöhnt meine Geschäfte im Grünen zu verrichten, beziehungsweise das Meiste herausschwitzen. In einer Großstadt wie Rom ist das jedoch nicht so einfach, denn so etwas wie eine öffentliche Toilette scheint den Römern nicht ins Stadtbild zu passen. Da steht man also alle zwei, drei Stunden - der viele Kaffee ist nicht unschuldig - vor der Frage: wohin zum Teufel??! Ich, an Wiener Verhältnisse gewöhnt, habe größte Angst davor angeschnauzt zu werden, frage dann aber nach langem Suchen doch irgendwann in einem Café. Und siehe da, ich bekomme ein "prego!", ein "bitte hier entlang!" als Antwort. Und nicht nur einmal, nicht nur in entlegenen Vierteln, selbst an den touristischen Orten werde ich höflich hereingebeten und dann sogar mit einem Grazie verabschiedet. Wow. Ich sag auch Danke!
Anfangs mag man sich vielleicht denken, wofür eine Stadt soviele Kirchen brauche. Mittlerweile versteh ich es. Sie dienen ganz einfach als Erholungsorte von dem ganzen Wahnsinn, dem Trubel, dem Lärm, den Shoppingmeilen. Denn auch wenn es überall viele Touristen gibt, in den Kirchen, vor allem den kleinen aber nicht minder schönen, herrscht Ruhe, es ist angenehm kühl und fühlt sich tatsächlich an wie ein Zufluchtsort.
Nachdem ich ausgiebig im Buchladen geschmökert hab und mich mit Reiseführer von Rom, einem italienischem Grammatikbuch, einem Italienisch Lernbuch über Leonardi da Vinci und einem Buch über "The Italians" ausgestattet habe, schlendere ich weiter Richtung Sallustiano Viertel. Dort suche ich das kleine Lokal, wo es laut Megan die besten Pizzen geben soll, und um's Eck das beste Gelato. Ich bin mir sicher es gibt in Rom beides, Pizza als auch Gelato, in vielfacher deliziöser Ausführung, vertrau ihr aber und probiere die Pizza artiginale von Pinsere. Und ich werde nicht enttäuscht! Der nette Italiener hält mich für eine Pariserin und spricht mich in perfektem Französisch an. Seine Empfehlung für mich: Melanzzani, Mozzarella di Buffola, Mandelsplitter, Rosinen und grünes Pesto. Dazu ein Insalata mit Äpfel, Speck, Cranberries und Gorgonzola. I take it. Away in den schönen Park wo sich auch die Villa Borghese befindet. Vor einem Brunnen genieße ich Pizza, Salat und meine Bücher. Bellissimo!
Food Porn in the Green.
Roma - churches, monuments and looooots of scooters.
Usually I take tons if pictures of everything I walk by. In Rome I just can't keep up with the amount of beauty. I am giving up...
Heute Früh schlafe ich zum ersten Mal über meinen Wecker hinaus und komme nur langsam in die Gänge. Macht ja nix, mich stresst nichts und niemand. Ich mach mir ein Frühstückchen in meiner entzückenden kleinen Wohnung und beschließe dann mir doch einen Reiseführer oder Buch über Roma zu kaufen. Einfach nur um nicht ständig uninformiert an geschichtsträchtigen Bauten vorbeizulaufen... Außerdem gefällt mir die Vorstellung in einem italienischen Café zu sitzen und über die Römer von gestern und heute zu lesen.

8 May 2016

Even though all that pasta, pizza, meat stuff tastes great, I have never enjoyed a fresh salad as much as today.
Shopping. Flohmarkt.
Colosseo. Circus Maximus.
First impressions...
Il colosseo. Full of tourists obviously... I didn't stay long although it is stunning!
Wie immer bin ich um 6 Uhr wach, ich höre sogar römische Vögelchen durch mein Fenster, und überlege was ich heute als erstes ansteuere. Ich beschließe jedenfalls mal zu Fuss Richtung Zentrum marschieren und mich von dieser Stadt einsaugen lassen. Und auch einen Markt oder ggf. sogar ein Kleidungsgeschäfterl anzupeilen, um mir zumindest Unterwäsche und was Stadt taugliches zum Anziehen zu besorgen. Ich kann unter den ganzen durch gestylten Römern doch nicht nur in Leggings rumlaufen. 😜
Ich unterhalte mich auch ein bisschen mit Maria, die Archäologin ist und daher relativ passables Englisch spricht. Sie erzählt mir, dass dieses Wochenende die Hölle los ist in Rom. Zum Einen, weil am Sonntag spielt Roma (Achtung: nicht Latio!!) gegen Verona spielt. Und zum Anderen, weil Tennisturniere sind, wo die Herren Federer, Nadal und Co. kommen. Naja und außerdem sei ja auch Muttertag wo viele Museen gratis sind. Da hab ich mir wiedermal ein gutes Wochenende ausgesucht... gut nur, dass ich bis Freitag hier bin und mir die Touri-Hochburgen für unter der Woche aufheben kann! Den netten Abend beenden wir wie es sich gehört mit einem Gelato, wofür man schon mal einen Weg in Kauf nehmen muss. Im 20 Autominuten entfernten Procopio bestellen wir uns - Megan ihr letztes, ich mein erstes römisches Gelato. Die Autofahrt lohnt sich, meinen Angela und Francesco. Und ja, das tut es! Glücklich über den unerwarteten Abend mit Megan und italienischer Gastfreundschaft, falle ich in mein Bett.
Nach dem netten Spaziergang fahren wir nach Hause, wo ich Megan beim Koffer packen Gesellschaft leiste. Schweren Herzens muss sie zurück in die USA, weiß aber, dass sie spätestens in zwei Jahren zurückkommt. Bis dahin sollte sie ihre doppelte Staatsbürgerschaft bekommen. Sie erzählt mir, dass sie vor einigen Monaten nach Kalabrien in ein kleines Dorf reisen musste, um dort die Geburtsurkunde ihrer Großeltern aufzuspüren. Sie hat es tatsächlich geschafft und kann nun beweisen, dass sie eine echte 'Varano' ist. Um 20 Uhr kommt Francesco und holt uns zum Abendessen. Er lädt uns alle, mitsamt Frau Angela und Tochter Maria ins Ristorante auf Pizza und Pasta ein. Wieder einmal kann ich nicht fassen wie gastfreundlich Italiener sind. Wir verbringen einen wahnsinnig netten Abend mit der bisher vielleicht besten Pasta - Carbonara typisch römisch - Pizza und wunderbarer Bruschetta und frittierten Fiore di zucca. Weder Megan noch ich können verstehen wie die Italiener so schlank bleiben.

7 May 2016

In einem Auto voller Kuscheltiere kurvt Francesco uns durch Rom und erzählt uns zu allem irgendeine Geschichte. Schließlich halten wir in einem Park, il Parci degli Arquedotti, wo man Teile des Römischen Wassersystems (Aquädukt) sehen kann. Mir fällt alles runter als ich da drunterstehe und seh wie die Leute hier Chillen, Laufen, Radl fahren, Golf spielen oder Picknicken. 'Nicht ganz so groß wie der Central Park in New York', Francesco grinst verlegen, 'aber ich komme gern hierher, zum Spazieren.' Dann zeigt er uns ein paar Meter weiter Teile der Via Appia Antica, Roms alter Straße, die parallel zur neuen Appia verläuft. Sie ist zu vielen Teilen noch erhalten und wird als Erholungsraum genutzt. Man kann anscheinend kilometerlang darauf entlang spazieren, bis zu den Katakomben. Bei der Vorstellung auf den gleichen Pflastersteinen zu gehen wie Claudius, Cäsar oder Nero bekomm ich Gänsehaut.
My wonderful first evening in Rome with Megan, Francesco, Maria and Angela. ❤️ Italian hospitality...
In the Parco degli Arquedotti you will find the remains of seven roman aqueducts (drinking water systems). 👣👣 And parts of the Via Appia Antica which was Rome's most important street - built 2.000 years ago!! The imagination that I am walking on pavement stones where Claudius, Nero or Cesare were walking is just mindblowing.
Roman experience. Vor Tagen habe ich gelesen, dass Megan, eine Freundin aus Colorado mit italienischen Vorfahren, für einen letzten Tag in Rome sein wird, bevor sie nach einem Jahr Europa zurück in die Staaten muss. In Wien haben wir es nicht geschafft zu treffen, in Salzburg auch nicht, dafür gelingt es uns heute in Rom. Ein Wiedersehen nach sechs Jahren, ich freue mich wahnsinnig! Megan und ich treffen uns um 16.30 auf einen Aperolsprizz und plaudern ewig über die letzten Jahre, unsere Reiseerfahrungen und gutes Essen (sie ist ebenfalls ein richtiger Foodie und eine ausgebildete Kuchenbäckerin). Hier in Rom wohnt sie bei der Familie ihres römischen Freundes, der aber selber in Salzburg arbeitet, und wird dort natürlich schwer verwöhnt. Als wir uns Tschüss sagen und Francesco - der Papa - sie mit dem Auto abholt, meint er, ich solle doch mit zum Abendessen kommen. Wir beide erstaunt, freuen uns, ich sag ja, steige ein und darf ein ganz anderes authentisches Rom erleben.
I met my dear friend Megan from Colorado in Rome!!! ❤️ And ended up having a real roman experience...
My perfect Airbnb!! 🛌😍Emanuele is a wonderful host and his apartment is super nice. He even let me use his precious audio system!! ❤️
I arrived at San Giovannis church!! 👣👣👣🏅🏆🎗Unfortunately herds of tourists are storming all those beautiful churches and piazzas. What a shame.... still I am enjoying myself! Che bella la vita in Roma.
Ein wahrscheinlich großer Unterschied zum Santagio-Weg ist wohl, dass Rom ein so großer Endpunkt ist, dass man sich in jeder Basilica, jeder Kirche, jedem Monument "angekommen" fühlen kann. Oder eben auch nicht. Für mich persönlich gibt es diesen einen "ich habs geschafft"-Moment nicht. Auch nicht nachdem ich heute vormittag noch einmal 10km zur Giovanni Kirche gegangen bin. Das macht mir aber nichts. Ich freue mich in Rom zu sein und ein paar Tage hier bleiben zu dürfen. Angekommen - mental - bin ich schon und daher sehr zufrieden und entspannt. Worauf ich mich nur wirklich freue, ist meinen Rucksack abstellen zu dürfen und ohne 12kg Last herumwandern zu können. Daher werde ich mich dann in Richtung meiner Unterkunft aufmachen und später weiter erkunden. Roma. Ich bin da.
Nachdem ich aber die ersten Kilometer ins Zentrum spaziert bin, merke ich, dass nun ein bisschen mehr los ist und mir die ersten Touristengruppen entgegen laufen. Hier ist Rom tatsächlich ein großes Open-Air-Museum und damit ändert sich natürlich auch das Flair und der Umgang zwischen den Leuten. Wie Schafe werden wir alle durch die Straßen geschoben, vor jeder Basilica muss man sich anstellen. Und wie in jeder Großstadt gibt's dann die Araber mit ihren Gemüsegeschäfterl, die Chinesen mit ihren Ramsch-Souvenir-Läden und die Thailänderinnen mit ihren Massagestudios... und dazu tausende Touris mit Selfie-Sticks. Ich verzichte erstmal auf die Santa Maria Maggiore und gehe weiter zur Giovanni Kirche.
Rom empfängt mich warm, sonnig und gut gelaunt. Der erste Kellner, der mir meinen Café serviert macht mir gleich Komplimente, mein Hut wäre toll und ich sehe wie eine Schauspielerin aus. Der Tabacchi-Verkäufer zieht mich ein bisschen auf, weil ichs nicht schaffe das Passwort richtig einzugeben, zeigt mir dafür aber später eine Geheimtoilette. Und überhaupt wirken alle an diesem Samstagmorgen gut gelaunt und lächeln mich höflich an. Es ist zwar vielleicht komisch, aber mir sind die ersten Minuten an einem neuen Ort extrem wichtig und wenn die Stimmung gut sind, die Leute sympathisch sind und die Atmosphäre angenehm, dann liebe ich diesen Ort für immer. (In Wien hats zwar ein paar Jahre gedauert, aber da muss man wohl erst verstehen, dass die Grantigkeit ein Art Lächeln ist...) Wie dem auch sei: Rome - Love at first sight!
Heute erstmalig nach 27 Tagen eine Guten-Morgen-Dusche. Ich packe ein letztes Mal meinen Pilger-Rucksack zieh meine Kluft an und starte los zum 2km entfernten Bahnhof Monterotondo-Mentana. Dort soll angeblich alle 30min. ein Zug nach Rom Tiburtina gehen, von wo aus ich meine letzten km zur Basilica Santa Maria Maggiore stapfen werde. Ein Stück weiter ist die Endstation des Franziskusweges, die Lateranbasilika wo das Franziskusmonument steht.
Leaving my ugly room behind to go to ROMA

6 May 2016

Ich trinke meine zwei kleinen Bier und esse meine Snacks - für alles zahle ich mir 5€ - und mach mich dann auf den Weg ins Hotel. Richtigen Hunger habe ich nach dem Aperitivo zwar nicht mehr, aber ganz ohne Essen ins Betterl ist auch nichts. Ich hole mir beim scheinbar besten Bäcker der Stadt (die Leute sind hier heute Nachmittag Schlange gestanden) zwei warme Panini, handgemacht, mit einmal Spinatfüllung und einmal Wildschweinschinken und Käse. Saugut!
Nach einer Rundum-Sanierung, mache ich mich auf den Weg ins Zentrum von Monterotondo. So unsympathisch mir die Stadt bis dato war, so erstaunlich nett ist das Abendflair in der Altstadt. Viele Junge - Männer hauptsächlich - chillen in den Straßen, einige junge Familien ebenso, oder sitzen in Bars für den üblichen Aperitiv. Ich tu es ihnen nach, such mir das erste nette Café aus und bestell mir ein Bier. Dazu bekomme ich haufenweise Chips und Aperitivo Snacks wie Prosciutto, Mozzarella und Blätterteig-Nester mit Tomatensauce. Ein Traum. Ich muss mir eingestehen, dass ich mich in diesen Momenten schon etwas einsam fühle. So ganz ohne Gesprächspartner ist ein Aperitivo einfach komisch und der Genuss nur halb so groß.
Aperitivo in Monterotondo
... Und es gibt Fotos von einem super riesigen Frühstücksbuffet. Aber jetzt beim zweiten Mal lesen, merke ich, dass nichts von wegen "inkludiert" dabei steht. So ein Schlitzohr aber auch. Dann meint er, er gäbe mir ein größeres schöneres Zimmer, gratis. Und betont beim Hinausgehen noch einmal, dass ich ihm doch bitte eine gute Bewertung hinterlassen sollte. Ich habe echt Lust die Wahrheit zu sagen und andere vor dieser Frechheit zu warnen. Bin aber dann zumindest froh, dass das Zimmer sauber ist und denk mir, dass er es wahrscheinlich nicht leicht hat mit dieser Bude. Und in dieser unsympathischen Stadt.
Bei Ankunft am Hotel ist alles verschlossen und es eher so aus als seien die auf Dauerurlaub. Auf der Tür steht, dass es anscheinend erst ab 16.30Uhr aufsperrt und ich denk mir, dass das jetzt aber nicht wahr sein kann. Darauf hätten sie wenigsten auf booking.com hinweisen können. Ich gehe zur Trattoria nebenbei uns frage nach. Der ruft jemand an und es kommt plötzlich ein Typ angerannt. Er erklärt mir, dass normalerweise erst später aufgemacht wird und ich dafür 20€ Strafe zahlen müsste!! Noch einmal denk ich mir, dass das jetzt aber nicht wahr sein kann. Er checkt mich ein, gibt mir die Schlüssel erklärt mir alles und meint dann, er würde mir die Strafe erlassen, wenn ich ihm dafür eine gute Bewertung hinterlasse!! Soviel also dazu. Jetzt weiß ich wie so ein altes heruntergekommenes Hotel fabelhafte Bewertungen bekommt. Ist ja nicht zu fassen. Auch bekomme ich kein Frühstück, ob ich das eh gelesen hätte. Hab ich nicht. Auf der Seite wird groß ein kontinentales Frühstück angepriesen.
Dreck. Wie ich es geahnt hab, war die Idylle einen Kilometer weiter bereits vorbei und der Cammino läuft entlang einer vielbefahrenen Straße unter der A1 Autobahn bis zu der eher unschönen Stadt Monterotondo. Es ist eine dieser Vorortstädte Roms, die in den letzten Jahren auf 40.000Einw. explodiert ist. Entlang des Weges jedenfalls graust einem vor dem Italiener, dem Mensch per se, der Zivilisation. Schließlich wird man von einem Mäci und einem riesigen Einkaufszentrum begrüßt und weiß wieder wie die Realität aussieht. Ich stapfe also quer durch die ganze Stadt zu meiner Albergo "Le Petit Hotel", welches mir den Fotos nach zwar wahnsinnig unsympathisch erscheint, aber halbwegs billig ist und super Bewertungen hat. Nur dass das mit den Bewertung halt so eine Sache ist...
The beautiful Cammino ends in a very dirty one!! Italians unfortunately are very talented to ruin their nature by throwing trash out wherever they are... so I ended my last day of walking with paths full of trash and dirt alongside of busy streets and the Autostrada A1. And then of course: the obligatory Mc Donald next to the Cammino. Hello civilisation. Hello trash. Hello disgust. 🙊🙈🙉
Die Tatsache, dass ich heute höchstwahrscheinlich das letzte Mal meine Wanderschuhe anzieh, lähmt mich irgendwie. Ich marschiere so langsam wie selten und wenig motiviert in Monterotondo anzukommen. Bis vor einigen Tagen war ich noch von meiner naiven Vorstellung überzeugt mit meinem Rucksack, Wanderstöcken und Hut direkt nach Rom, am Kolosseum und Trevi-Brunnen vorbei zur Santa Maria Maggiore reinzuspazieren. Bis mich die anderen Pilger aufgeklärt haben, dass das nicht empfohlen wird, da die Industriegebiete Roms einem eher den Cammino zerstören und die Römer nun auch nicht für achtsames Autofahren bekannt sind. Daran hab ich natürlich gar nicht gedacht... Naja also werd ich Morgen von Monterotondo wohl eher mit Bus oder Zug ins Zentrum fahren und dafür einen halben Tag mehr Zeit haben für Rom haben. Auch okay. Jedenfalls lass ich mir heute extra viel Zeit und lege mich noch ein letztes Mal unter einen Olivenbaum ins Gras. Vogelgesänge, Bienensummen, Traktorgebrumme. Che bello.
Ultima pausa.
Last day of walking 👣👣👣From Montelibretti to Monterotondo.
Bevor ich losmarschiere mache ich einen Abstecher in den Supermarkt. Auch wenn der Weg nur 16km lang ist, eine Banane und ein Orangerl nehm ich mir doch mit. Im Supermarkt fragt mich schon wieder ein Herr, ob ich 'Austriaca' sei. Sehe ich tatsächlich so österreichisch aus, oder eilt mir mein Ruf noch immer voraus? Kann ja nicht sein. Er klärt mich an der Kasse auf, dass er Österreich liebt und oft bereist und daher die Leute ganz gut einschätzen kann. Ich verabschiede mich und marschiere die Straße bergab Richtung Oliven- und Obstgärten. Plötzlich schreit mir jemand aus dem Auto "Klaudia!" zu. Claudia ist mir nachgefahren, weil ich meinen Sonnenhut liegen lassen habe. Was für ein Glück!! Ohne Hut würde ich auf den freien Landstraßen sterben vor Hitze... Grazie mille! - Niente! Auguri e arrivederci!
Nachdem Frühstück plaudere ich noch ein bisschen mit Claudia. Sie wohnt am Land mit ihrem Mann, hat aber das Haus ihrer Großeltern geerbt und hält es mit Airbnb-Vermietung in Stand. Das ganze Haus sei einfach viel zu groß und sie wisse nicht wie sie es sich sonst leisten könne. Ich verspreche ihr eine gute Bewertung zu hinterlassen und bedanke mich für die schöne Unterkunft. Brava, brava! sagt sie zu mir und deutet auf meinen Rucksack. Dass ich den langen Weg ganz alleine mache... Mi piace il cammino! Es ist gut zum Nachdenken, sag ich. Sie stimmt mir zu und meint: La fatigua libera la testa... - Die Müdigkeit macht den Kopf frei... - Wie wahr!
Bellissima colazione!! I am being pampered this morning with eggs, toast, cheese and ham, organic yoghurt and whole wheat flakes 😍 nomnomnom
Um kurz nach sieben kommt Claudia mit einem "Buon Giorno!" in die Wohnung. Zeit zum Aufstehen. Kurz mal alles durchdehnen und schauen ob alles noch funktioniert. Tut es. Nur mein rechter Knöchel ist erstmals angeschwollen. Ich schaff es tatsächlich mir am letzten Tag noch eine Blase am linken und eine Schwellung am rechten Fuß zuzuziehen. Vielleicht sträubt sich mein Körper auch einfach dagegen wieder in das Stadtleben zurückzukehren. So oder so. Ich genieße es von Claudia mit einem tollen Frühstück verwöhnt zu werden und heute zum ersten Mal seit Wochen eine Zeitungs-App aufzumachen um Schlagzeilen zu lesen. Wie es aussieht hab ich nix versäumt. Ich machs Handy wieder aus und widme mich meinem Schinken-Käse-Toast mit Ei. ☺️
Nicht vermissen werd ich... das italienische "Frühstück" 🍪 Weißbrot, Pasta und Pizza🍕🍞🍝 die tausenden kläffenden Hunde🐕🐩 die verrückten Autofahrer 🚗🏎🚜🏍 die weichen Matratzen 🛏 ---------- Vermissen werd ich... die vielen lieben Leute😘 die Stille🏕 das Vögelgezwitscher & die herrliche, Waldluft am Morgen🌳🌲 die Berge 🗻🌁 das schöne Licht🌅 den Espresso an der Bar für 0.80€☕️ den Rotwein🍷 ---------- Worauf ich mich freu: Freunde und Familie👪👩‍❤️‍👩👫 mein Bett💤🛌💤 Haferbrei-Frühstück🍚🍳 richtige Salate und Suppen🍲 mein Radl🚴🏻 Schwimmen & Yoga 🏊🏻🙏🏻👌🏻 meine Badewanne🛀🏻 ins Kino gehen🎬 Musik hören🎧🎻🎺🎹 und ja, auch Schuhe, Taschen und hübsche Kleider 👡👗👙👜
Um 6.00Uhr wache ich in meinem herrlich großen Bett auf. Das Fenster ist aus Gewohnheit immer offen. Leider höre ich heute zum ersten Mal seit Wochen Straßenlärm und keine Vögelchen, ich merke, dass ich jetzt bald in Rom bin, im Chaos, im Trubel. Stadtmaus kehrt zurück in die City. Irgendwie aufregend (ich kenne ja Rom gar nicht!! irgendwie aber auch anstrengend. Jedenfalls überlege ich mir im Bett liegend was ich denn vermissen werde und worauf ich mich richtig freue.

5 May 2016

What a nice apartment!! For only 30€ a night, I get a whole flat, breakfast, fruits, water, cake and what not... Its like heaven.
Völlig k.o. - STANCHISSIMA - komm ich nach 33km in Montelibretti an. Die Dame meiner Unterkunft, auch eine Claudia, wartet bereits auf mich. In 5 Minuten zeigt sie mir die riesige Wohnung, die ich heute ganz für mich alleine habe!! Wow. Auf Airbnb gefunden für 30€ inkl. Frühstück und allem was das Herz begehrt!! Kuchen, Früchte, Wasser, Pasta, ... Jackpot! Ich fall auf die Couch im Vorraum und will mich nicht mehr bewegen. Vorletzter großer Marsch. Can't believe it.
Another wild boar family!! Wildschwein Alarm!
Von Farfa nach Fara gibt's endlich mal wieder so etwas wie einen Pfad. Die gesamten 15km waren heute nur Asphaltstraßen. Jedenfalls nehme ich diesen alten Pilgerpfad, der die beiden Klöster verbindet, und steige mit meinen Sandale nach oben. Da steige ich um ein Haar auf eine Schlange!! Ich spring rückwärts und fall dabei fast auf meine Arsch. So erschreckt hab ich mich die ganzen drei Wochen nicht! Schlängelt sich da seelenruhig eine 1,30m lange grüne Schlange über meinen Weg... 🐍 ironischerweise hab ich vorgestern beim Abendessen mit Reinhard und Karl-Heinz über Schlangen gesprochen und ich nur so, "geh, da gibt's doch keine Schlangen hier! und außerdem sind die eh schön anzusehen..." Well oh well.
Hunderte Hügel, Villen, Weinberge, Olivenhaine und tausende kläffende Hunde später, komme ich in Farfa an. Ich setz mich in die unglaublich schöne Kirche und kühle mich ein bisschen ab. Heute war es sogar am Vormittag schon richtig heiß, 22 Grad mit Sonne. Ich mache eine längere Pause im Park, esse mein Jausenbroterl, Banane und die ersten richtig guten Erdbeeren und wechsel dann auf meine Sandaleee. Wobei das wie ich später merke ein Fehler ist.
Farfa
Today's pretty hilly Cammino from Poggio Mirteto to Montelibretti. Passing lots of nice villas, vineyards, olive fields, beautiful gardens until I finally cross the border of Province Rieti and Roma!! ☀️🌧☀️🌧 Weather is still April-like, sunny and rainy at the same time...
Nachdem Lauren und ich uns beim Abendessen wunderbar verstanden haben, Cecilia (ich weiß mittlerweile wie die Gastgeberin heißt) hat uns Nudeln gekocht, frühstücken wir auch gemeinsam und plaudern ewig. Lauren hat eine schlimme Trennung hinter sich und ist aus Australien nach Europa geflüchtet, wo sie erstmal herumreist bis sie weiß was sie weitermachen will. Hierher ist sie für ein Yoga-Retreat gekommen. Wir machen uns aus, dass wie uns nächste Woche in Rom wiedersehen oder spätestens wenn sie nach Wien kommt. Nach dem ausführlichen Frühstück ziehe ich ein vorletzes Mal meine Wanderschuhe an und verabschiede mich. Erstaunlicherweise stellt sich Cecilia als herzlicher heraus als gedacht und gibt mir ihre Nummer. Sie arbeite als Architektin in Rom und wenn ich irgendein Problem haben sollte, kann ich sie jederzeit anrufen. Ich habe ein schlechtes Gewissen und nehme alles zurück, was ich mir über sie gedacht hab. Shame on me!! Note to myself: don't be so f**in judgemental!! Scusiii.
After a bad start, I had a wonderful time at Cecilia's beautiful house in the middle of nowhere. Here: my nice breakfast and diner with Lauren from Australia.

4 May 2016

Strange B&B. Weird hostess. Nach 28,7km komme ich ziemlich k.o. an der angegebenen Adresse des B&Bs an. Irgendwie sieht es aus, als ob das Haus leersteht. Ich geh eine Runde herum und schrei mal Buon Giorno in die Stille. Nix. Dann seh ich einen Schlüssel stecken und mache die Tür auf. Eine komische italienische Tussi macht mir auf und redet mich auf English an. Sie wirkt irritiert, dass ich zu Fuss gekommen bin. Ich erkläre ihr dass ich am Weg nach Rom bin, was sie noch mehr zu verwirren scheint. Sie zeigt mir mein Zimmer. Dann fängt sie mich an zu löchern. Weil ich echt keine Lust hab mich mit jemand zu unterhalten, der es noch nicht mal schaff Guten Tag zu sagen, geschweige denn sich vorzustellen, sag ich ihr, dass ich erstmal duschen müsste und eine Runde schlafen. Mein Abend aber von einer wunderbaren Begegnung mit einer Australierin gerettet. Ein 28-jähriges Mädl aus Brisbane hat sich - wie ich - ins Nirgendwo verirrt.
Taking a rest... realizing its only two more days of walking!!
Scheißköter. Dafür Holunder Flieder Rosen Duft. Und die ärgsten Villen.
Mittagspause.
Today's Cammino is bellissimo!!Its mostly asphalt streets though...
582 steps to reach the streets that lead our cammino through the valley of Tiber
582 Stufen sollen uns heute gleich zu Beginn der Etappe bevorstehen. Gott sei Dank nur absteigend. Da hilft es, dass ich heute bei Carlotta zum Frühstück gleich drei Marmelade Brote gegessen hab und die mich schwer nach unten ziehen. Ich steige die vielen Stufen nach unten ins Tal und marschiere gen Rom.
"Die moderne Zivilisation hat uns die Stille genommen. Wer pilgert, kann sie sich zurückerobern." 👣☀️🗺☕️ Buon Giorno a tutti!

3 May 2016

What a nice evening in der Albergo Osteria del Mandorlo. My room €25 incl. breakfast and awesome view ❤️
Ziemlich genau um 16.00 komme ich mit meiner neuen Pilgerfreundin Elke in Calvi dell'Umbria an. In dem Ristorante / Albergo del Mandorlo erwartet uns bereits die entzückende Carlotta, eine junge Italienerin, die den Gastbetrieb mit ihrem Mann zusammen führt. Ich habe tatsächlich den Jackpot der Herberge geknackt und bekomme das einzige Zimmer mit Balkon und Ausblick über das Tiber-Tal. Ich kollabiere glücklich auf meine Bett und starre eine gefühlte Ewigkeit in die Ferne. Dann mach ich meine üblichen Aufputz, Dusche, Wäsche, Dehnen, Cremen und dreh eine Runde durch die süße kleine Stadt.
Che bella vista a Calvi dell'Umbria ☀️😎 I am finally getting some sunrays after all those f**in cold and rainy days!!
Finally arrived in Calvi dell'Umbria, enjoying my beautiful balcony and letting my feet breath 😜
Als ich am Kloster Lo Speco ankomme, sitzt da bereits eine Pilgerin. Komisch, ich kann mir kaum vorstellen, dass sie vor mir losgegangen ist und überholt hat sie mich bestimmt auch nicht. Ich setze mich hin, um die Aussicht zu genießen da spricht sie mich auf Deutsch an. Aha! Sie gehört zu der Augsburger Runde. Anscheinend sei eine der Damen krank und man habe sie mit dem Auto hier ins Kloster gebracht. Und Monika ist mitgefahren um sich die Etappe ein bisschen zu verkürzen. Jetzt warte sie nur noch auf Maria und Fernando, die a piedi nachkommen. Ich warte ein bisschen mit ihr, teile meinen Sack Erbsen und meinen Pecorino und wir plaudern über das Stück Italien, dem wir hier begegnen und wir beide so nicht kannten. Als die beiden Anderen sie versetzen, weil sie sich wohl verlaufen hätten, gehen wir zwei zusammen weiter nach Calvi. Bei dem schwierigen Aufstieg ist zwar nicht viel mit Reden, aber das stört uns beide nicht.
Monastery of Lo Speco where I meet another pellegrina from Augsburg
Nach meinem Erleichterungsmoment geht sich's viel beschwingter. Ich überquere einen Bach und folge den Tau-Zeichen bergauf bis zum Kloster von Lo Speco. Auf halben Weg aber treffe ich auf einem Feldweg auf eine Gruppe Kulinarik-Touristen aus Holland. Ich will vorbeigehen, da höre ich wie jemand was von einer Austriaca sagt. Mein Ruf reist mir offensichtlich voraus! Ich dreh mich um und frage den Olivenbauer woher er das denn weiß. Filippo grinst nur und drückt mir einen Kaffee und Kuchen in die Hand. Komm iss mit uns! Ich plaudere ein bisschen mit den Holländern und sie erzählen mir von ihrer Reise. Nach der kleinen Stärkung zeigen mir Filippo und sein Sohn noch wie man Oliven von den Bäumen erntet. Schließlich bekomm ich noch einen Sack grüner Erbsen, Focaccia und Pecorino als Proviant. Wenn ich oben ankomme, er zeigt auf die Spitze des Berges, bräuchte ich ja was zu essen. Den Rotwein musste ich um 11h vormittags und einem noch bevorstehenden 1.000m Aufstieg doch ablehnen.
On my way I came by a group of Dutch who were on a culinary trip in Umbria. They invited me to have some coffee and food and Filippo showed me how to harvest olives. Also, he gave me a kilo of green beans, focaccia and pecorino for my break. I kindly refused the wine though 😜
Following signs on today's Cammino... the 'Tau' is francesco's sign. The shape of the letter tau or T was interpreted as representing a crucifix from antiquity.
Today's cammino - bellissimo ma duro
Erleuchtungsmoment. Irgendwie ist heute was anders. Ich bin nicht in meiner üblichen Wanderlaune, nicht ehrgeizig möglichst schnell ins Ziel zu kommen, nicht getrieben. Irgendwie wärs mir sogar wurscht heute einfach zu schlafen, den Bus zu nehmen oder sogar nachhause zu fliegen. Ich geh natürlich trotzdem los und grübel. Plötzlich merke ich wie ich auf einmal ganz genau weiß, was ich zu tun hab, wenn ich wieder zuhause bin. Ich weiß was ich will, wohin's geht. Und vor allem habe ich keine Angst mehr in meine Realität zurückzukehren. 30 Minuten nach Emilys B&B, irgendwo am Weg zwischen Stroncone und Coppe auf einer hässlichen Asphaltstraße, fange gleichzeitig zu lachen und weinen an. Ich lehn mich an die Leitplanke. Sono arrivata. Ich weiß, wie mein nächster Schritt, wie mein Weg aussieht. Just like that. Ich atme tief durch, beruhige mich und schlendere weiter. Wenn der ganze Cammino ein einziger Wettkampf war, bin ich heute, am Tag 23, ins Ziel gelaufen.
Heute fällts mir zum ersten Mal schwer aufzustehen. Das Bett hier ist so gut kuschelig und ich würd am liebsten einen "Sonntag" einlegen. Aber ich habe gestern nachgerechnet: fünf Märsche noch bis Roma!! Heißt am Samstag sollte ich mein Ziel erreichen. Whoopwhoop! Das motiviert mich, ich spring aus dem Bett, ess brav mein Frühstückchen - das erste Müsli mit Joghurt seit Wochen - und marschiere los. Heute: Stroncone - Calvi dell'Umbria. Gute 20km und 1.000 Höhenmeter.

2 May 2016

Am Nachmittag dreh ich eine Runde durch die mittelalterliche Stadt Stroncone. Wieder eine dieser ausgestorbenen Städtchen. Dabei sollen hier sogar 5.000 Leute wohnen... Ich geh durchs historische Zentrum und treffe genau auf zwei Touristen. Sonst ist alles entweder leerstehenden, verriegelt oder zum Verkauf. Ob da überhaupt irgendjemand wohnt bezweifle ich. Ich geh in die Kirche wo gerade ein Gottesdienst ist und setz mich dazu. Danach will ich durch die Hintertür raus und treffe - wie könnts anders sein - meine Össis. Wir plaudern ein bisschen, sind uns einig, dass die Stadt tot ist und machen uns gemeinsam auf die Suche nach Essbarem. Ich nach einem Alimentari (ich freu mich mal wieder selber kochen zu können) und die Herren auf ein Ristorante.
Stroncone. No people, no shops, not even a bar/café... all of these villages ressemble a movie set!! At least in the old church I ran into my austrian friends Reinhard & Karl-Heinz.
I just got this message from Angelo & Carla congratulating me for my birthday which they probably saw on my ID. How nice is that!! Tonight I am gonna have their spelt and beer for diner (then at least I won't have to carry so much weight anymore)
In Stroncone angekommen suche ich mein Emily B&B, meine heutige Unterkunft. Für 25€ inkl. Frühstück darf ich hier bei Maria Cristina übernachten. "Ah la pellegrina!! Vieni, vieni! Café o thé?" Herzlich werde ich empfangen und mit Cantuccini, Café, dem Wifi-Passwort und frischen Handtücher versorgt. Fühl dich wie zuhause! sagt sie und rauscht wieder ab.
At Emilys BnB in Stroncone
Nach dem schweren Anstieg geht's relativ gemütlich weiter und später steil bergab ins Tal nach Stroncone. Landschaftlich nicht besonders aufregend. Vielleicht bin ich aber auch einfach schon so verwöhnt was Naturerfahrungen angeht. Immerhin mein heutiges Highlight: ich sehe meine erste Wildschwein Familie!! Gottseidank jedoch mit einigen Metern Abstand, ich kann mir durchaus vorstellen, dass so eine Bache schon mal auszucken kann wenn jemand ihre Babies bedroht... Ansonsten begleiten mich wie immer ein paar Kühe, einige Pferde, Schafsherden und deren Hirtenhunde, sowie tausende Eidechsen, Kuckucke, Wiedehöpfe, Meisen und Schwalben. Allein bin ich nie, am Cammino.
Todays short Cammino to Stroncone... f**in freezing!!
Meine heutige Etappe sollte eigentlich eine leichte, kurze sein. Gute 14km vom Greccio nach Stroncone. Der Weg führt mich zuerst ins Kloster von Greccio. Saukalt ist es und nebelig, die tolle Aussicht ist mir leider nicht vergönnt. Dafür ist es wunderbar ruhig, ein paar Mönche huschen herum und bitten mich, obwohl offiziell erst um 9.00Uhr geöffnet wird, herein um das Kloster und die Krippenausstellung zu besichtigen. Ohne Touristen strahlen diese geistlichen Orte schon etwas Magisches aus. Nach etwas Stille beginne ich den steilen Pfad, der direkt hinter dem Kloster beginnt. Ich weiß nicht was es ist - die 500gr. Packung Dinkel plus Dinkelbier im Gepäck oder das viele Essen der letzten Tage auf meinen Hüften - ich fühl mich heute jedenfalls so träge wie ein Packesel und diese 500m in die Höhe fallen mir besonders schwer.
Sanatorio Greccio - another Francescano monastery and probably the most beautiful one! At least for me... a quiet magical place!

1 May 2016

Als ich nun für meine Unterkunft und Abendessen zahlen will, staune ich nicht schlecht. 30€ für alles! Bio-Bier, handgemachte Bio-Pizza, und ein Apartment für mich alleine mit Bettwäsche und Handtuch. Unglaublich. Und dann stellt mir Carla noch einen selbst gemachten Nusslikör mit Glitzeruntersetzer auf den Tisch, ob sie mir einen Likör spendieren dürfe? Ich bin total gerührt von ihrer ehrlichen Großzügigkeit. Beinahe will sie mein Trinkgeld nicht annehmen, Warum denn? fragt sie mich. Ich antworte: "Perché sono felice." Weil ich glücklich bin. Sie lächelt und schenkt mir noch ein Principessa Dinkel-Bier. Was für ein Abend. Dankbar und glücklich fall ich ins Bett.
Best Pizza I ever had. Ich darf erstmal una birra artigianale auswählen, das hier in den Bergen mit Quellwasser gebraut wird. Ich entscheide mich für ein ungefiltertes 'Principessa' aus Dinkel. Dann kommt meine Pizza: die eine Hälfte mit grünen Bohnen aus dem Garten und Pecorino aus der Region, die zweite mit Kürbisblüten ebenfalls aus dem Garten, Sardinen und Mozzarella. Das Mehl, das sie verwenden, sei eine Mischung aus Farro (Dinkel) aus dem eigenen Anbau und einer alten Mehlsorte aus Norditalien, wo das Getreide noch mit Stein gemahlen würde, erklärt mir Massimo. DE-LI-ZIO-SO! Er wünscht mir einen guten Appetit, holt sich sein Abendessen (eine Focaccia) und düst ab. Er sei erst gestern aus Brasilien zurück gekommen und habe heute - nur für mich - kurz ausgeholfen. Ich genieße meine Pizza und verspreche der lieben Wirtin Carla, die mir ein Packerl Dinkel aus Eigenproduktion schenkt, ihr eine gute Bewertung auf Tripadvisor zu hinterlassen und auf meinem Tagebuch davon zu erzählen.
One of the nicest diners I had so far!! 🍕Pizza artiginale made of spelt flour, toppings: one half mozzarella, accigua e fiori di zucca and the second half pecorino locale e fagioli 🍽 and some artisanal beer from the mountains brewed of spelt 🍺Delizioso. And for digestivo un liquore di noci (walnuts) 🍸 All made by hand and with lots of love ❤️ Agriturismo Antico Borgo de Ferrari
Um kurz vor 20h läute ich also beim Agriturismo Antico Borgo de Ferrari an. Schon heute Nachmittag war ich verwundert wie sich ein italienischer Bauer in einem kleinen Kaff einen Mini als Auto leisten kann, hab aber nicht weiter überlegt. Jetzt wird mir einiges klar. Ich esse nicht mit der Familie, sondern hier in einer Art Pizzeria wo es nur Handgemachtes gibt und Pizzas in Geschmackskombis, die man wohl sonst nirgends findet. Ich komme also völlig unerwartet als Pilgermaus in Regenhose und Poncho in ein super stylishes "Lokal". Oder eher ein stylisches Wohnzimmer mit Kamin und Pizza-Backofen. Der perfekt englishsprechende junge Kellner Massimo erklärt mir, dass sie nur von Freitag bis Sonntag abends offen haben und das Ganze hier mehr als ein Hobby und Liebe zum Pizzabacken begonnen haben. Mittlerweile ist es jedes Wochenende voll (sie haben Platz für 20 Personen) und sie brauchen nicht einmal mehr Werbung zu machen. Die Leute lieben es.
Kurz bevor es richtig zum Schütten anfängt, komme ich in Greccio an. Die Stadt der ersten Weihnachtskrippe. Heute schlafe ich mal wieder ganz einfach, denk ich mir, im Schlafsack in der Pilgerherberge der Familie Ilari. Mit Angelo habe ich gestern telefoniert und er hat mir ein Bett um €15 Euro angeboten. Super. Außerdem würde ich auch gern bei der Familie im Agriturismo Abendessen wenn das ginge. Sicher, meint er, aber es gäbe nur Pizza. Ich sage zu, denn wer weiß ob am 1. Mai in dem kleinen Dörfchen überhaupt ein offenes Ristorante gibt. Als ich ankomme bringt mich Angelo mit dem Auto zum Apartment, das ca.1km außerhalb des Zentrum ist. Nett ist es, sauber, vier Betten. Und - wie ich sehe auch mit Bettwäsche! Ich könne natürlich auch im Schlafsack schlafen, wie ich will... Ich freu mich über das schöne Apartment und vor allem über die harten Matratzen! Das nutze ich aus, lege mich einen Moment hin und mach die Augen zu. Ich bin gespannt was mich heute beim Abendessen noch erwartet.
Greccio - the town where the first "presepio" was born
In einem kleinen Kaff namens Contigliano mache ich eine kleine Pause. Das Centro storico ist wie ausgestorben. Klar, heute Sonntag und 1. Mai. Plötzlich seh ich zwischen diesen ganzen alten Mauern ein Ristorante, das erstaunlicherweise offen ist. Ich setz mich rein und bestell mir einen Cappuccino und ein Panino mit Prosciutto. Echt schön ist das hier, sieht aus wie eines dieser versteckten italienischen Geheimtipp Restaurants. Als ich gerade meinen Eintrag ins Journi beginne, hör ich von hinten das Schweizer Pärchen: "Ja die Klaudia ist auch hier!" Über die zwei freu ich mich immer. Man kann sich super unterhalten ohne in den üblichen Smalltalk zu verfallen. Ich weiß eigentlich nur, dass sie aus Luzern kommen und ein Haus in den Bergen auf 1.500m haben. Die zwei setzen sich und bestellen zwei Stück Pflaumenkuchen und - wie immer - due Cappuccini caldi. Ich muss immer grinsen wenn sie das sagen, wahrscheinlich haben sie irgendwann mal schlechte Erfahrung mit kaltem Kaffee gemacht ☺️
Coffee break in the historic center of Contigliano
Thanks for all those of you who follow my way and thought about my birthday!!
Day 21. Il Cammino da Rieti a Greccio
Nach ca. 1,5 Stunden Marsch komme ich in ein weiteres der vier Franziskanerklöster rund um das Rieti-Tal, das heilge Tal. Heute aber keine Stille. Auch kein schreiender Henri (der bleibt noch einen weiteren Tag in Rom 😉) Als ich also die Stiegen oben ankomm, tönt ein Messegesang aus einem Lautsprecher und hunderte Pilger drängeln sich in und um die winzige Kirche. Ganze Busse werden da aus Rom und Umgebung angekarrt. Dieses Massengepilgere geht mir massiv auf die Nerven. Ich stell meinen Rucksack erst gar nicht ab und marschiere schnurstracks weiter.
Today's walk. Rieti - Greccio.
Heute werde ich erstmals nicht von Vögelgezwitscher und Almluft, sondern vom Duft frischer Schokocroissants und Café aufgeweckt. Für meinen Geburtstag habe ich mir ein Zimmer im Vier-Sterne-Hotel geleistet, wo ich hoffentlich ein richtiges Frühstück ohne Biscotti und stattdessen Omelette bekomme. Man gönnt sich ja sonst nix! ☺️ (Um ehrlich zu sein, war das Einzelzimmer hier für mich genauso teuer wie jede Pension...) Jedenfalls geht's heute am Tag 21 nach Greccio (22,8km). Einmal durchs ganze Valle Santa zum nächsten Francescano Kloster.

30 April 2016

Zehn Minuten nachdem ich mich hingesetzt habe, kommen auch schon meine Pilgerfreunde Karl-Heinz und Reinhard. Mit den zwei Salzburgern verstehe ich mich super und freu mich, dass sie sich für ein Achtel zu mir gesellen. Wir diskutieren über Fußball, Reisen und die Chinesen. Einer von Reinhards Söhnen lebt in Südkorea, der andere hat eine zeitlang in China, auf Hainan verbracht. Die Tatsache, dass man sich über Chinesen auslassen kann, verbindet natürlich! ☺️ Mit Karl-Heinz muss ich lachen, weil er sich selber schwört nie wieder einen Pilgerweg zu gehen. Zwar hat er vor 15 Jahren den Jakobsweg gemacht, und sich diesmal auf den Franziskusweg eingelassen, würde aber am liebsten einfach durch Italien fahren, gut essen und in der Sonne sitzen. Fair enough. Ich kanns verstehen. Unser Pilgerweg ist bestimmt kein klassischer Italienurlaub. Jedenfalls ist es sehr nett mit den beiden und ich hoffe, dass wir uns auch morgen in Greccio oder übermorgen in Stroncone wieder treffen.
My dirty thirty 🍸Prost!
La Foresta - Francescano Monastery
Nach 13km komme ich am Kloster La Foresta an. Es ist geschlossen. Mittagsruhe bis 14.30Uhr. Alles ist ruhig. Da schreit plötzlich jemand "Klaudia huhuuu!!" übers ganze Kloster. "Klaudia, hier oben!" Henri. Dass der aber manchmal auch so gar kein Gespür hat... Ich winke ihm zurück und dreh eine Runde durch den schönen gepflegten Klostergarten. Ich lasse mir viel Zeit, setz mich in die Sonne und genieße die Stille. Ich frage mich, ob alle Pilger irgendwann auf Leute treffen, die einen einfach nicht in Ruhe lassen und etabliere hier mal den Begriff "Pilger-Klette".
... Und Merkel, ist die Ihnen lieber? Naja, lieber als Berlusconi definitiv! Der Saxophonist erklärt mir weiter, dass er Österreich so toll fände, weil sie die Grenzen zumachten und keine Ausländer mehr willkommen hießen. Ich weiß nicht wirklich wie ich auf Italienisch über Politik diskutieren soll, versuche aber ihnen zu erklären, dass Österreich wie Deutschland junge Leute aus dem Ausland brauche. Darauf meint er nur: ja aber doch keine Afrikaner! Dazu weiß ich also wirklich nix mehr zu sagen, auf Italienisch... Ich abschiede mich von den zwei Berlusconi-Anhängern und ziehe weiter Richtung Kloster. Den Einfluss der Medien hier Italien ist schon erstaunlich. Kronenzeitung-Dimensionen...
Berlusconi vs. Merkel. Als ich in das kleine Dorf San Liberato hinaufsteige, werde ich von zwei Italienern, Zwillinge, Mitte Fünfzig, aufgehalten. Woher ich komm und wohin ich geh wollen sie wissen. Brav antworte ich. Als sie Vienna hören beginnen sie zu schwärmen. Der Eine sei Saxophonist und würde gern mal in die Stadt der Musik. Sein Zwillingsbruder ist Lehrer und unterrichtet Sport. Ich sage Ihnen, dass ich Italien wunderschön finde. Italia é bella, meint der Saxophonist, aber die Leute sind es nicht. Sie fahren mit dem Auto, schnallen sich nicht an, telefonieren...und sie schmeißen Müll einfach auf die Straße, das gäbe es in Austria sicher nicht, oder? Ich stimme zu. Was ich eigentlich in Wien mache, will er wissen. Als ich ihm erzähl, dass ich für Film&Fernsehen gearbeitet habe, fragt er mich ob ich Berlusconi kenne. Natürlich! Arbeiten würd ich aber nie für ihn. Er scheint erstaunt. Warum nicht? Perché Berlusconi non mi piace, é corrotto! In meinem halbschlechten Italienisch.
Il Cammino di oggi - Poggio Bustone to Rieti - passing a lot of little cute villages.
Wie jeden Morgen wache ich um 6Uhr auf. Daran ändert auch der viele Wein und der Grappa nichts, ganz im Gegenteil, geschlafen hab ich nicht gut. Gut gelaunt bin ich dennoch. Wie auch nicht wenn man mit so einem Blick aufwachen darf. Nach ein bissi Yoga fühl ich mich auch körperlich halbwegs munter, zieh mich an und geh rüber zu Luigis Ristorante für ein Frühstückchen. Am Weg dorthin überleg ich mir wie ich Henri am besten beibringe auch heute lieber alleine zu gehen. Ich hab so überhaupt keine Lust auf Smalltalk!! Im Ristorante bekomm ich aber gleich ein schlechtes Gewissen, weil er mich Happy Birthday singend empfängt und umarmt. Gemeinsam mit den zwei sympathischen Schweizern frühstücken wir - wie immer - Biscotti und Café, verabschieden uns von Luigi und machen uns auf den Weg nach Rieti. Plötzlich fällt mir ein, dass ich ja noch Bananen kaufen wollte. Geht schon mal vor, schrei ich ihnen nach, ich hol euch schon ein! Elegant gelöst meine Flucht! 😜
My morning view!! I am so grateful for every moment in my life.
... Luigi, ganz romantisch, zeigt mir die Sterne und das Valle Santa di Rieti, das heilige Tal, das man von hier oben so schön sieht. Er erzählt mir, dass er früher mal ganz anders war und 27kg mehr gewogen hat. Bis eine Frau, die offenbar auch sein Herz gebrochen hat, ihm die Augen geöffnet hat. Er habe begonnen bewusst zu leben, in die Berge zu gehen, zu schwimmen und das Essen zu genießen. Ich kann ihm das fast nicht glauben, sieht er doch jetzt super fit und athletisch aus. Morgen zeige er mir ein Foto, versprochen. Dann bietet mir Luigi an meinen morgigen Geburtstag hier in aller Ruhe zu feiern und einen Tag zu pausieren. Ich habe mir das ehrlichgesagt bereits vorher schon kurz mal überlegt, so schön ist es hier. Letztendlich lehne ich aber dankend ab. Ich freue mich doch eigentlich jeden Tag aufs Neue meine Schuhe anzuziehen. Auch an meinem 30er.
... Ich darf ein Stück eines besonderen Pecorino, der in der Erde reift, und eine Scheibe Wildschwein Salami probieren. Delizioso. Schade, dass ich nichts einkaufen kann! Dann verabreden wir uns zu einem späteren Umtrunk im Ostello um auf meinen Geburtstag anzustoßen. Währenddessen warten die drei Herren draußen auf mich. Auf dem Nachhauseweg machen wir noch einen kurzen Halt bei Karl-Heinz und Reinhard, die nicht im Ostello sondern in einem super chicen Honeymoon Apartment wohnen, das mit Himmelbett, funkeldem Badezimmer und einer Küche inkl. Lavazza Maschine und Whiskey und Cognac ausgestattet ist. Das müssen wir ausnutzen und stoßen auf das Bella Vita und die Jugendlichkeit an. Absurd und witzig wie ich zu meinem Dreißiger mit drei Mitte-Sechzigern da sitze und Whiskey trinke. 😃Hundemüde kehre ich eine Stunde später mit Henri zurück in die Herberge. Dort wartet bereits Luigi mit seinem Chris unter dem Tisch und einer Flasche besten Grappa auf dem Tisch auf mich.

29 April 2016

Happy Birthday to me.
Abendessen mit Henri, Karl-Heinz und Reinhard. 🍷🍝 Heute Abend gehe ich wie versprochen eine Runde mit Chris, dem deutschen Pilgerhund, eine Runde durch die Poggio Bustone spazieren und bringe ihn dann zu Luigis Ristorante. Dort treffe ich auf viele Pilgerfreunde: eine italienische Dame, die ich aus dem Kloster in La Verna kenne, ein Schweizer Pärchen, die ich heute früh getroffen habe, den lieben Henri und die zwei Österreicher Karl-Heinz und Reinhard von heute Morgen. Mit den beiden und Henri sitz ich an einem Tisch und Luigi bringt uns das Beste aus Mamas Küche. Alles frisch gemacht, wie er mir später erzählt. Es ist eine sehr nette Runde, wir plaudern viel über Gott und die Welt und als ich erzähle, dass ich morgen dreißig werde, wird gleich noch mehr Wein bestellt. Wir sitzen bis die letzten Gäste weg sind. Danach zeigt mir Luigi sein Hinterzimmer, wo er regionale Produkte zur Verkostung hat. ...
Luigi and his Ristorante
What a view... La valle santa.
My new friend Chris... a german pilgrim dog!
... später als ich auf der Terrasse sitze, kommt Luigi, setzt sich zu mir und bietet mir eine Zigarette an. Wir plaudern ein bisschen, trinken ein Bier, rauchen eine und genießen die wahnsinnig schöne Aussicht. Che bella la vita! sind wir uns einig. Luigi erzählt mir, er hätte sein ganzes Leben hier verbracht und heißt täglich Pilger und Reisende willkommen, auch im Winter. Meistens seien es Österreicher oder Deutsche. Er mag diese Mentalität, weil sie einerseits fleißig arbeiten und korrekt sind und andererseits, wenn alles erledigt ist, auch mal was trinken und sich gehen lassen. Im Kopf sei er eigentlich Deutscher, meint er. Pflichtbewusst trinkt er nur ein kleines Bier und schenkt mir den Rest ein, er müsse dann gleich arbeiten ins Restaurant, wo seine Mutter kocht. Ob ich ihm später Chris, seinen Hund mitbringen könnte? Klar mach ich. Er lässt mir seine Zigaretten da und seinen braven Hund, den er von Pilgern übernommen hat, und rauscht ab. Was für ein lustiger Gastgeber.
Ostello. Nach 25km komme ich in Poggio Bustone an. Zuerst drehe ich eine Runde im Kloster, welches wunderschön gelegen ist. Man könnte auch dort übernachten, allerdings ist bereits alles belegt. Offensichtlich kommen hier her - wie in La Verna und allen Franziskanischen Klöstern - haufenweise Pilger. Ich versuche es also in der Locanda Francescana, einem Hostel für Pilger. Als ich anläute öffnet mir ein stylisher Italiener die Tür - Luigi. Ich muss grinsen. Sofort bietet er mir eine Halbpension mit Abendessen in seinem Ristorante und einem Lunchpaket für morgen an. Ich sag sofort zu und muss weiter grinsen, weil er mir ganz gentleman like meinen Rucksack abnimmt, mir aber auch erklärt er könne ihn nicht am Rücken tragen, weil sonst sein weißes Hemd dreckig würde. Diese Italiener ☺️
What a nice view I have in todays hostel!!
Franciscan monastery Poggio Bustone
Today's Cammino
Have a break, have a thought.
Heute Wegmarkierungen! Ich kanns kaum glauben, aber tatsächlich darf ich heute einem Weg folgen, der halbwegs markiert ist. Das erleichtert einem vieles und wirkt sich positiv auf meine Stimmung aus. Dazu kommt, dass es heute wieder halbwegs sonnig ist und so mach ich auf der 1.300m hohen Alm ein kleines Picknick mit Banane und Keksen. Ich versuche ja mittlerweile während des Gehens so wenig wie möglich zu denken oder wenn mich was sehr beschäftigt zumindest kurz stehenzubleiben und es aufzuschreiben. (Jedesmal Denken hat mich bis jetzt immer vom Weg abgeführt oder bewirkt, dass ich mich an nichts von all dem was um mich geschieht erinnere...) Also sind meine Pausen meistens nicht nur Ess- und Trink, sondern vor allem Denkpausen. Heute denk ich seit langem mal wieder an Arbeit. Was ich alles machen will und wie ich dort hinkomm. Und daran, dass es okay ist Leute um Hilfe zu fragen und seinen falschen Stolz abzulegen. Ecco!
Schon wieder Össis! 😃 Bald in der Früh beginn ich meinen zachen 4km-langen Aufstieg über die Asphaltstraße nach Don Bosco, wo ich gestern hätte landen sollen und die heutige Etappe beginnt. Als ich dort ankomm, will ich schauen, ob es vielleicht einen Kaffee und ein Frühstückchen für mich gibt. Gibt es! Und dazu zwei Salzburger! Die zwei Herren gehen den Cammino aus Firenze nach Rom, waren gestern ebenfalls in Ferentillo, haben aber aufgrund des starken Regens den Bus genommen. Wir frühstücken also gemeinsam und plaudern ein bisschen über die Erlebnisse am Cammino. Lustig dass wir uns nicht schon früher über den Weg gelaufen sind, weil sie auch in Spoleto und dann bei Fam. Bartoli in Patrico und vorgestern in der Bar in Ferentillo waren... Nach dem zweiten Kaffee pack ich meine Sachen, wünsche einen Buon Cammino und ziehe weiter. Wenns der Cammino will kreuzen sich unsere Wege bestimmt wieder.
Morning atmosphere

28 April 2016

... Ich bedank mich tausendmal und freu mich endlich aus den nassen Sachen raus und in die heiße Dusche reinspringen zu können. Wenn ich was bräuchte, könnte ich jeder Zeit klingeln, sie zeigt auf die Haussprechanlage neben der Tür. Grazie mille! Zwar bin ich wirklich wahnsinnig dankbar, wenn die Leute super nett zu mir sind und sich um mich kümmern, leider merke ich aber auch, dass sie hauptsächlich mein Geld wollen und mir alle - auch die nette Mama gestern - Preise machen, die wohl niemand sonst hier im Winter zahlen würde... Katzelmacher.
O dio! Sei bagnata! Vieni, vieni! Die nette Frau vom Jäger bringt mich, einen kleinen Fernseher in der Hand, in mein Zimmer. Dort dreht sie sofort alle Heizkörper auf, schaut ob das Wasser heiß wird und - ganz wichtig - stellt sie mir den Fernseher hin und steckt das Antennenkabel an. Wie ich seit Tagen bemerke spielt der TV eine große Rolle für die Italiani. In der Früh beim Café trinken, beim Mittag- und beim Abendessen, in jedem Hotel, Pension, Ristorante, Pizzeria, Bar... das Kastel läuft. Und jedesmal wenn ich alleine Essen gehe, wird es mir automatisch aufdreht. Die gute Dame versucht also den Fernseher zum Laufen zu bringen als wäre es lebensnotwendig und tut jedes von mir kommende "aber es macht doch nix, ich schaue nicht" mit einer Handbewegung ab. Irgendwann läuft er dann (an den Batterien der Fernbedienung lags ☺️) und sie düst hinaus. Kommt aber gleich wieder mit einem Fön in der Hand. ...
Polino - cute but dead...
...Umkehren nach Don Bosco oder einen Abstieg nach Polino (den ich morgen natürlich wieder rauf muss). Da kommt plötzlich ein grüner Jeep die Straße herunter, bestimmt ein Jäger. Der Jeep bleibt stehen und ein älterer Herr, hundertprozentig ein Jäger, fragt mich wohin ich will. Ich frag ihn, ob er die Albergo in Polino kennt und ob sie offen ist. Er nickt und zeigt mir dass ich einsteigen soll. Was für ein beschissener Regen, meint er. Ob ich den Cammino gehe, fragt er weiter. - Ja. Bis Rom. - Alleine?? (die Reaktion ist immer dieselbe...) Si, si. In Polino hält er vor einem Tabacchi-Ristorante-Albergo und steigt aus, jetzt erst kapiere ich, dass die Herberge ihm und seiner Frau gehört! Er sperrt die Tür auf, dreht das Licht auf und beginnt sie Sesseln von den Tischen zu räumen. Hier gibt's alles was du brauchst, grinst er. Essen, Zimmer und was auch immer. Es gibt hier wirklich alles, ist wieder eine dieser Bars - I love it! Er ruft seine Frau, die mir mein Zimmer zeigen wird.
Beschissener Regen. F**in rain. Che cazzo la pioggia! Als ob das Wetter gewartet hätte, bis ich eine Asphaltstraße erreiche, beginnt es punktgenau richtig zu schütten. Den ganzen Tag noch halbwegs optimistisch, hab ich meine Regenhose und meinen Pulli nicht ausgepackt. Jetzt muss es wohl sein. Halb durchnässt kram ich also auch noch meine Hose hervor und zieh alles an was ich hab. Ich mach meine Gehstöcke am Rucksack fest um meine Hände in meine Taschen stecken zu können. Arschkalt ist mir. Immer wieder mal werfe ich einen Blick aufs Handy, 6km können doch nicht so lang sein!! Als ich irgendwann misstrauisch werde und noch einmal meine GPSie Route checke, sehe ich dass mich die Straße hinunter nach Polino und nicht rauf nach Don Bosco führt. Stronzo. Grundsätzlich ist das nicht so schlimm, wird sogar im Führer vorgeschlagen als Ausweichsmöglichkeit sollte das andere Quartier voll sein. Bedeutet aber einen 3,6km längeren Weg. Etwas planlos steh ich herum und erwäge meine Optionen...
Drying my soaked clothes.
Abseits des Italo-Kitschs. Da ich in der ersten Pilgerwoche nur im Nationalpark und kleinen schnuckeligen Bergdörfern unterwegs war und in der zweiten die - von vielen Ausländern aufgekauften - Toskana mit prunkvollen Villen durchquert habe, und schließlich von Assisi bis Spoleto nur touristischen Ortschaften begegnet bin, bin ich mit einem von Korruption, Wirtschaftsschwund und Arbeitslosigkeit geplagten Italien noch nicht wirklich in Berührung gekommen. Ja, man sieht immer wieder alte leerstehende Villen und Bauernhöfe, aber die wirken selten trostlos. Gestern erstmals in Ferentillo konnte man ein anderes Italien sehen. Und heute am Berg wieder. Heruntergekommene Häuser, viele zum Verkauf, Aluminiumhütten, verlassene Bauernhöfe - abseits des ganzen Tourismus existiert ein ziemlich trostloses Italien. Kann natürlich auch daran liegen, dass heute sowieso alles grau ist...
Endlich an der Straße angekommen, treffe ich auf meine ersten Kühe!! Seit zwei Wochen gibts wenn dann nur Schaferl und Ziegen zu sehen, heute dafür gleich vier Kuhlimuhs, und direkt auf der Straße. Die vier Kühe, selber überrascht, starren mich an. Ich bleib ebenfalls stehen und starre zurück. Auf so eine Begegnung war ich irgendwie nicht gefasst und traue den großen Viechern nicht so wirklich über den Weg. Ich habe keine Lust darauf, dass eine Muh durchdreht und mich den Abhang runterschubst! Leider hab ich keine Wahl - die Straße ist eng, die Abhänge links und rechts steil - und überwinde mich. Langsam geh auf sie zu. Plötzlich dreht sich eine nach der anderen um und trampelt weg. Die haben offenbar auch Angst vor mir! Immer wieder werfen sie mal einen Blick zurück, ob ich noch hinter ihnen her bin und laufen weiter. Lustigerweise verliert eine der vier Muhs in regelmäßigen Abständen Mini-Kuhfladen! Also entweder hat die Arme Durchfall oder tatsächlich richtig Schiss vor mir 😃
🇭🇺🏖🍕🍝🍷👞👜🇭🇺 A different Italy. 💸
Cow experience 🐂🌲🐮🌲🐂🌲🐮🌲
Niemals ohne GPS in die italienischen Berge. Heute wieder: auf einem Weg von 4km und 800m Höhenmeter gibt es genau einmal ein Schild und eine einzige Markierung. Wie ich seit Anfang meines Camminos gemerkt habe, und mir auch der liebe Nevio als Italiener bestätigt hat, halten sie es hier für nicht notwendig Wege gut zu markieren. Geschweige denn zu beschildern. (In Deutschland, hat mir Henri erklärt, müssen Wanderwege mind. alle 100-150m markiert sein.) Heute also wieder auf einem noch dazu relativ jungfräulichen Steig wäre ich ohne meine GPS-Route am Handy total aufgeschmissen. Da hilft mir auch die Beschreibung nicht sehr viel weiter... Gott sei Dank ist ein gewisser Gerhard60 2014 meine Route gegangen und hat alle Tracks auf GPSies zur Verfügung gestellt. Unbekannterweise tausend Dank dafür.
My Cammino today - grey, grey grey and rainy. ☔️🌧 Distance: 16km, Gain: 820m, Highest point: 1.070m
Prima Pagina ist eine Fernsehsendung, wo die Titelblätter aller italienischer Tageszeitungen vorgelesen und diskutiert werden. Super! Ich schau ein paar Minuten zu was die italienischen Schundblätter so von sich geben - Heute: troubles zwischen Össis und Italiener am Brenner. Dann trink ich meinen Café aus, bitte Mariella noch um heißes Wasser für meinen Thermobecher und düse los. Ewig könnte ich hier an der Bar stehen und Leute beobachten...
Frühstück in der Bar. Nachdem ich gestern so fleißig marschiert bin und heute nur 15km vor mir habe, gebe ich mich gechillt und gehe in die Bar am Platz frühstücken. Hier spielt sich echt alles ab. Die einen trinken an der Bar ihren Kaffee, die anderen holen ihren Lottoschein, eine ältere Dame schaut die Nachrichten im Fernsehen und einige Herren frühstücken, tratschen und hängen einfach ab. Ein Mann, den ich besonders toll finde, hat einen gelb-schwarzen Firelli Rennfahreranzug an und trinkt schon seinen fünften Café. Zu cool! Ein älterer Herr mit Gehstock kommt herein. Buon Giorno, sagen sich alle. Un pane? fragt die Bardame. - Si grazie, Mariella. - Und deinen Café bring ich dir gleich! Sein Kaffee wie ich sehe ist ein Espresso mit Whiskey. Ein Genießer also der liebe Herr. Ich schau kurz zu ihm rüber, einen weißen Zuckerbart hat er und genießt jeden Biss seines Croissant. Mir macht Mariella auch einen Café und gibt mir ein Tramezzini con Tono e Pomodori. Im TV läuft Prima Pagina.
Il Bar. That's where all is happening. It's where kids buy their sweets, italians their café and their lottery tickets, elder signori their birra, women meet to talk, elder signore watch TV, ...

27 April 2016

Nachdem Hosenkauf komm also ich dran. Sie gibt mir meinen Schlüssel, zeigt mir mein Kämmerlein und überredet mich zu einer Zuppa. Ich sei doch viel zu dünn für diesen großen Rucksack und bräuchte Kraft für morgen. Normalerweise würde ich mich über ein Süppchen freuen, heute ist es irgendwie blöd weil ich in meinem Rucksack eigentlich noch tausend Sachen hab, die gegessen werden sollten, um ihn etwas zu erleichtern. Weil sie aber so lieb fragt, versprech ich ihr, dass ich dann essen komme. Die Zuppa, eine Minestrone mit Bohnen und Linsen, ist gut (wenn auch bestimmt nicht frisch gemacht) und heiß. Immerhin. Gut gefüllt und aufgewärmt leg ich mich ins Betterl und freu mich auf morgen.
Als meine Herberge um 18.00h aufmacht, werd ich von einer kleinen Italo-Mama empfangen. Ah! Da is sie ja! Benvenuti!! Sie ist gerade dabei Hosen aus dem Kofferraum eines Marokkaners zu kaufen, den ich zuerst irrtümlicherweise für den Herren hielt mit dem ich gestern telefonierte um ein Bett zu reservieren. Sie fragt mich, ob ich noch zwei Sekunden warten könne, sie müsse die Hose schnell anprobieren. Klar kann ich, hab ja schon zwei Stunden gewartet und ein Bier intus. Amüsiert schau ich der etwas rundlichen Mama zu wie sie die Hose probiert und vorführt. Die passt perfekt, gluckst sie und ich stimm ihr zu. Perfetto! Auch der Marrokaner. Während sie nach dem Geld sucht, will mich der nette Verkäufer (er spricht natürlich gut französisch) gleich zu einem Date einladen, was ich dankend ablehne und ihm erkläre, dass ich morgen schon um 6h auf müsse. Da bliebe zu wenig Zeit um uns kennenzulernen. Dann will er mir noch eine Hose andrehen, die ich ebenfalls ablehnen muss, aus Platzgründen.
Sitting in the ghosttown Ferentillo drinking a beer and eating crips while waiting for my rifugio to open...
Nachdem ich seit 9h13 unterwegs bin (31,4km und 692 Höhenmeter), erreiche ich endlich Ferentillo. Eine 2.000 Einwohner große Ortschaft, die offenbar nur vom Sommertourismus lebt und heute vollkommen ausgestorben ist. Nicht mal ein Alimentari Geschäfterl oder Tabacchi sehe ich. Überall "Vendesi" (Zum Verkauf) Schilder, leerstehende Geschäfte und Häuser, die langsam zerfallen. Eine totale Geisterstadt. Sehr komisch wirkt das auf mich, wo ich doch die letzten Tage in rein touristischen, gepflegten Ortschaften unterwegs war. Das ist wohl das echtere Italien. Das abseits dem Kitsch. Leider ist auch mein Rifugio bis 18.00 Uhr geschlossen und so muss ich mit meinem verschwitzen Wanderzeug die Stadt erkunden und nach einem offenen Café abgrasen. Kurz überlege ich in den Gebirgsbach zu springen. Das ist mir bei bewölkten 15 Grad aber doch auch zu frisch. Hilft nix. Schuhe aus, Rucksack verstecken und ins Dorf.
Nach ca. 20km nach Start komme ich in Le Cese an. Ein super süßes Dorf wo geschätz 15 Leute wohnen. Eine davon eine Nonne, die im Haus neben der kleinen Kirche wohnt und sich um diese kümmert. Anscheinend dürfen Pilger bei ihr Dusche und WC benutzen. Heute ist sie leider nicht da. Kann auch durchaus sein, dass sie nicht mehr lebt, die Gute, mein Früher ist ja auch schon zwei Jahre alt... Jedenfalls mache ich vor der Kirche eine kleine Mittagsjause mit - wie üblich - Pecorino, Panino und Apferl. Ein lieber Hund, der offenbar großen Hunger hat und sehr vernachlässigt wirkt, gesellt sich zu mir und ich teile meinen Pecorino mit ihm.
La Cese.
Today's second part of the Cammino is even more beautiful! I am walking through the mountains, crossing truffel forests and a cute villagio La Cese.
Happy me. Lucky me. Grateful me.
Nach einem echt windigen, eiskalten Aufstieg (wiedermal wünsche ich mir Handschuhe!) erreiche ich Patrico, ein 10-Seelen-Dorf auf 1.070m. Im Agriturismo Bartoli könnte man laut meinem Buch übernachten, es ist aber erst 10.00 morgens und ich bin noch fit für die nächste Etappe nach Ferentillo. Dennoch klopf ich bei Familie Bartoli an und frag nach einem Cappuccino um mich ein bisschen aufzuwärmen. Eine rund-gesichtige junge Italienerin macht mir auf und bittet mich herein. Andere Touristen oder Pilger sehe ich keine... gemütlich, ruhig und echt authentisch ist das hier. Wärs eine Spur wärmer würd ich mir überlegen zu bleiben. Einfach so, weil's schön ist. ❤️
Having a break at family Bartolis farm.
Todays Panorama
Leaving Spoleto early in the morning to go up to Monteluco.
Tag 17. Ab in die Berge. Ich muss gleich zu Beginn etwas gestehen. Ich habs gestern Abend als der liebe Henri bei mir im Zimmer vorbeigeschaut hat umzu fragen wann wir denn losstarten einfach nicht übers Herz gebracht ihm zu sagen, dass ich alleine weiter will. Irgendwie ging er von Anfang an davon aus, dass wie unseren Weg nach Rom gemeinsam beschreiten. Ich nie. Also schreibe ich ihm heute früh eine kurze Nachricht und ziehe bereits um 6.30 Uhr los. Nein ich habe kein schlechtes Gewissen. Ich denke grundsätzlich, dass ein Pilgerweg dann am nahrhaftes ist wenn man ihn alleine beschreitet. Und ich weiß das jeder Pilger es verstehen wird, wenn man alleine weiterziehen will. Erleichtert gehe ich also los und steige den sehr steilen Berg Monteluco hinauf. Ich bin so glücklich, dass es wieder hoch hinaufgeht.

26 April 2016

Spoleto. Unverhofft schön. Nach dem langen Marsch und dem etwas anstrengenden Begleiter, habe ich nicht vor eine großartige Stadtbesichtigung zu machen. Bevor das ganze Sonnenlicht aber weg ist, zwinge ich mich zumindest zu einer kleinen Erkundungstour und werde positiv überrascht. Ja mehr sogar, ich bin überwältigt und verliebe mich in diese tolle Mischung aus Sehenswürdigkeiten, Geschichte, Kultur, Italienischem Style und internationaler Hipness. "Unsere Stadt, euer Museum" ist der Slogan der Stadt und trifft es ziemlich gut. Ich spaziere also durch die Stadt, sauge auf was noch geht und verspreche mir, eines Tages zurückzukommen.
"Our city, your museum." Incredibly beautiful city. I am amazed by the architecture, the atmosphere, the people... Simply stunning! ❤️
Getrennt. Wie Henri's Frau versprochen habe ich extra ein Hotel mit zwei billigen Einzelzimmern gesucht. Im Hotel Athena für 35€ pro Nacht und Nase kommen wir unter. Da der Franziskusweg ab Assisi nicht wirklich als Pilgerweg sondern vielmehr als touristischer Wanderweg geführt wird, wirds wohl selten billiger gehen. Außer man findet in einem Kloster oder einem Hostel Unterschlupf. Wie auch immer, heute im Hotel mit Wifi und Heizung. Luxus mal wieder. Dafür geh ich nicht Abendessen. Irgendwo muss ich mich ja zügeln. Apropos zügeln, Henri hat mir erzählt, dass er am Jakobsweg eine Frau getroffen hat, die aus Selbstgeiselung und Bußetun, fünf Wochen lang ein kratzendes Wollunterhemd getragen hat. Geil oder?! Bei mir hat die Vorstellung einen 10-minütigen Lachanfall ausgelöst. 😃
Ankunft Spoleto: 16.21 Uhr. 32km. 9,03h. 33 Schritte pro Minute. 3,5km/h. 16,9min/km. Neue App. Müde Fusserl. Stramme Wadeln.
Beautiful cammino. Trevi - Bovara - Campino sul Clitunna - Spoleto
Super old olive tree in Bovara di Trevi. One of the oldest in Europe... 1.700 years to be more specific.
Je näher wie Trevi kommen umso schöner wirds. Das Wetter und die Landschaft. Wir gehen durch zahlreiche Olivenhaine, auf denen rote Mohnblumen blühen. Kitschig. Diese Gegend scheint jedenfalls Umbriens, vielleicht sogar Italiens, Nummer Eins in der Herstellung hochwertigen Olivenöls zu sein. Wie ich später nachlese, handelt es sich um die Sorte Moraiolo. Die Baume wachsen sehr langsam und tragen wenig Früchte, das besondere Aroma bekommen sie, weil die Wurzeln tief in den Kalkstein wachsen. Geerntet werden sie von Hand. Nach einem 10.3km in 2 Stunden Marsch kommen wir in Trevi an. Ich muss erstmal frühstücken, ess meine Banane und meine Nüsschen und bestell mir einen Espresso im Café am Platz. Übrigens, was es mit Trevi und dem Trevi-Brunnen in Roma auf sich hat, konnten wir noch nicht herausfinden. Spätestens in Rom werd ich das aber mal nachlesen bzw. ergoogeln.
Bellissimo il Cammino a Trevi!!
Erstes Mal Heimweh. Der Weg beginnt relativ unspektakulär. Ich bin nur ehrlichgesagt etwas genervt von meinem allzu deutschen Pilgerpartner. Alle 5 Minuten wird auf den Plan geschaut, penibel genau jeder Schritt getan, der in Hrn. Tremls Buch steht und jedes Zeichen kommentiert mit "Guck ma, da is wieder n Zeichen, du." Ich geh also zügig voraus um meine Ruhe zu haben und antworte in knappen Sätzen. Henri scheint es zu verstehen und labert mich zumindest nicht mehr voll. Trotzdem zum Kopf freihaben muss ich alleine gehen. Abends mal essen gehen und tratschen, oder sich zwischendurch mal zuwinken, ist eine Sache. Aber tatsächlich mit jemand mehrere Tage zu gehen, erfordert eine geistige Verbindung, die man entweder hat oder nicht. Während ich also so dahin gehe und mir überlege wie ich Henri das am besten beibringe, bekomme ich zum ersten Mal richtiges Heimweh. Ich wünsch mich in mein Bett, meine Wohnung, mein Wien, mit meinen lieben Leuten. First time since two weeks.
... Nachdem Abendessen erklärt mir Henri dann, dass seine Töchter wohl besorgt seien, weil er ein Zimmer mit mir teilte und daher seine Frau angerufen hätten. Die nun wiederum durchdreht und verlangt, dass er in Zukunft nur noch mit mir wandern, aber kein Zimmer teilen dürfte. Was völlig absurd ist, weil wir in einer Rifugio oder einem Schlafsaal auch neben einander liegen würden. Wie auch immer, meine Nacht hat es mir nicht verdorben und meine gute Morgenlaune auch nicht. Aber ich beschließe ab morgen wieder alleine weiterzuziehen. Frauen-Drama interessiert mich nun auf meinem Cammino echt nicht... Tag 16 beginnt und unser Weg führt uns von Foligno nach Trevi und Spoleto (zwei Etappen zusammengefasst - 32km).
Peaceful morning at the monastery.
Wunderbar schlafe ich im Kloster und das obwohl ein 68jähriger Deutscher neben mir liegt und schnarcht. Zum Thema Zimmer teilen gibt es noch eine kleine Anekdote. Gestern Abend gehen Henri und ich Abendessen in. eine kleine Pizzeria. Es scheint so eine Art Lieblingsitaliener der Folignaner zu sein und ist bumm voll. Als Henri seine Antipasti ist ruft plötzlich seine Frau an, kurz redet er mit ihr, will sie abwürgen weil es zum Einen laut ist und er zum Anderen gerade isst. Dann drückt er plötzlich mir das Handy in die Hand. Ich perplex, nehme das Handy 'Hallo?' "Ja hallo hier ist die Frau von Wilfried. Sie verstehen aber meine Position schon ja?!" - 'Hä?' - "Naja, dass sie zusammen in einem Zimmer schlafen, das geht nicht. Ich will dass er sich heute ein Einzelzimmer nimmt." - 'Äh okay.' "Ja weil" ...und so gehts gute zehn Minuten weiter. Ich seh Henri an, er zuckt die Schultern und isst. Mein Essen kommt auch. Ich versuche seine Frau abzuwürgen, sag tschüss und gebe es Henri zurück.

25 April 2016

... Mit dem wunderbaren Picknick kehren wir zurück ins Kloster und setzen uns in die Sonne. Henri ist leidenschaftlicher Koch und Genießer und erzählt mir von seinem selbstgemachten Himbeerbalsamico, seinem weltberühmten Schweinshaxn und der Leibspeise seiner Enkel: Kartoffelpuffer mit Apfelmus. Weils so nett ist bleiben wir sitzen bis die letzten Sonnenstahlen weg sind. Die liebe Nonne freut sich, dass es uns so gefällt hier, drückt mir in die Wangerl und meint "o che bellissima!" Wie versprochen mache ich dann einen Rundgang durchs Kloster und bin entzückt wie schön das hier alles ist.
Monastery & Picknick with Henri
In Foligno abgekommen suchen Henri und ich uns eine Herberge, im Treml-Führer gibts die Wahl zwischen einem Kloster und einem Hostel. Wir versuchen es zuerst im Kloster bei den Beate Angelina Schwestern. Nachdem 5. Mal Läuten macht uns eine schrullige Nonne, Sr. Anna, auf, die uns warm empfängt und sich offenbar sehr über Pilger freut. Sie zeigt uns das Zimmer und meint, dass wir unbedingt eine Runde durch den Hof gehen müssten die schönen Fresken anschauen. Machen wir. Aber erst möchte ich kurz in die Stadt um Geld und Nahrung zu besorgen. Nachdem üblichen Pilgerrhythmus - sich waschen, Kleidung waschen, dehnen & cremen, Strecke für morgen ansehen - starten Henri und ich eine Runde in die Stadt. Obwohl das bis jetzt wohl eine der größten Städte ist, ist sie wie ausgestorben und alles ist geschlossen. Ja, ja eh...Feiertag!!! Nach ewigem Suchen finden wir eine kleine Bar mit umbrischen Spezialitäten wo wir zumindest Pecorino, Prosciutto, Brot, Bier und ein paar Erdbeeren kaufen können.
Today in Italy La Fiesta della Liberazione. That means Italian Tourists everywhere 😁
Im Unterschied zu den letzten zwei Wochen gibt es ab sofort keine vorgefertigten Etappen mehr. Wie wir alle wissen führen alle Wege nach Rom und tatsächlich gibt's hunderte verschiedene Varianten. Je nach Buch oder Website oder Wanderkarte... Da Henri und auch die zwei Össis Fans vom Treml-Buch sind, schließe ich mich dem gern an und versuche selbst erstmal nichts zu planen (gut ja, außer heute halt 😃) Der heutige Weg, der Via di Roma, den ich als Alternativeroute (wegen Regen usw.) auf der umbrischen Tourismus-Website gefunden hab, ist eher ein 20km langer Sonntagswanderweg als ein richtiger Pilgerweg und führt uns durch Olivenfelder in das sehr touristische Spello. Dort 'trinken wir ma schön einen KAffee' um uns aufzuwärmen und ziehen dann weiter nach Foligno.
Coffee break with Henri - "Da trink ma mal nen schönen Kaffee wa?!"
Spello - first time I can see snow on the mountains (must be the Abruzzo Appenines with their highest peak 2.912m ) and its f** freezing and windy! At least the rain is gone...
Außer mit Nevio bin ich bis jetzt immer alleine gegangen, d.h. in der Früh ein sehr schnelles Tempo, nachmittags eher gemütlicher, bei Anstiegen kämpfe ich selten, dafür aber bei Abstiegen. Eintönige Geraden renne ich manchmal fast, und an anderen Tagen schleppe ich mich dahin. Man entwickelt ja einen ganz eignen Rhythmus wenn man ständig zu Fuß unterwegs ist, ähnlich wie eine Gangschaltung beim Auto. Jedenfalls tue ich mir am Anfang doch etwas schwer mit meinem neuen Pilgerkumpanen. So lieb er auch ist, so anstrengend finde ich es konsequent Geschichten zuhören zu müssen. Und natürlich will ich ihn nicht vor den Kopf stoßen wo er doch wie ein Opa zu mir ist... nach einer Stunde aber beschließe ich dann einfach meinen Rhythmus zu gehen und laufe voraus. Irgendwie groovt sich aber nach einigen Kilometern auf einander ein und es stört weder Henri noch mich, wenn mal mehr Abstand zwischen uns liegt und mal weniger. Meist holt man sich beim Fotos machen oder einer Trinkpause wieder ein.
Tag 15. Assisi über Spello nach Foligno. Es regnet noch immer. Aber ich freue mich aufs Losgehen. Die freundliche Dame vom Hotel macht mir noch einen Tee und drückt mir einen Apfel in die Hand. Um Punkt 7.30 treffe ich Wilfried aka. Henri (so nennen ihn seine Freunde erzählt er mir später...) auf der Piazza. Dass wir heute keine Höhenmeter machen können ist uns beide klar, ich weigere mich aber auch gegen Henris Vorschlag den Bus zu nehmen, wo ich mich doch schon so aufs Losmarschieren freue. Da es am Feiertag - Gottseidank keinen Bus gibt - muss sich Henri mir fügen und meine Strecke mitlaufen. Ich bin ein bisschen skeptisch wie lange wir gemeinsam weitergehen, haben wir doch ganz unterschiedliche Zeithorizonte. Während er an einem fixen Datum in Rom sein muss, kann ich mir alle Zeit der Welt lassen und auch zusätzliche Strecken einfügen. Eine Etappe überspringen und mit dem Bus fahren habe ich erstmal nicht vor. Schon gar nicht aus Zeitstress.
Um Gerhard, Hansi und Erwin zu verabschieden gehen wir noch einmal gemeinsam Pizza essen. Am nächsten Morgen früh um 6.00Uhr nehmen sie den Zug nachhause bis nach Wien. Ein langer Weg. Da es wie in vielen Städten hier keinen Bahnhof in der Stadt gibt, müssen sie ein letztes Mal ihren Rucksack anschnallen und 4km zu Fuss marschieren. Wilfried (aka. Henri) und ich werden uns um 6.30 am Piazza treffen umzu entscheiden wie wir nach Foligno gehen. Da es seit drei Tagen kräftig regnet ist der Weg über den Monte Subasio keine Möglichkeit.

24 April 2016

Last diner with my dear pilgrim friends...
Architektonisch interessant ist vielleicht noch, dass die drei Spitzbögen-Fenster der Basilika, die ersten gotischen Fenster Italiens waren. Sie wurden von französischen und deutschen Meistern 1250 hier erbaut. Bruder Thomas erklart weiter, dass das Licht in der Gotik eine große Rolle spielte. Für die Gelehrten des Mittelalters war das Licht die Verbindung von Himmel und Erde, sowie ein Zeichen für Wahrheit und Erkenntnis. Durch die neuen Bautechniken aus Frankreich konnte man nun die Fenster vergrößern und mehr Licht und auch Farbe in die Kirchen bringen. 👣👣👣Nach einer intensiven aber interessanten Einführung in Franziskus' Leben und seiner Grabstätte, brauch ich erstmal ein bisschen Luft und laufe durch die Straßen von Assisi, die leider vollgestopft sind mit Touristen. Wie ich mich auf Morgen freue! Aufs Gehen und das Alleinesein. Denn auch wenn wir wahrscheinlich alle aus ähnlichen Gründen hier sind, soviele Leute auf einem Haufen sind einfach nur anstrengend.
Bruder Thomas erklärt uns noch so einiges zur Architektur der Basilika und die Bedeutung der Fresken. Dazu gibt es bestimmt auch tausende Bücher... Für mich viel spannender war, dass Franziskus sich der Natur deshalb zuwendet, weil er sich die Frage nach Gott stellt - Who the f** is that God?? Eine Frage, die sich wahrscheinlich sehr viele stellen. Ich jedenfalls. Also Franziskus sieht es so: wenn es einen Gott (oder eine überirdische Energie) gibt, der die Welt und alle ihre Wunder erschaffen hat, dann ist das, was wir sehen, schmecken, hören und riechen können, all die schönen Landschaften, Pflanzen und Tiere, die Natur in ihrer Vielfalt und Größe, ein Verweis auf einen Gott, der hinter dem Geschaffenen steht. Das erklärt gewissermaßen auch warum viele Naturwissenschafter gläubig waren. Weil das Ausmaß an Schönheit und Vielfalt, das sie in der Natur erkannt haben, eine Spur zu etwas Göttlichen war.
... Im Mittelalter, führt der Mönch weiter fort, erkannte man ja sofort am Gewand welcher Schicht jemand angehörte und die graue Kutte aus Wolle war gewissermaßen das Billigste was Franziskus finden konnte und ein Zeichen für Mittellosigkeit. Auch eine Kordel als Gürtel sei ein Symbol für Armut, denn Geld wurde damals nur in Ledergürtel oder Taschen aufbewahrt. Nun fragen sich viele Besucher (ich ebenfalls), warum man dem armen Franziskus eine solch große und reich ausgestattete Kirche gebaut hat. Bruder Thomas erklärt: die Päpste sahen in Franziskus und seinem Orden ein wirksames Mittel für die Erneuerung der Kirche und erkannten das gewaltige Potential seiner Bewegung. Es war also naheliegend, dass das Grab ein Ort der Verehrung werden sollte, ein Ort der Seelsorge für hilfesuchende Pilger. 1228 legte Papst Gregor IX. den Grundstein zum Bau der Basilika.
Nach der Messe um 12.30 bekommen wir, gemeinsam mit einer schweizer Schulklasse, eine deutsche Einführung in die Basilica de San Francesco und in sein Leben. Ich muss ja gestehen, dass ich mir den Weg über Assisi nicht speziell wegen Franziskus ausgesucht habe. (Und viele andere wahrscheinlich auch nicht...) Aber tatsächlich ist das was wir hier beim Pilgern erfahren ziemlich genau das wofür Franziskus sich eingesetzt hat - ein einfaches Leben ohne materielle Dinge, ohne Luxus, ohne Geld, ein Leben in der Natur und eine Art Spurensuche. Über das Sichtbare, die Schönheit der Natur, der gesamten Schöpfung wollte Franziskus eine Spur zum Göttlichen, zum Unsichtbaren finden, erklärt uns Bruder Thomas. Franziskus wurde in eine wohlhabende Kaufmannsfamilie geboren und handelte sein halbes Leben mit teuren Stoffen, er war gewissermaßen ein Modeexperte, grinst Bruder Thomas. Bis er dem Ruf Gottes nachgegangen sei und alle Wertgegenstände und sein gesamtes Erbe ablehnte.
The rain is gone and I found a quiet coffee place to write my postcards...
Finally most groups are having lunch or leaving already and its getting a little less crowed. So I am taking the obligatory selfie in front of the Basilica
As brother Thomas told us, I came back after lunch to visit the Underchurch and the Crypta. It's still very crowed though and a long waiting line to Francis Tombe...
Rush hour at the Basilica de San Francesco
Heute um 9.45 Uhr treffe ich mich mit Hansi, Gerhard, Wilfried und Erwin (ein weiterer Ösi) vor der Basilika. Bruder Thomas, ein Pfälzer, der seit Jahren hier im Kloster lebt, deutschen Touristen Touren gibt und für die Pilger-Seelensorge verantwortlich ist, hat uns vorgewarnt, dass die heutige 10.30 Messe überlaufen sein wird und man eine halbe Stunde davor da sein soll. Beim Weg in die Kirche schüttet es aber aus Kübeln und ich denk mir, dass es wohl kaum so schlimm sein wird. Falsch gedacht! Bereits um 9.30 stellen sich die Leute für den Gottesdienst an. Keine Fotos heißt es von den Sicherheitskräften, die versuchen die Massen ruhig zu halten. Dann werden die Tore geöffnet, die Menschen drängen hinein. Piano, piano! (Langsam, langsam!) ruft der Priester durchs Mikrofon. Als alle sitzen studiert der Vorsänger mit den Leuten die Lieder ein. Das gefällt mir. Auch sonst ist die Messe schön - auch wenn ich nix verstehe... aber allein von der tollen Atmosphäre bekommt man Gänsehaut!
La Basilica de San Francesco
About Italian ponctuality... Check-Out time for Germans, French and English is at 11am and for Italians at 10am - that says it all! 😃
Breakfast at La Fortezza, a charming little hotel in Assisi I can highly recommand
Wie immer bin ich schon vor meinem Wecker munter, genieße es aber heute erstmals noch ein paar Minuten liegen bleiben zu können. Nach einer kurzen Yogasession auf dem Bett und einer warmen Dusche, steige ich (ja, ich kann wieder wie ein normaler Menschen Treppen steigen!!) in den 3. Stock meines kleinen Hotels. Für italienische Verhältnisse gibt es ein erstaunlich liebevoll zubereitetes Frühstück, das über die üblichen Biscotti hinausgeht. Espresso, Americano, Cappuccino? fragt mich die junge, hübsche Hotelbesitzerin. Ich freu mich über einen leckeren Espresso und den Blick über die Dächer Assisis, der nur durch den Regen etwas getrübt wird.
"Pilgern ist die wohl älteste Form der Religiosität, die sowohl bei Christen als auch anderen Religionen bekannt ist und ausgeübt wird. Für die Kirche ist das Pilgern ein besonders hilfreiches Mittel zur menschlichen Förderung und zur Evangelisierung, nicht zuletzt Dank der starken Anziehungskraft, die das Pilgern auch auf nicht praktizierende Menschen ausübt." Warum im 3. Jahrtausend pilgern? http://www.camminodiassisi.it/DE/pellegrinare-nel-III-millennio.html

23 April 2016

Ich mische mich also unter die Touristenmassen, kauf mir eine Panino und schlendere durch die beeindruckend schöne Stadt. Wie Gubbio sieht es - wenn die Gassen leer sind - aus wie eine verlassene Filmkulisse. Zu dessen Gegensatz wurde Assisi nicht von den Etruskern, sondern den Umbriern erbaut. Besonders cool finde ich den rosaroten Stein aus welchem die Santa Chiara gebaut ist. Da ich morgen noch einen ganzen Tag hier bin, hebe ich mir die Basilica für den morgigen Tag auf und hoffe, dass es dann nicht mehr regnet und meine Beinchen wieder sprungfit sind. Jedenfalls treffen wir - Hans, Gerhard, Winfried und ich - uns um 10.30 mit dem deutschen Bruder Thomas, von dem wir eine Führung durch die Stadt bekommen. Ich bin gespannt.
The first pizza I am having in these two weeks of Italy - accigua, olive, carciofi, funghi e prosciutto.
Wie ein Schnitzi freu ich mich über mein Hotelzimmer und würde es am liebsten gar nicht verlassen. Geht natürlich nicht, wenn man sich in zweitwichtigsten Pilgerstätte Italiens befindet. Ich lese in einem Reiseführer, den ich mir an der Rezeption ausgeliehen habe, dass jährlich 5 Millionen Menschen aus der ganzen Welt nach Assisi zu Francescos Grab pilgern. Franziskus ist für die Italiener das, was Jakob für die Spanier ist. Er habe das Christentum wieder zum Ursprung zurückgeführt. Auf dem Piazza del Comune soll er sich vor einer Menge nackt ausgezogen haben, als symbolische Geste für die Ablehnung von Wohlhaben und weltlichen Dingen. Er habe einen grauen Sack überzogen (heute tragen die Franziskaner eine braune Kutte) und zu betteln und predigen begonnen. Seine Botschaft: materialistische Dinge über Bord werfen und zu einer Liebe Gottes zurückkehren, die in Armut und Gehorsam verwurzelt ist. Und darüberhinaus die Schönheit der Natur sehen lernen. Ein richtiger Humanist also.
Bellissima Assisi - full with Italian families, pilgrims and German senior tourists
Arrivata in Assisi after only 30 minutes bus ride (walking would have bin 4-5 hours). Tonight I will sleep in a real bed with real sheets in a real hotel. ❤️
Ich ergebe mich meinem Körper und entscheide mich für den Bus. Da nicht Assisi, sondern Roma mein Ziel ist, kann ich es verkraften nicht zu Fuß anzukommen. Davon ganz abgesehen ist es sowieso nicht das Ziel, das zählt als vielmehr der Weg dorthin. Heute also tranquillo. Mein teures Hotelzimmer genießen, ein bissi durch Assisi laufen, chillen. Gerhard meinte letzens, dass, obwohl man eigentlich so langsam vorankomme beim Zufußgehen, ginge es doch viel zu schnell. Die Eindrücke seien zu viel auf einmal und man habe nie wirklich Zeit an einem Ort länger zu verweilen. Da hat er natürlich recht. Die ein, zwei Stunden, die man abends hat um sich in einem Ort einzugewöhnen sind definitiv zu wenig. Vor allem wenn es so schöne Ortschaften sind wie hier in den Umbrischen Bergen. Deshalb werd ich genau das heute machen. Verweilen und verlangsamen. Nichts tun. Genießen. Und - schmieren, dehnen, schmieren!! 😃 Gut, dass es eh schüttet...
Geschlafen hab ich selbstverständlich nicht mit den ganzen Schmerzen und mit dem Gedanken heute wieder weitergehen zu müssen. Normalerweise könnte ich ja einfach einen Tag pausieren, dieses Wochenende ist das aber nicht so leicht. Montag ist nämlich Nationalfeiertag und tausend italienische Familien pilgern über das lange Wochenende nach Assisi. Ich konnte gestern Abend via mit Müh und Not noch ein Zimmer für 50€ ergattern, die Pilgerstätten, Klöster, B&Bs und Campingplätze sind alle tutti completi. Mein Zimmer ist also reserviert und bezahlt und das werd ich nun nicht so einfach verfallen lassen. Also heißt's entweder reinbeißen und hatschen oder den einzigen Bus um 9.04 nehmen.

22 April 2016

Ich hab zwar vor Schmerzen gar keinen Hunger, aber zwinge mich zu einem Gersten-Süppchen plus Bier. Die drei schmausen ein Pilgermenü und zwitschern dazu - wie es für pellegrini üblich ist - ein Fläschchen umbrischen Rotwein. Rita die Gastgeberin ist eine richtige Mama und kümmert sich bestens um uns. Als ich ihr erzähl, dass ich kein Zimmer in Assisi finde, ruft sie ihr ganzen Leute durch und fragt nach einem Bett. Zu meinem Erstaunen endet dieser Tag mit einem sehr gemütlich Abend in sehr lieber Gesellschaft. Die drei entzückenden alten Herren versprechen mir sogar, mich morgen notfalls auch zu tragen oder in einen Bus nach Assisi zu setzen. ❤️ Was ich aus dem Ganzen lerne: die eigenen Grenzen kennen und sie sich eingestehen, nicht zu stolz sein um um Hilfe zu bitten, und vor allem auf Ratschläge meiner lieben Julie und meinem Schwager hören, die mir beide Magnesium mitgeben wollten (wofür ich aber natürlich zu cool war...). Damn.
Humpelnd schaffe ich es ins Bad um zu duschen und versuche irgendwie noch zu dehnen, zu schmieren und was mir sonst noch so einfällt um das Schlimmste zu verhindern. Wie eine 99jährige Frau schlepp ich mich durch die Straßen und hoffe, dass es eine Farmacia gibt, die noch offen hat und mir Magnesium in höchsten Dosen verschaffen kann. Leider ist alles bereits zu bis auf ein kleines Geschäfterl, wo ich zum Glück Gerhard treffe. Ich frag ihn um Hilfe und er nimmt mich mit auf das Drei-Herrenzimmer. In einem 12qm Zimmer stehen also drei Männer Mitte Sechzig in Unterhosen vor mir und geben mir Tipps um Muskelkater und ähnliche Wehwechen zu vermeiden. Winfried, der bereits den Jakobsweg hinter sich hat, verarztet meine Blasen mit Jodsalbe und versorgt mich mit Magnesium und einer wundersamen Muskelentspannungscreme. Ich bin so dankbar und entscheide spontan mit den Dreien noch auf ein Bier zu humpeln. Das hilft bestimmt auch. Heute fühle ich mich jedenfalls älter als alle drei zusammen.
Diner with my Salvatore - Hansi, Winfried und Gerhard (nicht am Bild...)
Der heutige Tag wird eingehen als der Tag, an dem ich mir den schlimmsten aller Muskelkater zugezogen habe. Tatsächlich schaff ich es zwar noch ohne Autostoppen ins nächste Dorf, Valfabbrica, wo meine Herberge ist, komme aber in einem Zustand an, von dem ich mir nie erwartet hätte, dass mir das passiert. Meine Muskeln - von Wadeln bis zum Rücken - sagen einfach nur noch Nein! und wollen sich keinen Millimeter mehr bewegen. Ich komm also am Dorfplatz an, da seh ich auch schon Hans und Gerhard sitzen. Kurz winke ich ihnen zu, entschuldige mich aber sofort (sobald ich stehenbeliebe droht Gefahr, dass meine Beine zusammenknicken) und rufe Manuela, meine Gastgeberin, an. Die Liebe ist gleich zur Stelle, holt mir Wasser und zeigt mir gleich meinen Schlafplatz, der - GOTT SEI DANK - im Erdgeschoss ist. Ich kollabiere auf dem Sofa in der Küche und brauche eine ganze Viertelstunde, um mich wieder bewegen zu können. 33,24km und 144 Stockwerke (<1.100HM) sagt mir mein schlaues Phone. Tot.
Dead. Morta. Bewegungsunfähig.
Heute die schwerste und längste Etappe meines Assisi-Wegs. 27,5km inkl. einiger Höhenmeter hab ich bereits hinter mir. 7,8km fehlen noch. Der Weg von Gubbio nach Assisi ist DER Pilgerweg schlecht hin und die Leute werden anscheinend in Bussen angekarrt und ihm gehen zu können. Heute nicht, ich bin bis auf einen Spaziergeher allein unterwegs. Meine lieben Össis und der gute Winfried meinten gestern sie nehmen den Bus bis zur Hälfte und gehen den Rest. Da ich aber nach dem gestrigen recht entspannten Tag motiviert bin, will ich mir den ganzen Weg geben. Der Cammino an sich ist aber leider sehr unspektakulär und langweilt eher nach den vielen wahnsinnig schönen Etappen der letzten 11 Tage. Es gibt also wenig zu sagen, außer dass mit die Füße und die Schultern weh tun und ich am liebsten ewig unter diesem Baum liegen bleiben würde. Bei meiner Mittagspause bin ich auch tatsächlich kurz eingenickt. Niemals würd ich jemand empfehlen die Etappe in einem zu gehen.
tired - crevée - kaputt - stanchissima
Pilgrimage Nr.1 in Italy - Gubbio to Assisi via Valfabbrica. On sunny weekends Italians are coming in big groups and its almost impossible to find a place to stay...

21 April 2016

My pilgrim friends: the two Upper Austrians Gerhard & Hans (in the middle) and Winfried the German (left). Hansi's and Gerhard's Cammino ends in Assisi since they started in Bologna already. Winfried - like me - will be going go Roma.
Gubbio - completely surreal!! The whole city center looks like the film set of a medieval movie!! But people actually live there...
In Gubbio angekommen suche ich erstmal meine Rifugio, im heutigen Fall das Pfarrheim. Geführt wird das Ganze von Don Marco, der liebevoll alle möglichen Pläne, Erklärungen und Tipps für Pilger ausgemalt hat. Weil ich heute so flink war, habe ich noch genug Zeit um mir am Nachmittag die "schönste mittelalterliche Stadt" anzusehen. Tatsächlich ist der Stadtkern unwirklich schön und wirkt schon fast kitschig. Papierkörbe oder alles was daraufhin deuten würde, dass hier auch Menschen leben, sucht man lange. Gubbio liegt mitten in den umbrischen Bergen und ist im Sommer wahrscheinlich eine der meistbesuchtesten Städte Italiens. Jetzt in der Wintersaison sind die Straßen leer, wie ausgestorben. Wie ich später nachlese, ist Gubbio eine uralte Stadt, zur Zeit als Rom noch aus Lehmhütten bestand. Sie wurde von den Etruskern wehrhaft in die Hügel gebaut und hat daher wie viele andere alte umbrischen Städte keinen Bahnhof und kann nur per Bus, Auto oder am besten zu Fuß erreicht werden 😜
A pilgrim's life. Most important things: bed, sleeping bag, foot creme, pilgrim's ID, passport, map for the next walk
In gewohntem schnellen Schritt komm ich also voran und bin bereits nach 3h kurz vorm Ziel. Ich gönn mir ein kleines Mittagspäuschen mit Pecorino, Tomaten und Äpfeln und stapfe los. Ich rufe Don Marco an um meine Herberge zu bestätigen und nimm mir vor um 14.00 Uhr in Gubbio zu sein. Kurz bevor ich den Stadtrand erreiche als ich mein Wasser bei einem Brunnen auffülle, hör ich ein Zwitschern, dass ich bisher nur aus Nevio Beschreibung kenne. Und dann seh ich sie: Die Schwalben sind da!!
Heute fällt es mir zum ersten Mal wirklich schwer den Cammino aufzunehmen. So lieb die beiden Gastgeber sind, so anstrengend ist es auch wenn man schon in aller Früh zehn Mal "no grazie, grazie!" zu jedem mir angeboten Stück sagen muss. Irgendwann akzeptiere ich dann einfach alles und packe mir ein Saftpackerl, Äpfel und Kuchen in meinen Rucksack. Dann bringen mich die Beiden mit dem Auto ins Zentrum von Pietralunga von wo aus ich meine Cammino heute starte. Vielleicht ist es die Tatsache, geschimmelt zu haben (wegen Auto und so...), vielleicht ist es aber auch nur die Anstrengung des gestrigen Tages, jedenfalls ist der erste Kilometer eine echt Qual. Dann plötzlich schreits wieder hinter mir "Klaudiaaa!" Hansi und Kumpanen sind mir auf den Fersen! Ich freu mich zwar über sas Wiedersehen, winke zurück, hab aber keine Lust die ganze Geschichte zu erzählen. Wenns auch gemein klingt, aber die Vorstellung eingeholt zu werden und plaudern zu müssen spornt mich an.

20 April 2016

Nach dem Cena kann ich mich endlich zurückziehen und bin heilfroh, dass der Tag ein Ende hat. Ein paar Mal muss ich noch lachen über die absurden Momente des heutigen Tages, dann fall ich ins Bett. Was für ein Tag.
Im Il Pioppo angekommen, zeigt mir David mein Zimmer bzw. Apartment. Seit Tagen darf ich mal wieder in Bettwäsche schlafen und frische Handtücher verwenden. Luxury. Ob ich eh alles esse, werd ich gefragt, um 19.30 gäb's Abendessen. Klar, sag ich wie immer und freu mich auf was Warmes. Nach einer heißen Dusche gehe ich hinunter ins Haupthaus, in die Küche zu Davids Frau. Sie hat bereits Bruschetta auf den Tisch gestellt und schenkt mir Rotwein ein. Als David dazustößt erzählt er stolz, dass seine Frau alles selber mache, nur der Pecorino (wahnsinnig lecker!), der sei vom Markt. Während eines gefühlten 10-Gänge-Menü - ich kann einer italienischen Mama natürlich nichts ablehnen - erzählen mir die beiden von den vielen Leuten, die sie beherbergen. David habe in Roma Mathematik studiert und sei sein Leben lang Professor gewesen. Jetzt in der Pension beherbergen sie Leute aus der ganzen Welt. Hauptsächlich Pilger, aber auch viele italienische Familien, die in den Ferien hier Urlaub machen.
Aber mein Tag ist noch lange nicht zu Ende. Natürlich muss ich im Il Pioppo anrufen und absagen, dass ich es nicht mehr schaffe. Ich bitte Martina um Hilfe, der ältere Herr scheint mir nur Italienisch zu sprechen. Am Telefon erklärt sie ihm, was passiert ist, dann schaut sie mich an und meint, er würde mich auch mit dem Auto abholen damit ich meinen Weg morgen fortsetzen kann. Überrascht stimme ich zu, vorausgesetzt für die Leute hier sei es okay. Klar, meint Martina, kein Problem, dann kannst du deinen Cammino wie geplant weitergehen. Ich bin nochmehr überrascht - wie nett hier alle zu mir sind!! Ich packe also meinen Rucksack wieder, verabschiede mich von meinem neuen Freund Simon und kann mir gut vorstellen hier wieder zurückzukommen. Herr Caigisti kommt mich in einem Alpha Romeo abholen und prescht mit mir durch den Wald. Es ist schon erstaunlich wie schnell einem plötzlich eine Autofahrt vorkommt. In zehn Minuten erreichen wir Il Pioppo, wofür ich zu Fuß 2,5h gebraucht hätte.
Im der hippie Herberge "CHE PASSO!" erwartet mich Martina und ihre amerikanische Freundin. Ah! Deshalb sprechen sie alle so gut Englisch... Ich erzähl ihnen meine Geschichte und sie finden es Gott sei dank überhaupt nicht lächerlich, Martina bestätigt mir sogar, dass sie zu Fuß nie an der Schafsweide vorbeigeht. Und im Wald hätten sich auch schon einige verirrt. Ich bin so erleichtert und freunde mich gleich mit den vielen Kiddys an, die herumlaufen. Simon, der kleine Amerikaner, erzählt mir von seinen Katzen und seinem Schneckenhaus, das er heute gefunden hat. Er hält mir eine Banane hin und erklärt mir wie ich sie zu schälen habe. Dann zeigt er mir noch den Kompost, wo die Bananeschale hin muss. Ich glaub das ist das erste Mal, dass ich einen italienischen Haushalt mit Mülltrennung sehe... Schön langsam hab ich mich wieder im Griff und bin erleichtert nicht mehr alleine zu sein.
Und wäre es nicht genug Verzweiflung für einen Tag, laufen mir plötzlich fünf weiße Riesenhunde entgegen, bellend springen sie über den Schafszaun und steuern auf mich zu. Wie erstarrt bleib ich stehen. Nicht nur, dass ich kein großer Hundefan bin, ich hab einfach wirkliche Angst vor großen Hunden. Sie erinnern mich an Wölfe und ich weiß, dass jeder ausgewachsene Hirtenhund mir in nullkommanix mein Bein zerfleischen kann. Da helfen mir auch meine Gehstöcke nix. Ich kollabiere auf der Stelle und fange wieder zu heulen an, aus Angst und Erschöpfung. Da ich aber zumindest wieder Empfang hab, kram ich mein Handy hervor, ergoogel mir die Nummer der Rifugio und rufe an. Gottseidank sprechen sie Englisch und Martina verspricht mir jemand zur Hilfe zu schicken. In einem roten Pickup kommt mir Alberto entgegen, die Hunde springen weg und ich in Auto. Mio Salvatore. Ich pack das alles gar nicht und heul und lache zugleich. Alberto bringt mich in eine Kommunen artige Hippie Rifugio.
Il Pioppo - wie bei Oma und Opa zuhause... mi nonni italiani !!
Simon and his snail
Crazy shepherd dogs wouldn't let me pass!!
Wie eine Irre lauf ich weiter und hoffe jeden Moment auf eine Straße zu treffen. Nix. Signal auch nix. Häuser auch kein. Niente. Panisch lauf ich weiter und seh mich schon im Wald übernachten. Zumindest kann ich mich an den letzten Bach erinnern, da kann ich notfalls Wasser besorgen, denk ich mir. Ich fang an zu heulen. Noch immer kein Zeichen, kein Handysignal, keine Karte. Irgendwann hör ich einen Traktor und laufe ihm völlig schwitzt und verheult entgegen. Der Bauer kann mir zumindest sagen wie ich wieder auf die strada komme. Völlig erschöpft schaff ich es nach oben und stelle fest - mein Handysignal geht wieder - dass ich genau an den Schafsfeldern bin wo ich vor fünf Stunden vorbeigekommen bin. Mir fällt ein, dass es vorne bei den Häusern irgendwo ein Rifugio geben sollte und bete, dass sie ein Bett drei haben oder mit notfalls mit dem Auto zu Il Pioppo führen können.
Nach einer langen Pause nehme ich den Weg wieder auf. Nur noch 10km bis zum Rifugio, das sollte zu schaffen sein. Völlig in meinen Gedanken versunken - ich habe kurz mit meiner Mum gesmst - gehe ich vor mich hin und bin wieder sehr unaufmerksam und zweifel ständig wohin der richtige Weg geht. Ich weiß nicht obs an meiner geistigen Abwesenheit oder an dem schlecht ausgeschilderten Weg liegt. Wäre ja nicht das erste Mal heute, dass Pfeile fehlen und Richtungen nicht stimmen. Als ich also in der prallen Sonne vor mich hinlauf, merke ich, dass tatsächlich seit einer Stunde weder eine Wandermarkierung noch ein Pfeil zu sehen ist. Normalerweise ist das der Zeitpunkt wo ich meine Beschreibungen hervorkrame oder notfalls Google einschalte und mir helfen lasse. Heute kein Netz. Was hilfts denk ich mir und geh weiter, es sieht zumindest aus als könnte es ein Wanderweg sein. Als sich dann aber nach einer weiter Dreiviertelstunde wieder nichts auf tut bekomm ich es langsam mit der Angst zu tun.
My first foxy
Wie sich herausstellt ist der Cammino über die Berge nicht nur molto panoramico, sondern vor allem molto duro. Dazukommt, dass es um die Mittagszeit nun wirklich schon ziemlich herunterbrennt und es kaum Schatten gibt. Nach sehr langen 9,5km kommen endlich ein paar Schafsfelder und eine kleine Häusersiedelung, wo ich nach Wassernachschub fragen kann. Dann gibt's Mittagessen. Ich setz mich mit meinem super Hut in die Sonne, lehn mich zurück und genieße die Stille.
As I know now the sign "Attenzione al cani pastor" (Vorsicht beim Vorbeigehen. Achtung Hirtenhunde!) is to be taken seriously!!! When I took these pics there where no dogs though and I was still happy...
Chic sul cammino... its the first hot day!! 22C ☀️👣🗺😎
Trotz meiner guten Laune komm ich heute irgendwie nicht richtig rein ins Marschieren. Dreimal verlaufe ich mich und misstraue dem Cammino an jeder Kreuzung. Ich beschließe bereits nach 1,5h eine Pause zu machen, setz mich ans Wasser und futtere meine Studentennusserl. Da schreit nach 5 Minuten hinter mir jemand Klaudia! Hallo! Ich bin kurz verwirrt, erkenn aber dann gleich den lieben Hans, ein Pelligrino aus OÖ. Ihn und Gerhard hab ich nur einmal kurz beim Einschreiben in Dovadola getroffen, wir sind aber nie zusammen gegangen, weil sie bereits in Bologna gestartet sind. Als ich Hansi von meiner Verwirrtheit erzähl, meint er nur "Des is da Voimond, sog i da. Do is ma oft nimma ma söba..." Das wirds sein, denk ich mir, und will noch einmal versuchen den Alternativweg über den Bergkamm zu finden, der "molto panoramico" sein soll. Ich plaudere noch kurz mit Hans - eine Druckerei hatte er früher und hat gestern in Città eine der ältesten Druckereien besichtigt - und ziehe weiter.
Buon giorno. Heute wach ich ausnahmsweise einmal relativ gut ausgeschlafen auf. Obwohl ich nicht alleine im Zimmer bin (mit mir sind seit Vorgestern zwei belgische Damen am Cammino unterwegs) und eine der lieben Camminatas ziemlich laut schnarcht. Aber soll ja auch manchmal helfen eine gewisse vertraute Geräuschkulisse zu haben. Ich bin also bereits um 6.15 munter - Wecker braucht man am Cammino sowieso nicht - lieg im Bett und freu mich dass ich zum ersten Mal Internet hab und liebe Nachrichten von lieben Leuten empfange. Heute ist mein 10. Tag. Es geht von Città di Castello nach Pietralunga (30km) wobei ich evtl. bereits 6km davor in einer privaten Herberge am Land, die Nevio mir empfohlen hat, Halt machen werde.

19 April 2016

Meine heutige Refugio befindet sich zwar in Città di Castello, allerdings 3km außerhalb der Stadt. Nach 30km Marsch auf den Beinen bin ich leider nur mäßig motiviert und schaffe es nicht mehr in die Stadt sondern nur zum 1km entfernten Supermarkt. Dort bin ich erstmal heillos überfordert mit der großen Auswahl. Bis dato haben sich meine Einkäufe aufs Wesentliche, Panini, Prosciutto und Formaggio beschränkt. Jetzt gibt's plötzlich Dinkelwaffeln, Kefir, Bio-Nusserln, und bayrisches Weißbier. Damit kann man so manch einen jagen, mich aber umso glücklicher machen. Mit Leckerlis im Bio-Sackerl stapf ich also "heim", zurück zu den Rettungswägen und mach mir mein Diner. Davor zwangsbelücke ich die Zivis noch mit einer Runde Stretching & Yoga in der Wiese (geht's eigentlich noch mehr HIPSTER?!) Und sitze jetzt also in der untergehenden Sonne auf dem Parkplatz des Weißen Kreuz, trinke mein Weißbier, esse meinen vegetarischen Dinkelreis und meine Erdbeeren und freu mich des Lebens.
Tonights diner - Picknick at the Rifugio
??
Als ich in Regenmontur beim Kloster von Montecasale ankomme und ins Tal runterschau, kommt mir auch schon ein Mönch mit brauner Kutte und Kapuze auf, entgegen. Setz dich da rein, es regnet doch!, und deutet auf einen offenen Raum mit großem Holztisch, der aussieht wie eine Art Speisesaal der Mönche. Ich danke ihm und stell meinen Rucksack ins Trockene. Woher kommst du? fragt er mich. Austria. Aaah! Wie schön dass du italienisch verstehst, grinst er. Sichtlich in Eile und Regenscheu, erklärt er mir schnell, wo mein Weg weiter geht und wo die Toiletten sind, hüpft in seinen Fiat Punto und düst los Richtung Tal. Irgendwie find ich Mönche immer super cool, wie sie ihren Alltag so managen in ihrer Kutte.
April weather - Monastery of Montecasale
Arrivederrci Sansepolcro!!
Arrivederci Sansepolcro. Ciao 9. tappa. Heute gehts 30km zuerst rauf zur Eremo di Montecasale und dann über Lama weiter nach Città di Castello. Relativ gut ausgeschlafen und durchaus motiviert stapf ich also wieder los. Diesmal ein kleines Kaffeetschal mit Panino als Frühstück und ein paar frische Apferl am Markt gekauft. Dann bergauf zur Einsiedelei. Herrliche Morgenstimmung, wobei sich Sonnenstrahlen mit dunklen Wolken mischen. Ein richtiges Aprilwetter, denk ich mir und fünf Minuten später beginnts auch schon zu schütten. Zum ersten Mal seit 9 Tagen packe ich meinen blauen Poncho aus, zieh den Regenschutz über meinen Rucksack und marschiere weiter. Im Tal scheints aber noch sonnig zu sein, ich warte schon auf einen Regenbogen.

18 April 2016

Heute Abend hab ich mich zum ersten Mal mehr als Touristin in Italien als Pilger gefühlt. Erstens, ich bin seit meiner Ankunft in Dovadola seit 8 Tagen wieder mal in einer "Stadt", wo es tatsächlich ein bisschen Infrastruktur gibt; zweitens schlaf ich in einem Hostel wo es WLAN gibt (yes!); drittens kann ich hier weder kochen noch werde bekocht, heißt ich durfte notgedrungen richtig gut italienischen essen gehen und hab mir natürlich auch noch ein Gelato gegönnt (hab vorhin mal kurz zurückgedacht, mein letztes Eis in Italien muss wirklich Ewigkeiten her sein, bestimmt 15 Jahre...) und zu guter Letzt hab ich mir in einer Farmacia eine Pincette gekauft. Das ist purer Luxus! Ich kann wirklich sehr gut ohne Make-up und Hautcremes, Peelings and whatnot auskommen, aber einzelne Härchen irgendwo abstehen und wachsen zu sehen, treibt mich als leichte Neurotikerin in den WAHNSINN. ☺️ Also heute ein bissi Luxus, morgen dafür mein erster 30km-Marsch.
Sansepolcro - Il duomo
Sono arrivata in Sansepolcro. Diesmal in einem Ostello mit Internet - traurig aber wahr: nach acht Tagen quasi Abstinenz, WLAN never felt so nice :) Nach einer langen Dusche und dem üblichen Prozedere - Wäsche waschen, dehnen, cremen , Strecke für morgen anschauen - gehe ich eine Runde durch sie Stadt. Giovanni hat mich ja bereits gewarnt. Die Einwohner seien dumm, meinte er, weil sie alle raus in die Vororte gezogen seien und der Stadtkern nur noch ein einziges Museum sei. Tatsächlich befinden sich auf einer minimalen Fläche an die 50 Kirchen und Kapellen, eine schöner als die andere. Im Duomo, der im 11.Jhd. erbaut wurde, kann man unglaubliche Fresken und Bilder (Mannerismus) bestaunen. Das berühmteste Bild Die Auferstehung von Piero della Francesca befindet sich allerdings im Museo civile, was ich leider nicht besuchen kann, weil es in der Wintersaison nur bis 18h aufhat. Wenn Giovanni wüsste, dass ich mir das entgehen lasse...
Als ich also diese elendslange eintönige Straße dahin krieche (manchmal fühlt man sich echt wie eine Schnecke...) und mich furchtbar langweile, bekomme ich eine Nachricht von meinem Pilgerfreund Nevio. Wir halten uns immer am Laufenden, wo wir gerade sind und wie es uns geht, was uns durch den Kopf geht. Jedenfalls berührt mich der letzte Satz seiner Nachricht so sehr, dass ich einfach zu weinen beginne. Das ist kein Weinen aus Erschöpfung oder Angst, Wut oder Freude, oder gar Einsamkeit. Es ist eine ganz komische Mischung, mehr so etwas wie die Erleichterung nicht allein zu sein. Wie eine Umarmung, ein aufmunterndes Lächeln oder Schulterklopfen. Ich laufe also dahin, heulend, und frag ich warum ich mich mit einem 50jährigen Ökologie-Professor, über den ich nichts weiß außer, dass er gern Vogelgesänge aufnimmt, alte Bäume liebt und Wölfe studiert, so verbunden fühle. Aber vielleicht ist das so, beim Pilgern. Jeder geht alleine und sucht seinen Weg. Aber man ist eben gemeinsam allein.
Der erste Teil des Weges nach Sansepolcro ist wirklich wunderschön. Wie man sich die Toskana vorstellt. Hügelig, grün, alles blüht, kleine Oliven-Bauern, und wie heißen diese hohen Bäume nochmal? - Ja die gibt's überall! Auf einer Anhöhe setz ich mich für eine Pause auf einen Löschturm und genieße die Aussicht. Je mehr ich mich meinem Ziel nähere umso flacher wird es und umso größer und luxuriöser werden die Häuser. Riesige Anwesen mit Tennisplatz und Swimmingpool usw. Stunning. Irgendwann komm ich dann auf eine Landstraße, wo Bauern künstliche keine Stauseen angelegt haben. Diese kleine schattige Schotterstraße führt mich ca. 9km immer geradeaus, bis nach Sansepolcro.
My path today - Day 8 - Caprese a Sansepolcro
Toscany Villas
My little dream house
Zwischenbilanz
Tag 8. Heute der erste Tag an dem ich ohne Haube außer Haus gehe. Es ist mild, die Sonne scheint und ich freu mich aufs Losmarschieren. Seit mir Giovanni gestern von seiner Heimatstadt vorgeschwärmt hat, will ich unbedingt sobald als möglich dort ankommen um mir noch die eine oder andere Sehenswürdigkeit anzusehen. Bereits gestern Nachmittag war ich kurz verwirrt, gibt es doch hier in Caprese in beide Richtungen grüne Pfeile (die Markierung des Camminos) und mehrere unterschiedliche Wege (Via de Roma, Via Francesco, ...) nach Sansepolcro. Heute früh hab ich mich dann für den für mich am logischsten entschieden. Der, wie ich nach guten 45 Minuten checke, falsch war. Mein headstart - ich bin pünktlich um 7.30 weg - ist also hin und ich muss erstmal wieder zurück nach Caprese. Das Positive an meinem 1,5h Umweg: ich hab ein geiles Foto mit Morgenstimmung gemacht und das kleine Gschäfterl im Ort hat mittlerweile schon offen und ich kann ein bisschen Proviant kaufen. 9:00 Uhr Restart
Morning atmosphere

17 April 2016

... Und als ich ihr sage, dass ich ganz alleine unterwegs bin, lacht sie und meint nur, dass ich halt aufpassen solle wegen der Wölfe im Wald, die beißen! Wieviele Leute hier wohnen will ich von ihr wissen. Sie antwortet mir, dass die ganze Comune di Caprese so 1.500, jedoch hier im Zentrum nur 10 Personen leben. Davon sie selbst, ihr Sohn und seine Frau und deren zwei Kinder. Alle anderen seien von außerhalb und kommen nur zum Essen oder Arbeiten. Dann sitzen wir und warten. Irgendwann steht sie auf und fragt mich, ob ich mit ihr in den Speisesaal mitkommen will. Certo, sag ich und folge ihr. Der Saal ist der Hammer! Ein irre Blick über die toskanische Landschaft. Sie dreht den Fernseher auf und wir schauen uns gemeinsam eine Spieleshow an. Dann kommen langsam die Gäste und ich genieße mein Pilgermenü: Tagliatelle al pomodori und Bistecca als secondo piatto. (Heute ohne Wein. Vielleicht hilfts meinem Schlaf...)
Nachdem ich den ganzen Tag Pech mit Essen hatte, werde ich heute im Ristorante La Buca di Michelangelo belohnt. Mein Rifugio, das mir von Alessandro zur Verfügung gestellt wird, inkludiert nämlich ein Pilger-Abendessen in seinem Ristorante. Zu meinem großen Erstaunen hat es mehrere Michelin-Sterne und die Leute kommen aus der ganzen Umgebung hierher. Caprese - hat mir Giovanni vorhin bereits erzählt- ist wohl so etwas wie eine kleine Gourmet-Hochburg hier und es gibt einige hochklassige Köche, die sich hierher zurückgezogen haben. Wie vereinbart bin ich um 19.30 im Ristorante und natürlich viel zu früh dran. Am Tisch neben dem Eingang sitzt Alessandros Mutter, eine elegante alte Dame, die gleich mit mir zu plaudern beginnt. So eine hübsche Pellegrina! sagt sie und lächelt mich an, stetz' dich, das Abendessen gibts heute erst um Acht. Heute war soviel los, jetzt müssen sie erstmal aufräumen. Dann die üblichen Fragen, Da dove sei? Quanti anni hai? ...
Watching TV with La Mama
La Buca di Michelangelo
Ich begnüge mich also mit Zwieback mit Marmelade und hoffe, dass ich im Stadtzentrum was finde, wo ich einen Cafe trinken kann. Leider Fehlanzeige. Der Stadtkern besteht nämlich genau nur aus dem Museo de Michelangelo. Aus einer Hoffnung heraus doch fündig zu werden, geh ich ins Museum. Giovanni, der junge Museumsbetreuer, spricht perfektes Englisch und führt mich begeistert durch die Ausstellung. Er erzählt mir, dass er den Job hier freiwillig macht, weil das Museum sonst schließen müsste und wie bitter es dich sei, dass sich seine Landsleute nicht für Kunst interessieren. Er habe Philosphie und Ästhetik studiert und sei ein großer Fan der alten italienischen Meister. Als ich ihm gestehe, dass ich null Ahnung von italienischer Kunst habe, fällt er aus den Wolken und lässt mich versprechen, dass ich mir morgen in Sansepolcro die ganzen Gemälde ansehe. Selten hab ich jemand mit soviel Leidenschaft für Kunstgeschichte und die Erfindung der Dreidimensionalität in Gemälden gesehen.
Nach einem relativ kurzem Marsch - ich hab nur fünf Stunden gebraucht- komm ich in Caprese - Michelangelo an. Obwohl ich die Stadt zum ersten Mal sehen, merke ich, dass Sonntagmittag ist und alle mit ihren Familien im Ristorante sitzen. Wie ich später erfahre war heute Erstkommunion und daher doppelt soviel los. Ich stapfe jedenfalls zur Rifugio und rufe bei Alessandro, dem Besitzer an. Nach 5 Minuten kommt eine junge total gestresste Kellnerin in einem Fiat an, drückt mir die Schlüssel in die Hand und sagt: La cena è a la 7.30 in La Buca de Michelangelo. Ich bin etwas verwirrt, nicke und sehe sie im nächsten Augenblick abdüsen. Gut denk ich mir und schau mir mal an wofür ich da eigentlich den Schlüssel bekommen hab. Ein nettes Apartment mit Doppelbett - wie immer aber ohne Bettwäsche, weil Pilgerstandard. Halb am verhungern such ich die Küchnische nach essbarem ab. In den meisten Rifugios gabs bis jetzt immer Nudeln und Tomatensauce lagernd. Nicht hier. Nur Zwieback.
Casa di Natale de Michelangelo Sec. XIV
Caprese Michelangelo
Gottseidank wird es mit jedem Schritt talabwärts wärmer und die Sonne gesellt sich zu mir. Circa eine Stunde nach deiner Einsiedelei komm ich dann ganz unvorbereitet durch ein absolut traumhaftes kleines Dorf namens Fragaiolo. Eine alte Villa nach der anderen, keine monströse Barracken, klein und fein, mit Garten. Alles hat natürlich auch hier geschloßen und Essen gibt's demnach immer noch keins, aber ich werd von ein paar älteren Herren begrüßt und eine Frau winkt mir aus dem Garten ein Buon Giorno zu. Genauso stell ich mir meine Pension vor: Toskana, kleines Bergdorf, Sonne, Stille, Wein. Fragaiolaner bezeichnen ihr Dorf "un paese immerso nel verde" (ein Dorf im Grünen) und sind stolz auf ihre Kirche aus dem Jahr 1349, deren Name anscheinend der "Centesoli" (Sonnenmitte) abstammt.
Eremo de Casella - 1.252m
Eremo della Casella. Einige überwundene Höhenmeter später, komm ich bei der Einsiedelei an. Arschkalt und nebelig ist es mal wieder und da ich weder gestern in La Verna im Kloster noch heute früh im Dorf Proviant kaufen konnte, knurrrrt mein Magen. Ich schau auf meinen Plan, zwei kleine Dörfchen sind auf dem Weg eingetragen, werd ich mir dort was kaufen. Leider jedoch, und das war natürlich ein großer Denkfehler meinerseits, ist heute Sonntag und Italiener halten sich daran mindestens genauso strikt wie Össis. Schaut also schlecht aus mit frutas oder panini... Auch ist der Weg weder fordernd oder besonders schön, sodass man den Hunger vergessen hätte können. Das gut beim Alleinesein: man kann seinen "hanger" (hungry + anger) nicht an anderen auslassen.
Weil ich also eh nicht wirklich schlafen konnte, steh ich um 6 Uhr auf und schleich mich aus dem Schlafsaal. Auf dem Vorplatz der Kirche muss noch warten bis ein Mönch um 6.30 die Tore des Klosters öffnet. Motiviert stapf ich den Wald hinunter ins Dorf. Alles ist ruhig. Wie ich das mag. Kurz nach dem Dorf geht's wieder ziemlich steil bergauf, Ziel des Anstiegs die Einsiedelei Casella, wo Franziskus im Jahr 1224 auf seinem Weg zurück nach Assisi "Leb Wohl, Berg Gottes, Leb wohl Berg Alvernia!" gesagt haben soll. Aus religiöser Sicht war das hinter mir gelassene La Verna die wichtigste Station des Weges. Der Ort an dem der "stigmatisierte" Franziskus die gleichen Leiden nachempfinden wollte wir Christus am Kalvarienberg.
Aus irgendeinem mir unerklärlichen Grund, ist das schon die dritte Nacht in der ich nicht gut schlafen kann. Ich weiß nicht obs an meinem viel zu heißen Daunenschlafsack, den ungewohnten Orten, am Rotwein, am Kaffee oder einfach nur an den vielen zu verarbeitenden Eindrücken liegt. Jedenfalls ist mein Körper hundsmüde vom Gehen, mein Geist aber hellwach. Damit hab ich nun echt nicht gerechnet. Mit Schlaflosigkeit.

16 April 2016

Um vielleicht mal etwas informatives über den Franziskusweg zu schreiben. Den Weg, den ich für meine Strecke nach Assisi gewählt hab wird von dem lieben Giordano organisiert. Anders als bei Jakobsweg gibt es hier in Italien ganz viele verschiedene und es ist ein bisschen verwirrend manchmal. Mein Weg beginnt in der Region Emilia-Romagna und verläuft die ersten Etappen durch wenig bevölkertes Gebiet, meist durch Nationalparks (z.B. den wunderschönen Parco Nazionale Foreste Casentinesi) Charakteristisch für den tosko-romagnilischen Apennin sind enge Täler mit steilen An- und Abstiegen. Seit heute bin ich - endlich ! - im toskanischen Gebiet, wo es etwas flacher wird. Entspannung für Arsch und Wadeln. Die nächsten bekannteren Ortschaften, durch die mein Cammino führt sind: Sansepolcro, Città di Castello, Pietralunga, Gubbio, Valfabbrica und schließlich Assisi. In Assisi muss ich mich dann informieren, wie ich meinen Weg genau fortsetze.
Wie vorhin erwähnt, könnte man heute laut Plan gleich weiter nach Caprese marschieren. Ich hab mich aber nach meinem nicht so tollen Start entschieden einen halben Tag zu pausieren und im Kloster von LaVerna zu bleiben. Neben normalen Doppelzimmern gibt es hier nämlich auch einen Pilgersaal, der mit Schlafsack gratis zur Verfügung steht. (Für Abendessen und Frühstück werden allerdings €25 verrechnet...) Leider ist heute, Samstag, richtig viel los in der Einsiedelei und Pilger kommen in Scharen - mit Autos, auf Motorrädern und in Bussen werden sie angekarrt. Auch wenn ichs lieber ruhig hab, heute is mir alles wurscht. Ich setz mich in ein kleines Ristorante für Touristen, bestell mir Ravioli al burro e salvia und ein Viertel Rotwein und lass die Seele baumeln. Und später werd ich zum ersten Mal meine Kopfhörer hervorfangen und mich mit ein bisschen Musik belohnen. La dolce far niente.
Monastery La Verna 1.120m
1. Versuch: Failure. Zu tief. 2. Versuch: Failure. Zu starke Strömung. Ich frag mich wie die anderen das gemacht haben!? Mit einem 12kg schweren Rucksack...? Ich sag mir: Durchatmen, aus dem Wasser, Schuhe anziehen, weitersuchen. Ein letzter Versuch 50m stromabwärts: Schuhe und Socken aus, Wertsachen in Plastik einwickeln, Wanderstöcke aufs andere Ufer und aufs Neue rein ins eiskalte Wasser. Diesmal - tatatataaa! Geschafft. Yes yes yo!! Jede Psycho-Lebensberatungs-Tante würd mir jetzt die Hand tätscheln und kopfnickend sagen "...siehst du und im Leben ist es genauso. Wenn mal kein Überqueren möglich scheint, es kein Weiter mehr gibt, probier's noch einmal woanders und nochmal und nochmal. Und wenn's dann wirklich nicht geht, gibts immer noch eine lange Asphaltstraße, die dich ans Ziel führt." Ja eh, würd ich mir denken und die Augen verdrehen, I know... (Übrigens hat mir der liebe Nevio später per Whatsapp verraten, dass es weiter oben eine Brücke gegeben hätte!! Damn!!)
Did it!!
Failure.
Tag 6. Weil ich mir die Option offen halten will ob ich nach Caprese weitergehe (11h Marsch) oder nach 4 Stunden in La Verna übernachte, mache ich einen early start und hin um 7h bereits am Cammino. Irgendwie fängt der Tag nicht gut an, zuerst verschütte ich mein Teewasser und geh ohne außer Haus. Dann verirre ich mich gleich auf dem ersten Kilometer muss umkehren und neustarten, mein Knie meldet sich beim Berabgehen zurück, und überhaupt ist es arschkalt und nebelig. Tja und dann kommts: in meinem Plan steht eine Alternativroute falls der zu überquerende Gebirgsbach bei Regen zu hoch ist. Als ich also ankomm, ist das kleine deppate Bächlein natürlich ein Großes! Heißt ich hätte schon wieder umkehren müssen und genau die Asphaltstraße rauflatschen müssen auf der ich mich vorhin veirrt habt. Sicher nicht. Ich suche also nach einer Stelle wo ich leicht durchwaten könnte und verheddere mich in ein Dornen-Lianen-Irgendwas und fall voll aufs Knie. Ich fluche. Oasch. Alles oasch!

15 April 2016

Biforco. Einer meiner absoluten Lieblingsorte bis jetzt. Ein max. 30 Seelen Dorf - mit Fußballplatz selbstverständlich - zwei Eseln, ein Pferd, einer Bar, wo Karten gespielt und geflucht wird, wo sich Kinder Kekse kaufen während die Mutter die Vanity Fair durchblättert und wo man sich mit den notwendigsten Lebensmitteln versorgen kann. Bei mir heute: eine Dose Minestrone, Parmigiano und Prosciutto. Herrlich. Die Besitzerin der Bar Signora Fiorella und ihre Tochter Silvia vermieten zwei kleine Zimmer an pellegrini für 12€ pro Nacht. Interessanterweise spricht Silvia, hier im totalen Outback, das bis jetzt beste Englisch seit einer Woche Italien. "No, no its not so good right now", meint sie, "in June when a lot of pilgrims are coming it is better! In winter I forget everything..." Ich danke ihr und setz mich noch ein bisschen hinters Haus in die Sonne. Was für ein magischer Ort.
Biforco - il paradiso
Churches
Nach meiner langen Picknickpause fühl ich mich angegessen und kann mich nur schwer motivieren noch einmal 600 Höhenmeter zu überwinden. Gottseidank sind die Etappen hier relativ fix eingeteilt, weil es einfach nicht soviele Pilgerherbergen gibt wie entlang des Jakobswegs. So hilfts nix und man muss es irgendwie ins nächste Dorf schaffen. Ich stapf also wieder hoch hinauf, Arsch und Wadeln spür ich schon gar nicht mehr, und merke beim Abstieg wie durch ein Wunder, dass meine Knieschmerzen weg bzw. nur noch sehr leicht zu spüren sind!! Sei es die lange Pause, die gute Schoki, oder mein erhörtes Gebet - Hauptsache ich kann wieder normal gehen. Juppdidou! Nach drei weiteren Stunden bin ich dann endlich im Paradis. Biforco. Nächster Eintrag...
Up and downs on the 5th day
Obwohl mein Knie bei jedem Schritt bergab aufschreit, bin ich bereits nach drei anstatt 3,5 Stunden in Badia Prataglia. Als erstes seh ich die Kirche und setz mich kurz rein. Sofort kommt der Pfarrer und erzählt mir was über den romanesco Baustil und die Crypta, die ich mir unbedingt anschauen soll. Lang verweil ich aber nicht, mein Hunger überwiegt. Am Markt kauf ich mir ein paar frutas und einen Tramezzini-Aufstrich und setz mich in den Park für mein Picknick. Am liebsten würd ich ewig hier sitzen bleiben. Denn bei der Vorstellung gleich wieder bergab, dann voll bergauf dann wieder ewig bergab zu steigen, hör ich mein Knie jetzt schon weinen.
First stop - Romanesco Church in Badia Prataglia
Tag 5. Martina hat mir gestern schon begeistert von ihrem "boyfriend" erzählt. Ein 350 Jahre alter Kastanienbaum. Sie besteht darauf ihn mir heute noch zu zeigen bevor ich losgehe. Nach dem gemeinsamen Frühstückstee um 7.30 gehen wir also rüber in den Wald zum besagten Baum. Ich liebe solche mächtigen Bäume ja auch, als boyfriend-Ersatz wär er mir aber dann doch zu alt 😉Anyway, ich schnall meine Rucksack an, bekomm eine herzliche Umarmung und ziehe los.
Martina & her 350 years old boyfriend

14 April 2016

... Und bei ihrem zweiten Cammino war der Auslöser ihre Arbeit. Als Vermessungstechnikerin habe sie gearbeitet und es gehasst. Jetzt arbeitet sie als Erzieherin, ist viel mit den Kindern draußen und freut sich wenn sie ab und zu Leute am Cammino willkommen heißen darf. Zu meiner Situation sagt sie nur: "Das ist ganz einfach. Wenn du deine Arbeit geliebt hast, dann musst du es weiter versuchen. Auch wenn es schwer ist und es viel Konkurrenz gibt. Und wenn du famosa bist, kommst du zurück und machst eine Reportage über unseren Cammino!" Hm. Ja eh. Ich bin müde und geh schlafen.
"Eine Pilgerreise ist etwas anderes als Trekkingreise. Und Ospitaliere sein ist mehr als nur ein Bett und ein Essen bereithalten. Ich bin deine Familie für heute Abend, deine Schwester. Prost! Auf den Cammino!" Mit diesen Worten setzt sich Martina an den Tisch, lächelt mich an und hält mir ein Glas Rotwein hin. Sie regt sich auf darüber, dass die meisten hier am Cammino nur Geld mit den Reisenden machen wollen, aber den Sinn des Pilgerns nicht verstehen. Martina ist bereits zweimal den Cammino di Assisi und einmal den Jakobsweg gegangen und ist jetzt Volontärin hier im Rifugio. Für mich hat sie heute Bruschetta, Spargelrisotto mit selbst geerntetem Spargel, eine Gemüsetarte von gestern, einen Salat und als Dolce einen Mohnkuchen aufgetischt. Wir sitzen ewig, essen, trinken und plaudern - wie immer in einem italienisch-englischen Kauderwelsch. Ich erzähl ihr von Giulio, den sie natürlich aus den Medien kennt. Sie habe damals auch einen guten Freund verloren, vertraut sie mir an. ...
Nach einem elendslangen Abstieg (elendslang deshalb weil ich vor lauter Knieweh nur humpelnd voran komm..), seh ich endlich die Einsiedel Sacre Enemo de Camaldoli. Ich lass meinen Rucksack vor der kleinen Kirche fallen, humpel hinein und bete, dass mein rechtes Knie morgen wieder so will wie ich. Im Klosterladen belohn ich mich nach dem 8-Stunden-Marsch mit guter Schoki und meinen geliebten Dinkelwaffeln. Wer hätte gedacht, dass ich die hier im Nirgendwo finde?! Weitere 30 Minuten muss ich noch zur Rifugio watscheln und war selten so dankbar über eine heiße Dusche.
Einsiedelei Camaldoli
Highest point on the Cammino
Mystic Forest - No Access
La mistica abetina, der mystische Wald zählt zu den ältesten und schönsten Europas. Er ist Unesco Kulturerbe und betreten ist daher verboten. Nur ganz ehrlich man muss auch ziemlich lebensmüde sein um sich in den extrem steil abfallenden Wald zu wagen. Ich bin nur froh, dass die Sonne scheint und ich nicht alleine bei Nebel und Regen da durch muss. Vor allem wenn - wie ich jetzt weiß - es in den Wäldern hier noch einige Wolfsrudel gibt. Abgesehen davon, dass es die perfekte Kulisse für einen Horrorfilm wäre erinnerts mich auch stark an die Prinzessin Fantaghiro Filme. Könnte durchaus sein, dass die hier irgendwo gedreht wurden. Camaldoli - mein heutiges Ziel - klingt jedenfalls genau wie bei Fantaghiro...ach ja und die Kirche ist dem Romualdus geweiht!! haha
Nach 4 Stunden sagt mir mein schlaues Handy, dass ich bereits auf 1.310m raufgestiegen bin. Soweit eigentlich alles gut. Erstaunlicherweise fällt mir der heutige Aufstieg um einiges leichter als der gestrige. Kann sein, dass ich heute nicht mehr soviel denke. Ich halt nicht an, schau nicht auf meinen Plan sondern setz Fuß vor Fuß und es funktioniert. Oben am Bergkamm geht's weitere 10km entlang. Kalt ist es und windig. So kalt, dass ich mir Handschuhe wünsch und nicht einmal Pause machen will. Wie in Trance stapf ich also weiter und bemerk gar nicht, dass ich mich bereits in dem von Nevio vorhergesagten alten Wald befinde.
A hobbits journey
Vierter Tag. Die vierte Etappe ist mit 24km Länge und fast 1.000m Höhenmeter eine der schwierigsten. Ich bin allerdings guter Dinge, werd ich doch von dem Hoopoop Gesang eines Wiedehopfs aufgeweckt und seh' beim ersten Blick aus dem Fenster einen Regenbogen. Kitsch pur. Nach dem üblichen Morgenritual - Yoga zum Munterwerden, Anziehen, Rucksack Packen, Tee - geht's erstmal Richtung Bäckerei, wo ich mir Paninis und Datteln kaufe und einen Espresso an der Bar trinke. Die Morgenstimmung ist der Wahnsinn.
Day 4
Heute Abend um 7.30 geh ich zum ersten Mal essen, ins Ristorante "Pini" wo es ein Menu del pellegrini und - sehr wichtig - WLAN gibt. Der liebe ältere Kellner hat bei meiner Ankunft bereits eine Platz für mich hergerichtet. Ich bin der einzige Gast. Er sagt mir was es gibt: Tagliatelle al ragù und als secondo piatto irgendetwas wie Vitello al Forno mit Gemüse und Salat. Dann holt er mir gleich ein Vierterl Vino rosso und Wasser. Alles wird frisch von der italienischen Oma in der Küche zubereitet und schmeckt wunderbar. Pilgerpreis: 12€ Gut müde vom Wein und Essen schlapfe ich zurück zu meiner Rifugio. Auf dem Weg treffe ich Leonardo. Er habe bereits im nächsten Dorf angerufen und eine Whatsapp Nachricht geschickt, um ihnen zu sagen, dass ich morgen komme, es solle also alles gut sein. Bei Problemen dürfe ich ihn natürlich immer anrufen. Wie nett sich alle Ospitaliere um mich kümmern! Ich fühl mich wirklich gut aufgehoben und alles andere als allein auf diesem einsamen Weg.

13 April 2016

Ristorante "Pini" in Corniolo
Danach zeigt er mir noch die große Kirche. Er führt mich von Bild zu Bild und ist sichtlich stolz auf die neue Errungenschaft des Dorfs (die Kirche ist erst 1950 herum erbaut worden...). Als ich ihn frage wann die nächste Messe ist, meint er aber "Solo Domingo!" Weil, er lacht, der Pfarrer sei gestorben und jetzt gibt's im Dorf niemand der das kann. Beim Rausgehen muss ich grinsen, befindet sich doch gleich neben der Kirche ein Fussballfeld. Wie in Mexiko gibt's wohl auch in Italien kein Kaff ohne mindestens zwei Kirchen und einem Fußballfeld.
... Leonardo macht sich wie viele Italiener große Sorgen um die berufliche Zukunft seiner Töchter (die eine ist Krankenschwester, die andere studiert Pharmacie) Auf eine Stelle als Krankenschwester in Bologna bewerben sich 1.400 Leute. Es sei ein Desaster, stöhnt er. Da hätte ich es in Österreich noch leichter. Seine Frau nickt: "Du wirst bestimmt was finden!" Danach zeigt mir Leonardo die zwei Kirchen im Dorf. Die kleine ist direkt neben ihrem Haus und hat etwas weltweit Einzigartiges: einen Reliquienkalender. Leonardo fragt, wer meine Namenspatronin sei und sucht am Kalender nach der San Claudia. Enttäuscht stellt er fest, dass am 18.08. nur San Claire zu finden ist. Mir reicht das auch...
In Corniole werde ich von Leonardo empfangen. Er erklärt mir die Rifugio und meinen Weg für Morgen. Anscheinend steht mir domani die steilste aller Etappen bevor. Leonardo zeigt auf die hintere Bergkette, lächelt und meint: "Da musst du morgen rauf!" Er kichert als ich aufstöhne. - "Ma! Domani sera una bella giornata, non piove! Tutto bene!" (Aber! Morgen wirds wieder schön, es regnet nicht! Alles wird gut!) Nachdem ich meine Wäsche gewaschen, mich selbst geduscht, gedehnt, fest eingecremt und massiert hab (schön langsam hab ich so meine eigenen Pilger-Rituale...) zieh ich meine wunderbar stylischen Trekkingsandalen an und stapf los, um mir das 200-Einwohnerdorf anzusehen. Leonardo und seine Frau sind gerade beim Garten arbeiten und winken mich rein. Vuoi un cafe, Claudia?! Bei Kaffee und Keksen erzählen sie mir von ihren beiden Töchtern und ich ihnen warum ich den Pilgerweg gehe.
Leonardo showing me around
Reliquienkalender - solo o mondo!
Mit meinem Gemüsesüppchen, einer Avocado, Banane und Apfel treib ich meinen Blutzuckerspiegel wieder in die Höhe und stapfe weiter Richtung Corniole. 3 Stunden sind's noch, aber Gott sei Dank nur noch entlang des Bergkamms und dann immer bergab. Gemütlich. Dazu probier ich heute erstmals meine hübschen Sandalen aus und überleg mir ernsthaft den Rest des Camminos nur damit zu bestreiten. Wie geil wär das. Die Füße an der frischen Luft! Solangs nicht regnet eben...
My beautiful sandals
Panorama of the day - Monte Merli 1.100m
Tatsächlich fällt mir der Aufstieg von 500m auf 1.100m echt schwer. Auch wenn ich gern spazieren gehe oder durch die Stadt wandere, Bergmaus bin ich definitiv keine. Wohl eher eine Stadtmaus, die am Wochenende gern unter die Langstreckenspaziergänger und Naturgenießer geht. Also alles was Alpinengegenden angeht sind jetzt nicht so mein Terrain und mein letzter Aufstieg liegt bestimmt schon einige Zeit zurück. Keuchend, verschwitzt und mit brennenden Pomuskeln komm ich nach gefühlten 5 Stunden (tatsächlich waren es 1,5h) oben an und freu mich wie ein Schnitzerl über die zurückgelegten Höhenmeter. Geschafft. Whoop whoop! Ein King of the World Feeling. Ich kann mich nicht zurückhalten und schrei in die Berge hinaus. Normalerweise wär mir sowas wahrscheinlich mega peinlich, unterzuckert und mit gehobenem Adrenalinspiegel ists mir wurscht... Stadtmaus wird langsam zur Bergmaus.
Mystic Forest
Tappa 3: Premilcuore - Corniolo 18km, 600km Höhenkilometer Da der liebe Nevio gestern noch eine zweite Etappen dran gehängt hat, musste ich alleine in der Rifugio schlafen. Carla, meine Gastgeberin, war super süß und hat mir sogar eine Karte gezeichnet damit ich meinen Weg für heute problemlos finde. Nach meinem morgendlichen Tee ziehe ich also los. "Una tappa un po' dura" erwartet mich, nicht weil sie so lang wäre sondern weils in kurzer Zeit viele Höhenmeter zu bewältigen gibt. Let's see...
Day 3

12 April 2016

Premilguore - end of day 2
Well earned rest at the cascata with Nevio
Zum Monte Orlando rauf - 600 Höhenmeter gilt es zu überwinden - sind wir beide schweigsam. Diesmal aber geb ich das Tempo vor und Nevio ist erstaunt "Ah Claudia! you are so strrrong, you will be in Roma next week!!" Ich freu mich, weiß aber, dass es bis dahin noch einige Hügel zu überwinden gibt... Im Unterschied zum Jakobsweg, der zwar länger und höher gelegen ist, gibt es auf diesem Cammino anscheinend viel mehr Höhenmeter und ein ständiges Auf und Ab zu bewältigen. Oben angekommen freut sich Nevio über den kleinsten Vogel Europas, der sich zu unserer Pause hinzugesellt (natürlich hab ich vergessen wie der heißt...) und nimmt den Gesang sofort mit seinem Handy auf. Danach führt mich mein italienischer Indianer weiter durch den Wald. Wir sehen ein Caca de lupo (Nevios Spezialgebiet sind Wölfe), entdecken Spuren eines Wildschweins und dessen Abrieb an den Bäumen, und hören das Röhren eines jungen Capriolos (Reh). Ich fühl mich wie ein Pfadfinder.
Nevio ist natürlich ein totaler Bergfex und legt ein ganz schönes Tempo vor. Ich hab ihn auch kein einziges Mal trinken sehen oder sonst kurz Stehenbleiben sehen... Aber dann endlich nach 2,5 Stunden erreichen wir Portico, eine süßes kleines Örtchen, wo wir Pause machen. Mein italienischer Freund kauft mir also eine richtige große Jause, Äpfel, Bananen, Birnen, eine Art Brot mit Rosmarin und Olivenöl (eine typische Romagnische Spezialität, hab aber den Namen vergessen), Paninis mit Prosciutto und Käse und eine Nachspeise. Vor dem großen Anstieg meint er sollte ich zumindest ein bisschen was essen. An der entzückenden mittelalterlichen Brücke sitzend erklärt Nevio warum die Häuser und Kirchentürme hier überall Löcher haben: das sind Einfluglöcher für die zurückkehrenden Schwalben. Tatsächlich sehen wir ein paar Vogerl, die sich gerade einnisten. Schwalben sinds aber nicht, die kämen erst Ende April.
Portico de Romagna
Der erste Teil unserer heutigen Etappe ist relativ entspannt und erlaubt uns die Natur ganz genau zu betrachten. Als Ökologe kennt Nevio offensichtlich jedes Pflanzerl, Viecherl und Vogerl hier in seiner Heimat. Alle paar hundert Meter entdeckt er wieder was - da ein schöner Baum, dort ein Vögelchen, hier ein besonderer Landstrich. Ich lerne, wie Schwalben, Rotkelchen und Nachtigalle (-gälle oder Nachtigalls?) zwitschern, welche Bäume hier heimisch sind (Mandel-, Kirschen-, Oliven- und Feigenbäume) und dass wir einen der schönsten und ältesten Wälder Italiens in der vierten Etappe durchqueren werden.
Was ich gestern noch zu erwähnen vergaß, ein weiterer Pelligrino ist am Abend noch in Silvias Rifugio angekommen. Nevio aus Forli. Nevio begleitet mich also meiner zweiten Etappe und stellt sich als wunderbarer "accompagnatore" heraus. Er ist wie er mir in halb italienisch, halb englisch erklärt ein Ökologe und war bis vor kurzem der Direktor in einem Nationalpark nicht weit von dort wo wir heute losgingen. Wie ich geht er den Cammino um über seine berufliche Zukunft nachzudenken, was uns von Anfang an verbunden hat. Ich muss zugeben, dass es doch ganz nett ist einen Pilgerfreund dabei zu haben. Geredet wird oft sowieso nicht, weil einem sonst einfach die Puste ausgeht und - wie in unserem Fall - weil uns zu einer längeren Unterhaltung die Vokabel fehlen. Dennoch, man quatscht ein bisschen, genießt gemeinsam die atemberaubende Landschaft und freut sich über diese Erfahrung.
My ecologist guiding me through the flora and fauna of Romagna
Second Morning on the Cammino

11 April 2016

Das letzte Stück bevors ins Rifugio geht, führt mich durch den unglaublich schönen Montebello, ein wahrhaftiger Märchenwald wie man ihn sich als Kind den Brüdern Grimm lauschend vorstellt. Riesige Bäume, leuchtendes Grün, kleine Lichtungen mit Gänseblümchen überseet - che bellissimo! Ich, voll motiviert von dem wunderschönen Weg, stapfe also durch den Wald, fest davon überzeugt am richtigen Weg zu sein. Wäre aber wohl zu schön gewesen hätte ich mich am ersten Tag kein einziges Mal verirrt. In meinem Stimmungshoch nehme ich eine falsche Abzweigung zur Rifugio, die, wie sich nach 3km Umweg herausstellt, nur ein leerstehender Bauernhof ist. Damn. Motivation weg, die erste Blase macht sich bemerkbar und mein Knie schreit beim Bergabgehen. Ich kann nicht sagen, wie sehr ich mich auf die Rifugio von Silvia und ihrer Familie gefreut hab. Nach einer heißen Dusche, ein paar Dehnübungen und einem selbstgekochten Gericht von Silvia - Pasta!! wie könnte es anders sein - falle ich ins Bett.
Heiß wirds langsam. Die Sonne brennt runter und ich hab weder Wasser noch Gemüsebrühe mehr. Bevor ich umkippe setz ich mich unter den nächsten Baum in den Schatten und futtere meine zwei Protein-Riegel (aus Hanfsamen und Datteln) auf. So ganze ohne Frühstück und Mittagessen geht's wohl doch nicht. Tatsächlich hätte ich dem Cammino einfach vertrauen sollen, denn nach keinen 200m sehe schon die kleine Pilgerraststätte Agiturismo Pratello. Ein kleiner Bauernhof wo man nicht nur Aqua, Vino und Jause, sondern auch "kalte Bäder für piedi stanchi" bekommt. Alles was das Pelligrinoherz nach 17km Fußmarsch begehrt. Ich mach aber jetzt nicht schon wieder Pause, lass mir nur von dem netten deutschsprechendem jungen Bauern zeigen wo ich meine Flasche auffüllen kann und marschiere weiter.
Schritt für Schritt geh ich also weiter den Bergkamm entlang. Es geht rauf runter, auf Wegen und Straßen. Ich fange an zu Singen und mir wird klar warum es soviel Wanderslieder gibt, irgendwie muss man sich ja die Zeit vertreiben beim Gehen. Ich konzentriere mich auf das klack, klack, klack, klack meiner Wanderstöcke, das Zirpen irgendeines Viechs und versuche dazu 'Das Wandern ist des Müllers Lust' zu rappen. Sieht und hört mich ja keiner... Es kommt mir jedenfalls vor als wär ich ganz allein auf diesem Weg. Irgendwann fang ich dann auch an mit mir selbst zu reden. Auf Englisch oder Französisch mach ich das immer, da komm ich mir weniger blöd vor... Ich erzähl also einem imaginären Gegenüber auf Englisch, why the fuck I quit my job, und warum es die richtige Entscheidung war. Ich hab irgendwie immer noch ein bisschen das Gefühl als müsst ich mich, nicht nur vor anderen sondern auch vor mir selber rechtfertigen.
Nach weiteren 30min komm ich zu einer süßen kleinen Kirche wo ich mir eine kurze Pause gönne und mich über mein Gemüsesüppchen in meiner Thermoskanne freue. Hildegard von Bingen sagte, dass ein gesunder erwachsener Mensch leicht bis zur Mittagszeit ohne Essen auskommt (und selbst die Chinesen sind der Meinung, je weniger man den Magen belastet umso mehr Energie bleibt für anderes...), also will ich mich erstmal auch daran halten. Davon ganz abgesehen glaub ich, dass es sich einfach viel leichter geht ohne Marmeladesemmerl im Bauch.
7.30 Es geht los. Oder besser gesagt: Ich gehe los. Auf Richtung Monte Santo, der heilige Berg, dessen Genuss man sich erst durch einen schweren Aufstieg verdienen muss - wie in meiner Pilgerwegbeschreibung steht. Ich durchquere also das kleine Dorf Dovadola und komme bald zu dem Beginn des Camminos di Assisi. Nach den ersten 100m steil bergauf frag ich mich bereits warum ich mir das eigentlich antue. Die Vorstellung jetzt in Thailand, am Strand und so, gefällt mir in diesen Moment um einiges besser. Ich muss selber über mich lachen, geb' mir einen Ruck und steige steil bergauf weiter. Nach ca. 1h Anstrengung für Arsch und Wadeln werd ich dann mit einer Wahnsinnsaussicht über toskanische Weinberge belohnt und sehe meine Frage beantwortet.
Montebello
Taking a rest...
1.Tappa
Eremo di Sant'Antonio
View from Monte Santo
Prima Tappa: Dovadola - Capannina 23km
Morning at Rifugio Benedetta Dovadola